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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Sechstes Buch
IV. Kapitel

38.

1. Dies war es, was in Kürze von der Philosophie der Ägypter zu sagen war. Aber auch die Philosophie der Inder ist sehr berühmt.

2.1 Als Alexandros von Makedonien zehn [S. 263] Gymnosophisten der Inder, die als die besten und schlagfertigsten galten, als Kriegsgefangene in seine Gewalt gebracht hatte, legte er ihnen Fragen vor und drohte, den zu töten,2 der nicht treffend antworte; einen aber, den ältesten von ihnen, bestellte er als Richter.

3. Als nun der erste gefragt wurde, ob nach seiner Ansicht die Lebenden oder die Toten zahlreicher seien, antwortete er: die Lebenden; denn die Toten seien überhaupt nicht.

4. Der zweite antwortete auf die Frage, ob das Land oder das Meer größere Tiere hervorbringe: das Land; denn nur ein Teil von ihm sei das Meer.

5. Als der dritte gefragt wurde, welches Lebewesen das verschlagenste sei, antwortete er: dasjenige, das bis jetzt in seinem Wesen noch nicht ergründet wurde, nämlich der Mensch.

6. Als der vierte gefragt wurde, aus welchem Grunde sie den Sabbas, der ihr Fürst war, dazu veranlaßt hätten, von Alexander abzufallen,3 antwortete er: Weil sie wollten, daß er rühmlich lebe oder rühmlich sterbe.

7. Als der fünfte gefragt wurde, ob nach seiner Ansicht der Tag oder die Nacht früher dagewesen sei, antwortete er: Die Nacht um einen Tag;4 denn auf verzwickte Fragen müßten auch die Antworten verzwickt sein.

8. Als der sechste gefragt wurde, wie sich jemand am meisten beliebt machen könne, antwortete er: Wenn er der Stärkste sei, ohne gefürchtet zu werden.

9. Als der siebente gefragt wurde, wie einer aus einem Menschen ein Gott werden könne, antwortete er: Wenn er etwas tue, was zu tun für einen Menschen ummöglich sei.

10. Als der achte gefragt wurde, was stärker sei, das Leben oder der Tod, sagte er: Das Leben, das so viele Leiden ertragen könne.

11. Als der neunte gefragt wurde, wie lange es für einen Menschen wünschenswert sei, am Leben zu bleiben, antwortete er: Solange er nicht glaube, daß Totsein besser sei als Leben.

12. Da aber Alexandros auch dem zehnten etwas zu sagen befahl (er war nämlich der Richter), sagte er, es habe [S. 264] immer einer schlechter geantwortet als der andere. Da nun Alexandros sagte: "Mußt du demnach nicht auch zuerst sterben, da du ein solches Urteil fällst?", entgegnete er: "Und wie würdest du dann dein Wort, König, halten, da du sagtest, daß du zuerst den töten würdest, der am schlechtesten geantwortet habe?"5

1: Vgl. Plutarchos, Alexandros 64, von dem Clemens abhängig ist; Pseudo-Kallisthenes III 6 und den von U. Wilcken, Sitz.Ber. d. Ber. Akad. 1923 XXVI herausgegebenen Papyrus (dazu auch Crönert, Anzeiger der Phil.-Hist. Kl. d. Ak. d. Wiss. zu Wien vom 12. März 1924 Nr. VIII).
2: Nach Plutarchos und anderen Quellen drohte Alexandros, den, der am schlechstesten geantwortet habe, zuerst zu töten und die anderen der Reihe nach; auch der Schlußsatz setzt diese Drohung voraus.
3: Der Ausdruck "abfallen" ist eigentlich nicht richtig; die Maller waren noch nicht unterworfen worden; aber sie gelten doch als "Rebellen".
4: Wilcken will mit Plutarchos lesen: "der Tag um einen Tag"; vgl. aber Diog Laert. I 36.
5: Alexandros entnimmt der Antwort des Richters, daß dieser als letzter schlechter als alle anderen geantwortet habe; deshalb müsse er zuerst sterben. Der Richter dagegen folgert aus seiner Antwort, daß keiner am schlechtesten geantwortet habe und daher keiner zuerst, somit überhaupt keiner getötet werden dürfe. In der Tat entläßt Alexandros alle mit Geschenken.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger