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Basilius von Cäsarea († 379) - Ausgewählte Briefe

LXXXVI. (Mauriner-Ausgabe Nr. 366)

An den Mönch Urbicius (über die Enthaltsamkeit)1

[S. 327] Inhalt: Wesen und Segen der Enthaltsamkeit.

Du tust gut daran, wenn Du uns klare Begriffe schaffst, damit wir nicht bloß die Enthaltsamkeit kennen lernen, sondern auch deren Frucht. Ihre Frucht ist die Teilnahme an Gott. Nicht der Vernichtung anheimfallen heißt ja Anteil haben an Gott, wie das Vernichtetwerden das Los der Welt ist. Die Enthaltsamkeit bedeutet Verleugnung der Leiblichkeit und die Zugehörig keit2 zu Gott. Sie entkleidet sich alles Sterblichen und hat gleichsam den Geist Gottes zum Leibe, sie führt zur Verbindung mit Gott und kennt nicht Eifersucht noch Neid. Denn nur wer den Leib liebt, beneidet einen andern. Wer aber die(se) Zehrkrankheit nicht in sein Herz einläßt, ist fortan gegen jede Fährlichkeit gefeit: mag er auch dem leiblichen Tode verfallen, er lebt doch in der Unverweslichkeit fort. Wenn ich (der Frage) auf den Grund gehe, scheint mir Gott die Enthaltsamkeit zu sein, weil er nichts bedarf, sondern alles in sich hat, und er nach nichts begehrt und auch keine Leidenschaft kennt weder für das Auge noch für das Ohr. Vielmehr ist er bedürfnislos, er ist die Fülle des Alls. (Die) Begierlichkeit ist Krankheit der Seele wie die Enthaltsamkeit Gesundheit. Man darf aber die Enthaltsamkeit nicht nur in einer Form sehen, etwa als Enthaltsamkeit von sinnlicher Lust, sondern als Enthaltsamkeit von allem, wonach das Herz böslich begehrt, das sich mit dem (Lebens-)Notwendigen nicht begnügt: Es kommt zu Neid wegen Geld und zu tausend Ungerechtigkeiten wegen anderer Gelüste. Das Sichnichtberauschen ist Enthaltsamkeit wie auch das Nichtbersten vor Übersättigung. [S. 328] Enthaltsamkeit ist Zügelung des Leibes wie Beherrschung der bösen Gedanken. Wie oft verwirrt ein Gedanke die Seele, der weder gut ist noch wahr, und spaltet das Herz in tausend eitle Sorgen! Jedenfalls macht die Enthaltsamkeit frei, ist Arznei und Kraft zugleich. Sie lehrt nicht die Keuschheit, sondern sie bringt sie, Gottes Gnade ist die Enthaltsamkeit. Jesus erschien als die Enthaltsamkeit, da er leichter war als Erde und Meer: Ihn trug weder die Erde noch das Meer; vielmehr schritt er über das Meer hinweg und beschwerte auch die Erde nicht. Wenn das Sterben Folge der Auszehrung ist, der Auszehrung Überhobensein aber das Nichtsterben bedeutet, dann hat Jesus die Göttlichkeit bekundet, nicht die Sterblichkeit3. Er aß und trank auf eigene Art, ohne etwas vom Gegessenen von sich zu geben; so groß war in ihm die Macht der Enthaltsamkeit, daß die Speise in ihm sich nicht auflöste, weil er keine Auflösung kannte. Wenn auch nur einige Enthaltsamkeit in uns ist, so sind wir allen (Kreaturen) über. Denn auch von den Engeln haben wir vernommen, daß sie, unenthaltsam geworden, für ihre Begierlichkeit aus dem Himmel verstoßen wurden. Sie wurden gefesselt, nicht stiegen sie (freiwillig) herab. Was hätte denn dort die(se) Krankheit vermocht, wenn ein solches Auge dort gewesen wäre? Deshalb sagte ich: Wenn wir auch nur wenig Enthaltsamkeit hätten und uns nicht an diese Welt hängen würden, sondern an die jenseitige ewige, dann würden wir dort befunden werden, wohin wir den Geist emporsenden. Es scheint doch das ein Auge zu sein, was das Sichtbare zu schauen vermag. Es heißt ja auch: Der Verstand sieht, der Verstand hört.

Es mag Dir das, was ich geschrieben, wenig scheinen, und doch ist es viel, weil jedes Wort seine Bedeutung hat. Und ich weiß, daß Du es mit Verständnis lesen wirst.

1: Ein von den Maurinern nicht gekannter, erst 1845 von Kardinal Mai veröffentlichter Brief. - An Urbicius sind auch die Briefe Nr. 128 und 262 adressiert.
2: ὁμολογία
3: Im Deutschen ist das griechische Wortspiel: ϑεότητα οὐ ϑνητότητα nicht nachahmbar,

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger