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Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)
Erste Homilie

5.

Es existierte doch etwas, wie es scheint, auch vor dieser Welt, was wohl unserer Logik erkennbar, aber, als für Anfänger und geistig Unmündige nicht geeignet, unerwähnt geblieben ist. Es gab einen Zustand vor Erschaffung der Welt, der den überweltlichen Kräften entsprach, der überzeitlich, zeitlos, ewig. In diesem Zustande hat aber der Schöpfer und Werkmeister des Universums Dinge geschaffen, ein geistiges Licht, entsprechend der Seligkeit derer, die den Herrn lieben, die vernunftbegabten, unsichtbaren Naturen1, sowie die ganze Ordnung der vernünftigen Welt, was alles unser Erkennen übersteigt, Dinge, für die wir nicht einmal eine Benennung zu finden vermögen. Diese machen die unsichtbare Welt aus, wie uns Paulus belehrt mit den Worten: „Denn in ihm ist alles erschaffen, das Sichtbare, und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Fürstentümer und Gewalten2”, die Heerscharen der Engel wie die Ämter der Erzengel. - Dann mußte auch noch diese (sichtbare) Welt zum Bestehenden hinzugefügt werden, vornehmlich als Lehr- und Erziehungsstätte für die Menschenseelen, sodann aber auch überhaupt als [S. 15] Aufenthalt für alles, was entsteht und vergeht. Naturgemäß kam so mit der Welt und den Tieren und Pflanzen auf ihr der Lauf der Zeit, die immer neu kommt und vergeht und nie ihren Lauf unterbricht. Oder ist die Zeit nicht so, daß ihre Vergangenheit verschwunden, ihre Zukunft noch nicht da ist, die Gegenwart aber unsern Sinnen enteilt, ehe man sie recht gewahr wird? Das ist aber auch die Natur alles Werdenden: jedenfalls nimmt sie zu oder ab und hat somit weder Bestand noch Dauer. So lag es also in der Natur der Tier- und Pflanzenwelt, daß sie notwendig gleichsam an eine Strömung gefesselt und einer Bewegung unterworfen ist, die zum Werden oder Vergehen forttreibt, umfangen von der Natur der Zeit, die, den wandelbaren Dingen verwandt, dieselbe Eigentümlichkeit besitzt3. Daher hub der, der uns weise über die Entstehung der Welt belehrt, mit den Worten an: „Im Anfange schuf”, d. h. in jenem Anfange der Zeit. Nicht um das höhere Alter der Welt allen gewordenen Dingen gegenüber zu bezeugen, sagt er, sie sei im Anfange geworden, sondern er erzählt, diese sichtbaren und sinnfälligen Dinge hätten nach den unsichtbaren und geistigen zu existieren angefangen. Es wird ja auch jede erste Bewegung „Anfang” genannt, z. B.: „Der Anfang eines guten Wandels ist, Gerechtigkeit zu üben4.” Denn mit den gerechten Handlungen nehmen wir den ersten Anlauf zu einem seligen Leben. Ferner heißt auch Anfang, woraus etwas entsteht, insofern nämlich etwas anderes in ihm ist, wie beim Hause das Fundament, beim Schiffe der Kiel. So heißt es doch auch: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit5.” Die Frömmigkeit ist ja gleichsam das Fundament und die Grundlage zur Vollkommenheit. Es ist aber auch die Kunst der Anfang für Kunstwerke, wie die Weisheit Beseleels der Anfang zur Ausschmückung des Zeltes war6. Oft ist der Anfang von Handlungen auch im ersprießlichen Ende des Geschehens zu suchen: So [S. 16] ist die Huld Gottes Anfang der Almosenspende, und einer jeden guten Handlung Anfang ist das Ende, das in den Verheißungen niedergelegt ist7.

1: vgl. Origenes, de principiis II, 1,3
2: Kol 1,16
3: vgl. Plato, Timäus c. 14; Plotin, ennead. II, 7,10-12
4: Spr 16,5
5: Spr 1,7
6: vgl. Ex c. 31
7: zur Definition von ὰϱχή vgl. Aristoteles, Metaph. IV, 1

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger