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Basilius von Cäsarea († 379) - Ausgewählte Briefe
VI. (Mauriner-Ausgabe Nr. 8)

7.

Die heiligen Jünger unseres Heilandes, angelangt bei der höchsten Erkenntnis, die Menschen erreichbar ist, und gereinigt kraft des Wortes1, fragen nach dem Ende und wünschen die letzte Seligkeit kennen zu lernen, von der unser Herr zu verstehen gab, daß weder seine Engel noch er selbst sie kenne. Dabei versteht er unter „Tag” [S. 34] die allseitige genaue Erfassung der Gedanken Gottes, unter „Stunde” aber die Anschauung der Einheit und Einzigkeit, deren Kenntnis er dem Vater allein zuschreibt. Meiner Meinung nach will nun damit von Gott ausgesagt sein, er wisse von sich das, was er ist, wisse aber nicht, was er nicht ist. So sagt man von Gott, er kenne Gerechtigkeit und Weisheit, da er selbst Gerechtigkeit und Weisheit ist, Ungerechtigkeit und Bosheit kenne er nicht; denn der Gott, der uns erschaffen, ist nicht Ungerechtigkeit und Bosheit. Wenn also von Gott gesagt wird, er wisse von sich das, was er ist, wisse aber das nicht, was er nicht ist, so ist nicht unser Herr das letzte begehrenswerte Gut — in Anbetracht seiner Menschwerdung und auch zufolge der gröberen Lehre; kennt ja doch unser Heiland das Ende und die letzte Seligkeit nicht. „Aber auch die Engel wissen nicht2”, sagt er, d. h. auch die ihnen eigene Anschauung und die Arten ihrer Dienste sind das letzte begehrenswerte Gut nicht. Denn auch ihre Erkenntnis ist noch grob im Vergleich mit der Anschauung von Angesicht zu Angesicht3. Nur der Vater weiß, sagt er, da er auch das Ende und die letzte Seligkeit ist. Wenn wir nämlich Gott nicht mehr im Spiegel4 und durch fremdartige Dinge erkennen, sondern zu ihm als dem Alleinigen und Einen gelangen, dann werden wir auch das letzte Ende wissen. Denn Christi Reich, heißt es, sei die ganze materielle Erkenntnis, das Reich Gottes und des Vaters sei die immaterielle und sozusagen die Anschauung der Gottheit selbst. Es ist aber auch unser Herr selbst das Ende und die letzte Seligkeit — laut dem Begriffe vom Logos. Was sagt er denn im Evangelium? „Und ich werde ihn auf erwecken am jüngsten Tage5.” Hier bezeichnet er mit „Auferstehung” den Übergang von der materiellen Erkenntnis zur immateriellen Anschauung, und mit „jüngsten Tag” weist er auf jene Erkenntnis, nach der es keine weitere mehr gibt. Dann nämlich wird unser Geist [S. 35] aufgerichtet und zur seligen Höhe emporgetragen, wenn er die Einheit und Einzigkeit des Logos schaut. Aber da unser Geist noch grob, an die Erde gefesselt und mit Lehm vermengt ist und einer reinen Betrachtung nicht fähig ist, so betrachtet er, folgend den Spuren der seinem Körper verwandten Schönheiten, das Wirken des Schöpfers und gewinnt zunächst aus den Werken eine solche Erkenntnis, daß er, auf diese Weise gefördert, einmal imstande ist, auch der unverhüllten Gottheit sich zu nahen. In diesem Sinn ist meiner Meinung nach auch das Wort gefallen: „Der Vater ist größer als ich6”, und das andere: „Es ist nicht meine Sache zu geben, sondern denen es bereitet ist vom Vater7.” Das besagt auch die Stelle vom Übergeben des Reiches seitens Christi an Gott und den Vater8, da ja Christus Erstling ist, nicht Ende, laut der gröberen Lehre, wie ich sagte, die ja uns im Auge hat, nicht den Sohn. Da dem so ist, so gab er seinen Jüngern, die in der Apostelgeschichte ihn wiederum fragten: „Wann wirst du das Reich Israel wiederherstellen?” die Antwort: „Es steht euch nicht zu, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat9.” Das will heißen: Für die, die an Fleisch und Blut gebunden sind, gibt es keine Kenntnis von einem solchen Reiche. Denn diese Anschauung hat der Vater in seinem Machtbereich niedergelegt. Unter „Machtbereich” versteht er die, welche unter seiner Macht stehen, unter den „Seinigen” aber versteht er die, welche nicht in der Unkenntnis der irdischen Dinge stecken bleiben. Denke mir aber ja nicht an meßbare Zeiten und Augenblicke, sondern an gewisse Abstufungen der Erkenntnis, die auf die geistige Sonne zurückzuführen sind. Es muß doch jenes Gebet unseres Herrn in Erfüllung gehen. Jesus ist es ja, der betete: „Gib ihnen, daß auch sie in uns eins seien, wie ich und du, Vater, eins sind10.” Einer ist ja Gott, und er ist in jedem; so eint er alle. Sobald aber die Einheit da ist, schwindet die Zahl. So habe ich denn ein zweites Mal mich an der [S. 36] Stelle versucht11. Wenn aber jemand etwa Besseres zu sagen weiß oder unsere Erklärungsversuche gottesfürchtig richtigstellt, so möge er reden und korrigieren, und der Herr wird ihn statt uns lohnen. Neid herrscht bei uns keiner, weil wir nicht aus Streitsucht oder Ehrliebe uns an die Prüfung der Stellen gemacht haben, sondern zum Nutzen der Brüder, damit nicht die irdenen Gefäße, die den Schatz Gottes enthalten, gefährdet scheinen durch die steinharten Herzen und unbeschnittenen Menschen, die aus der törichten Weisheit das Rüstzeug sich geholt haben.

1: Vgl. Joh. 15, 3: „Nunmehr seid ihr rein wegen der Rede, die ich zu euch gesprochen habe“.
2: Mark. 13, 32.
3: Diese Exegese von Mark. 13, 32 seitens Basilius’ kann ihre Schwäche nicht verhehlen.
4: 1 Kor. 13, 12.
5: Joh. 6, 40.
6: Joh. 14, 28.
7: Matth. 20, 23.
8: 1 Kor. 15, 24.
9: Apg. 1, 6—7.
10: Joh. 17, 21.
11: Die Stelle Joh. 14, 28 exegesiert Basilius eingehender in Contra Eunomium lib. I, c. 20 und lib. III, c. 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger