Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Basilius von Cäsarea († 379) - Ausgewählte Briefe
LIII. (Mauriner-Ausgabe Nr. 160)

3.

Es steht geschrieben, sagt er, im Levitikus: „Die Schwester deiner Gattin sollst du nicht zu ihrer [S. 178] Nebenbuhlerin nehmen, und du sollst ihre Scham nicht aufdecken, solange jene noch lebt1.” Darnach wäre es nach ihm2 erlaubt, die Schwester der verstorbenen Gattin zu heiraten. Dagegen will ich zunächst folgendes sagen: Alles, was das Gesetz sagt, sagt es zu denen, die unter ihm stehen; sonst wären ja auch wir der Beschneidung, dem Sabbat und der Enthaltung von Speisen unterworfen. Denn wir werden doch wohl nicht dem Joche der Knechtschaft des Gesetzes uns fügen, wenn wir darin etwas finden, was unsern Lüsten zusagt, uns aber auf die Freiheit in Christus berufen, wenn im Gesetze etwas schwer scheint. — Wir wurden gefragt, ob es geschrieben stehe, daß man nach der Schwester eine zweite Schwester heiraten dürfe. Wir behaupten aber, mit Sicherheit und in Wahrheit sagen zu können, daß das nicht geschrieben steht. Was aber mit Stillschweigen übergangen ist, durch Folgerung zu schließen, ist Sache des Gesetzgebers, nicht dessen, der das Gesetz zitiert; denn so wäre es sonst einem, der es wagen wollte, auch erlaubt, die Schwester noch zu Lebzeiten der Gattin zu nehmen. Denn jenes Wort läßt auch diesen Trugschluß zu. Es heißt ja: „Du sollst sie nicht als Nebenbuhlerin nehmen”; also hat er3 sie nur als Nebenbuhlerin zu nehmen verboten. Ja, wer der Leidenschaft das Wort redet, wird feststellen, daß die Gemütsart der Schwestern ohne alle Eifersucht sei. Fällt nun der Grund weg, der die Ehe mit beiden verboten hat, was hindert dann noch, die Schwestern zu nehmen? Allein das steht nicht geschrieben, werden wir sagen. Doch auch jenes erste ist nicht festgelegt. Solche Schlußfolgerung gibt aber auch beiden Schwestern auf gleiche Weise die Freiheit. Doch er hätte auch auf das etwas Rücksicht nehmen sollen, was dem Gesetze vorausgeht, um so die Schwierigkeit zu lösen. Der Gesetzgeber will doch nicht alle Arten von Sünden erfassen, sondern besonders die Sitten der Ägypter, aus [S. 179] deren Mitte Israel ausgezogen war, und die der Kananäer, zu denen es versetzt wurde, verbieten. Die Stelle lautet nämlich also: „Nach der Gewohnheit des Landes Ägypten, in dem ihr gewohnt habt, sollt ihr nicht tun, und nach der Gewohnheit des Landes Kanaan, wohin ich euch führen werde, sollt ihr nicht tun, und nach ihren Satzungen sollt ihr nicht wandeln4.” Es ist daher wahrscheinlich, daß diese Art von Sünde damals unter den Völkern nicht begangen wurde. Deshalb hatte der Gesetzgeber nicht nötig, vor ihr besorgt zu warnen; vielmehr genügte die Sitte, ohne Belehrung jenes Laster zu verurteilen. Warum nun hat er das Schwerere verboten, das Unbedeutendere aber verschwiegen? Weil er glaubte, daß das Beispiel des Patriarchen5 vielen Wolllüstlingen schaden könnte und sie verleiten, mit den noch lebenden Schwestern zusammenzuwohnen. Was aber müssen wir tun? Sollen wir bei dem stehen bleiben, was geschrieben steht, oder noch darnach spüren, was mit Stillschweigen übergangen ist? So steht z. B. in diesen Gesetzen nicht geschrieben, daß Vater und Sohn nicht eine und dieselbe Beischläferin haben dürfen; bei dem Propheten aber wird das zum größten Verbrechen gestempelt: „Denn Sohn und Vater”, sagt er, „gingen zu derselben Dirne6.” Und wieviele andere Arten von unreinen Begierden hat der Unterricht der Dämonen erdacht, die göttliche Schrift hingegen verschwiegen, weil sie ihre Ehrwürdigkeit mit Benennungen schändlicher Dinge nicht beflecken wollte. Wohl aber brandmarkte sie die verschiedenen Arten von Unreinheit in allgemeinen Benennungen. So sagt auch der Apostel Paulus: „Hurerei aber und jede Unreinigkeit werde unter euch nicht einmal genannt, wie es Heiligen geziemt7”, wobei er in der Bezeichnung „Unreinigkeit” alle Schandtaten der Männer wie der Frauen einschließt. Daher gibt das Stillschweigen den Lüstlingen keineswegs zügellose Freiheit.

1: Lev. 18, 18.
2: Dem Briefschreiber.
3: Moses.
4: Lev. 18, 3.
5: Jakob, der zwei Schwestern zugleich zu Frauen hatte.
6: Amos 2, 7.
7: Eph. 5, 3.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung Briefe
Allgemeine Einleitung
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. XLV. (Mauriner-Ausgabe ...
. XLVI. (Mauriner-Ausgabe ...
. XLVII. (Mauriner-Ausgabe ...
. XLVIII. (Mauriner-Ausgabe ...
. IL. (Mauriner-Ausgabe ...
. L. (Mauriner-Ausgabe ...
. LI. (Mauriner-Ausgabe ...
. LII. (Mauriner-Ausgabe ...
. LIII. (Mauriner-Ausgabe ...
. . An Diodor
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. LIV. (Mauriner-Ausgabe ...
. LV. (Mauriner-Ausgabe ...
. LVI. (Mauriner-Ausgabe ...
. LVIL. (Mauriner-Ausgabe ...
. LVIII. (Mauriner-Ausgabe ...
. LIX. (Mauriner-Ausgabe ...
. LX. (Mauriner-Ausgabe ...
. LXI. (Mauriner-Ausgabe ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger