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Basilius von Cäsarea († 379) - Ausgewählte Briefe
II. (Mauriner-Ausgabe Nr. 2)

2.

Wir müssen versuchen, den Geist in Ruhe zu halten. Ein Auge, das immerfort herumschweift, bald seitwärts sich wendet, oft bald aufwärts, bald abwärts sich dreht, kann einen bestimmten Gegenstand nicht genau sehen. Vielmehr muß man den Blick auf das Sehobjekt heften, wenn man von ihm eine genaue Ansicht bekommen will. So kann auch der menschliche Geist, von tausend weltlichen Sorgen beschwert, unmöglich in die Wahrheit scharf eindringen. Wer nun aber noch nicht durch das Band der Ehe gebunden ist, den [S. 13] jagen tolle Begierden, fast unbezähmbare Reize und unselige Liebeshändel. Wer aber schon durch das Eheband gebunden ist, den nimmt ein anderer Schwarm von Sorgen auf: bei Kinderlosigkeit das Verlangen nach Kindern, im Falle des Kindersegens die Sorge um die Kindererziehung, die Bewachung der Frau1, die Fürsorge für das Haus, die Aufsicht über das Gesinde, Nachteile bei Verträgen, Reibungen mit den Nachbarn, gerichtliche Verwicklungen, das Risiko beim Handel, die Mühen der Landwirtschaft. Jeder Tag, der kommt, bringt eine neue Verfinsterung der Seele, und die Nächte übernehmen die Sorgen des Tages und umgaukeln den Geist mit gleichen Träumen. Dem zu entkommen gibt es nur einen Weg: die Lostrennung von aller Welt. Die Flucht aus der Welt ist aber nicht ein bloß leibliches Abschiednehmen von ihr, sondern ein Losreißen der Seele von ihrer Anhänglichkeit an den Leib, ist ein Verzichten auf Heimat und Haus, auf Eigentum und Freunde, auf Besitz und Lebensunterhalt, auf Geschäft und Gesellschaft und menschliche Wissenschaft, ist die Bereitschaft, die Weisungen aus der göttlichen Schule mit dem Herzen aufzunehmen. Die Bereitstellung des Herzens besteht aber im Verlernen der Theorien, die als Folgen schlechter Gewohnheit es zuvor beschlagnahmt haben. Denn wie man in Wachs nicht schreiben kann, ohne zuvor die Buchstaben darin zu tilgen, so kann man auch einer Seele göttliche Lehren nicht beibringen, ohne zuvor ihre der Gewohnheit entstammten Vorurteile zu beseitigen. Zu diesem Zwecke ist uns die Einsamkeit von größtem Gewinn: sie schläfert unsere Leidenschaften ein und gibt der Vernunft Muße, sie gänzlich aus der Seele auszurotten. Wie nämlich die wilden Tiere, einmal gezähmt, leicht zu bändigen sind, so sind auch die Lüste, die Erregungen des Zornes, Furcht- und Traueranwandlungen, diese Giftbruten der Seele, wenn durch die Ruhe eingeschläfert und nicht durch fortgesetzte Reizung wild gemacht, durch die Macht der Vernunft leichter niederzukämpfen. Demnach muß die Einsiedelei derartig sein wie es die unsrige ist, abgesondert von allem Verkehr mit [S. 14] Menschen, so daß eine fortlaufende Aszese durch nichts von der Außenwelt eine Unterbrechung erleidet. Religiöse Übungen aber nähren die Seele mit göttlichen Gedanken. Was gibt es Seligeres, als den Chor der Engel auf Erden nachzuahmen — gleich mit Tagesanbruch zum Gebete aufzustehen, mit Hymnen und Gesängen den Schöpfer zu ehren, dann bei hellem Sonnenschein ans Werk zu gehen, überall die Sonne mit dem Gebet zu begleiten und die Arbeiten mit Lobgesängen wie mit Salz zu würzen? Die Tröstungen, die in den Lobgesängen liegen, schaffen ja eine heitere und frohe Seelenstimmung. Ruhe ist daher für die Seele Anfang der Reinigung: nicht redet die Zunge von menschlichen Dingen, nicht sieht sich das Auge um nach gefälligen Körperfarben und -formen, nicht lähmt das Ohr die Spannkraft der Seele im Aufhorchen auf Lieder, die auf die Lust gestimmt sind, oder auf Gespräche von oberflächlichen Menschen und Witzbolden. Gerade das letztere ist dazu angetan, der Seele die Spannkraft zu nehmen. Denn ein Geist, der nicht nach außen hin sich zerstreut, der nicht durch die Sinnesorgane in die Welt sich ergießt, kehrt in sich selbst zurück und erhebt sich von selbst zum Gedanken an Gott. Im Lichte dieser Schönheit kommt er bis zum Vergessen seiner Natur: er läßt sich nicht niederziehen von den Sorgen um Nahrung und Kleidung, sondern frei von irdischen Sorgen stellt er sein ganzes Streben ein auf den Besitz der ewigen Güter; er sucht Mittel und Wege, Mäßigung und Starkmut, Gerechtigkeit und Klugheit2 sich anzueignen und die übrigen Tugenden, die als Unterabteilungen dieser Klasse dem Eifrigen es ermöglichen, in allweg den Forderungen des Lebens entsprechend nachzukommen.

1: Oder: „Die Obhut über die Gattin”.
2: Die vier Kardinaltugenden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger