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Basilius von Cäsarea († 379) - Ausgewählte Briefe
LXVII. (Mauriner-Ausgabe Nr. 223)

1.

„Es gibt eine Zeit zu schweigen und eine Zeit zu reden1”, lautet der Ausspruch des Predigers. So ist denn auch jetzt, nachdem genug Zeit des Stillschweigens verstrichen ist, der Augenblick gekommen, den Mund zu öffnen zur Enthüllung der Wahrheit über Unbekanntes. Ertrug doch auch der große Job lange Zeit in Schweigen die Heimsuchungen und bewies eben dadurch seinen Starkmut, daß er in den schwersten Leiden standhaft ausharrte. Als er aber lange genug in Stillschweigen gekämpft und mit dem in der Tiefe des Herzens verhaltenen Schmerz ausgehalten hatte, da öffnete er den Mund, um zu sagen, was alle wissen. Auch für uns ist dieses Jahr bereits das dritte Schweigejahr geworden, in dem wir uns das Lob des Propheten verdienen wollten: „Und ich ward wie ein Mensch, der nicht hört, und der in seinem Munde keine Widerrede hat2.” Darum verschlossen wir auch den aus der Verleumdung uns erwachsenen Schmerz in der Tiefe des Herzens. Denn Verleumdung demütigt in der Tat einen Mann, Verleumdung treibt den Armen herum3. Obschon also die Verleumdung ein so großes Übel bringt, daß sie auch den schon vollkommenen Mann — als solchen will ja die Schrift mit dem Ausdruck diesen Mann bezeichnen — von der Höhe herabstürzt, und den Armen herumtreibt, d. h. den, dem die großen Wahrheiten fehlen — so urteilt ja auch der Prophet, wenn er sagt: „Vielleicht sind sie arm und werden deshalb nicht hören; darum will ich zu den Vermöglichen gehen4”, indem er die arm nennt, denen die Einsicht abgeht, sowie denn auch hier das Sprichwort von denen, die dem innern Menschen nach noch nicht vollkommen sind und das Vollmaß des Alters noch nicht erreicht haben, sagt, daß sie [S. 259] herumgetrieben werden und schwanken —, so glaubte ich doch die schmerzlichen Vorfälle in Stillschweigen ertragen zu müssen — in Erwartung einer Besserung durch die Umstände selbst. Denn ich nahm an, daß man nicht aus Bosheit, sondern aus Unkenntnis der Wahrheit gegen uns gesprochen hat. Da ich aber sehe, daß ihre Feindschaft mit der Zeit zunimmt, daß sie das nicht bereuen, was sie zuerst gesagt haben, und das Geschehene wieder gutzumachen sich nicht bemühen, vielmehr mit neuer Anstrengung sich zusammenrotten, um ihren ursprünglichen Zweck zu erreichen, nämlich uns das Leben zu verbittern und unsere Achtung bei den Brüdern durch ihr Ränkespiel zu beflecken, so schien mir ein weiteres Schweigen nicht mehr angebracht. Vielmehr kam mir ein Wort des Isaias in den Sinn: „Ich habe geschwiegen. Soll ich aber immer schweigen und dulden? Ich war geduldig wie eine Gebärende5.” Möchten aber auch wir den Lohn für das Stillschweigen empfangen und einige Kraft zu ihrer Widerlegung erhalten, so daß wir dadurch jenen bittern Strom falscher Beschuldigung, den sie über uns ausgegossen haben, austrocknen und dann sagen könnten: „Unsere Seele ist durch einen Strom gegangen6”, und das andere Wort: „Wäre nicht der Herr bei uns gewesen, da die Menschen sich wider uns erhoben, vielleicht hätten sie uns lebendig verschlungen, vielleicht hätte das Wasser uns verschlungen7.”

1: Ekkl. 3, 7 [Ecclesiastes = Prediger].
2: Ps. 38, 15 [Hebr. Ps. 39, 15].
3: Vgl. Ekkl. 7, 8 [Ecclesiastes = Prediger].
4: Jer. 5, 4. 5.
5: Is. 42, 14.
6: Ps. 123, 5 [Hebr. Ps. 124, 5].
7: Ps. 123, 2—4 [Hebr. Ps. 124, 2—4].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger