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Ephräm d. Syrer († 373) - Ausgewählte nisibenische Hymnen (Carmina Nisibena)

II.

1. Über unsern Herrn und über den Tod und den Teufel.

35.

Nach der Melodie: Horn und Trompete.

Der Ruf erscholl. – Da eilten herbei die Scharen Satans mit seinen Dienern. [5] Das Lager des Unkrauts versammelte sich ganz, weil sie sahen, daß Jesus zum Ärger der ganzen linken Seite [d. h. der Partei der Gottlosen] glorreich sei. Weil niemand unter ihnen war, der nicht Qual empfand, so fing ein jeder an, aufzuzählen, [10] was alles sie zu ertragen hätten. Die Sünde und die Unterwelt1waren bestürzt, der Tod zitterte, da die Toten sich empörten, und Satan, da die Sünder sich gegen ihn erhoben. – [Kehrvers:] Preis dir, denn bei deinem Anblick geriet Satan in Verwirrung!

[15] Die Sünde rief und erteilte ihren Söhnen, den Dämonen und Teufeln, Rat und sprach zu ihnen: „Legion2, das Haupt eures Reiches, ist nicht mehr; [20] das Meer hat ihn und seine Gesellen verschlungen. Auch euch wird dieser Jesus, wenn ihr gleichgültig bleibt, zugrunde richten, euch, die ihr doch den Salomon gefangen habt. Eine Schmach wäre es also, [25] wenn ihr den Jüngern, den Fischern und ungelehrten Leuten, unterliegen würdet. Seht, sie haben schon Menschen gefangen, die unsere Beute waren.“

„Das ist das größte aller Übel“, [30] sprach nun Satan in bezug auf unsern Erlöser; „es genügte ihm nicht, uns zu berauben, sondern er begann, sich an uns wegen Jonas, des Sohnes Mattais, zu rächen. [35] An Legion nämlich nahm er Rache für ihn, den er ergriff und ins Meer warf. Jonas kam nach drei Tagen wieder ans Trockene, Legion aber auch nicht nach langer Zeit, [40] denn die Tiefe des Meeres hält ihn auf Christi Befehl fest.

Ich reizte ihn nach seinem Fasten3durch das lockende Brot, aber er begehrte nicht danach. [45] Zu meinem Verdrusse habe ich mich bemüht, einen Psalm zu lernen4, damit ich ihn mit seinem Psalm fangen könnte. Vergebens; da wiederholte ich es ein zweites Mal, er machte aber meine Wiederholung erfolglos. Ich führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm [50] alle Güter, bot sie ihm an, er ließ sich aber nicht verlocken. Glücklicher war ich in den Tagen Adams; denn er verursachte mir nicht soviel Mühe, ihn zu überreden.“

Satan überging nun seine [weitere] Mühe [55] und fuhr fort: „Zum Nichtstun gereicht mir [zwingt mich] dieser Jesus; denn sieh, sogar Zöllner und Buhlerinnen nehmen zu ihm ihre Zuflucht. Was für eine Arbeit soll ich mir fürderhin suchen? [60] Bei wem soll ich, der ich bisher der Lehrer aller Menschen war, in die Schule gehen?“ Da nahm die Sünde wieder das Wort: „So muß ich denn ablassen und aufgeben das, was ich bin; [65] denn dieser Sohn Marias, der da kam, hat die Menschheit zu einer neuen Schöpfung gemacht“5.

Der gierige Tod heulte und sprach: „Nun habe ich fasten gelernt, [70] das ich sonst nicht kannte. Seht, Jesus sammelt die Menge um sich, sein Gastmahl aber kündet mir Fasten an. Dieser eine Mensch schließt mir den Mund, der ich den Mund vieler schloß.“ [75] Die Unterwelt aber sprach: „Ich muß meine Freßgier hemmen, es ist nun Hungerszeit. Dieser da, der bei der Hochzeit sich glorreich zeigte, verwandelt wie das Wasser in Wein, so auch das Gewand der Toten zum Leben.

[80] Auch hat Gott die Sintflut gesandt und die Erde abgewaschen und sie von ihren Schulden gereinigt; auch Feuer und Schwefel ließ er über sie kommen, [85] um sie von Flecken zu reinigen. Durch das Feuer gab er mir die Sodomiter und durch die Flut die Riesen. Er schloß den Mund der Leute Sanheribs und öffnete den [Rachen] der Unterwelt. [90] Dieses und Ähnliches machte mir Freude. Aber statt der Todesstrafen der Gerechtigkeit hat er nun in seinem Sohn Wiederbelebung der Toten in seiner Gnade verliehen.“

„Es kamen mir Propheten und Gerechte zu Gesicht“, [95] sprach Satan zu den Seinen, „obgleich gewaltig waren ihre Kräfte, so war doch ein Hauch von mir in ihnen; denn das Gebilde der Menschenkinder [100] hat etwas von unserm Sauerteig an sich. Dieser ist zwar mit Adams Leib bekleidet, aber es verwirrt uns, daß unser Sauerteig über ihn ohnmächtig ist. Mensch ist er nämlich und Gott; [105] denn seine Menschheit ist mit seiner Gottheit vermischt.

Ich habe Adam gesehen, jene Quelle, aus der alle Geschlechter hervorgingen. [110] Seine Kinder habe ich erforscht und jeden einzelnen versucht, doch niemals sah ich einen Menschen, der zu einem Teile Gott war und zur andern Hälfte Mensch. Moses, der im Lichtglanz strahlte, [115] auch ihn habe ich versucht und durch seine Zunge in Verwirrung gebracht; diesen aber nicht einmal in seinem Innern; denn die Quelle seiner Gedanken ist völlig rein.

Die Fleischeslust [120] steckt in jedem Körper, daß sie sogar, wenn sie schlafen, in ihnen wach bleibt. Wer in wachem Zustande sich rein erhält, den verwirre ich im Traume. [125] Die Unreinheit des Fleisches erregt sich durch eine geheime Bewegung in seinem Innern; Wachende und Schlafende also bringe ich in gleicher Weise in Unruhe. Dieser allein ist rein, [130] so daß ich ihn nicht einmal im Traume erregen konnte; denn auch im Schlafe ist er makellos und heilig.

So war denn auch seine Kindheit anders als die anderer Knaben, [135] die ich kennen lernte; an ihm fand ich keinen Anteil an dem Meinigen. Schon in seiner Kindheit hatte ich Furcht vor ihm, darum trieb ich den Herodes an, damit er mit den Kindern ermordet würde, [140] Doch auch das, daß er entkam, verstärkte meine Furcht; denn wie konnte er von unserm Geheimnis Kenntnis haben? Er empfing die Gaben der Magier, spottete unser, da er entkam und unserm Schwerte entging.

[145] Ich sah Knaben, Söhne Gerechter, und Kinder, Söhne züchtiger Frauen, und prüfte sie einzeln vom Mutterleibe an [150] und entdeckte in ihnen unsern Sauerteig, daß sie zornmütig, zum Lästern geneigt, hitzig und gierig waren, Früchte, die erst durch den Unterricht reif und süß wurden. [155] Dieser aber war schon von seinem Entsprossen an eine gute Frucht, die voll Süßigkeit war, denn durch sie wurden die Sünder süß.

Schon als unmündiges Kind ward er zum Lehrer [160] für die Menschen; über den Glanz, der über ihm war, wunderte sich schon jener Priester, der ihn trug. Mit der Weisheit der Greise war er [schon] bekleidet. Joseph trat ehrfurchtsvoll vor ihm zurück, [165] seine Mutter durfte sich seiner rühmen. Eine Hilfe war er in seiner Jugend allen, die ihn sahen, ein Beistand denen, die ihn kannten. Vom Tage an, an dem er in die Welt trat, [170] war er ein Helfer der Menschheit durch seine Wundertaten.

Woher ist nun also diese Frucht Mariens entsprossen, die Traube, deren Wein nicht von natürlicher Art ist? [175] So schwebe ich nun zwischen Verlegenheiten; denn ich fürchte, wenn ich ihn frei gewähren lasse, daß jene mit seiner Lehre Süßigkeit annehmen, die meine Bitterkeit an sich tragen; [180] es schaudert mich aber auch, ihn zu keltern und zu treten, damit er nicht etwa zu neuem Weine werde für die Sünder, die dann, sobald sie von ihm berauscht sind, ihre Götzen vergessen.

Seht, vor beidem fürchte ich mich, [185] vor seinem Tode wie vor seinem Leben.“ – Dem Bösen antworteten nun seine Diener und rieten ihm: „Wenn auch beides uns hart ankommt, [190] so ist die Sache doch für uns etwas leichter, wenn wir seinen Tod wählen und nicht sein Leben; sein Tod möge uns sagen, ob jemals einer von den Gerechten wieder zum Leben ward erweckt. [195] Keiner von den Heldensöhnen und Glorreichen kam aus Scheols Rachen je zurück.“

[Satan:] „Des Windes Wehen mag der Mensch erforschen, [200] wer aber kann Mariens Sohn durchschauen? Als er weinte, wurde ich durch seine Tränen getäuscht, und als ich ihm sagte, er solle sich vom heiligen Tempel herabstürzen, wähnte ich, er wollte sich aus Furcht nicht herabstürzen. [205] Als sie ihn vom Berge herabstürzen wollten, flog er in die Luft davon6. Ermüdet saß er ferner am Brunnen7. Diese verschiedenen Erscheinungen an ihm vermag ich nicht zu deuten: er wandelte sowohl auf dem Festlande wie auf den Fluten.

[210] Ich sah ihn hungern wie einen Menschen, und doch wurde [dieser Befund] wieder gegenstandslos durch die Brotvermehrung. Gleich zu Anfang forschte ich ihn aus und ging hin, [215] er aber stellte Fragen wie ein Unwissender. Auch das wurde hinfällig, da er zeigte, daß er auch das Verborgene wisse. Er wählte ferner den Iskariot, als kännte er ihn nicht, [220] und wieder zeigte er, daß er ihn kannte, obgleich [auch] er die Binde- und Lösegewalt hatte. Ich täuschte mich in ihm, da er sich taufen ließ; denn er tauchte empor und versenkte mich.

Doch ein Zeichen, das ich an ihm sah, [225] gibt mir den Mut wieder, mehr als alles andere. Als er nämlich betete, sah ich ihn, und ich freute mich, daß er seine Farbe veränderte und von Furcht ergriffen ward, und es wurde sein Schweiß zu Blutstropfen, [230] da er merkte, daß sein Tag gekommen sei. Dies Zeichen gefiel mir über alles, wenn er mich nicht auch dadurch wieder getäuscht hat. [235] Wenn er mich also täuscht, dann ist es um mich und um euch, meine Helfer, geschehen.“

Nun zürnt die Versammlung der Dämonen: „Abscheulich ist das Zeichen, das wir an dir sahen. [240] Denn noch niemals ist dir es so ergangen. Sonst zeichnetest du dich aus durch kurze Ratschläge, [jetzt] erobert Mariens Sohn die Festungen, und du hältst lange Reden. Auf, hinaus! Laß uns kämpfen mit ihm! [245] Eine Schmach ist’s doch für uns, wenn viele von einem überwunden werden. Wenn Schmerz du hast oder Furcht, so gib uns einen Rat für den Kampf und bleib zu Haus!“

[Satan:] „Dieser Jesus, – [250] von seinen Worten kann ich lernen, ihn zu bekämpfen. Sprach er doch [einmal]: Wenn Satan mit sich selbst uneins ist, kann er nicht bestehen8. [255] Indem er uns bekriegen will, hat er uns die Waffe wider ihn gegeben. Geht, entzweit mir seine Jünger; wenn diese unter sich uneins sind, dann seid ihr Sieger. [260] Durch die Schlange und Eva9, diese schwachen Wesen, durch seinesgleichen besiegte ich den ersten Adam.“

Der Tod antwortete nun dem Teufel und sprach: ,,Was ziehst du dich zurück, [265] was du sonst nicht tatest? Bist du doch Geringen und Unbedeutenden mit Eifer nachgegangen; womit willst du Jesus, der größer ist als alles, fangen? [270] Die Kraft seiner Pfeile, die er auf dich schleuderte, als er von dir versucht wurde, fürchtest du. Du und ich und deine Getreuen, – zu schwach ist unsere Schar zum Kampfe gegen Mariens Sohn.

[275] Ich rate dir, wenn überhaupt uns dieser Kampf noch etwas zu tun gestattet: Geh hin und fahre in seinen Jünger, [280] daß das Oberhaupt sich mit den Oberhäuptern bespreche; dann laß dein ganzes Heer los, daß es hinziehe und die Pharisäer aufreize. Sprich aber nicht barsch, wie du sonst gewohnt bist: [285] Wenn du Gott bist, stürze dich hier hinab, sondern küsse ihn mit Liebe und verrate ihn, und dann wollen wir auftreten lassen den Neid und das Schwert der Leviten.“

Die Gedichte 36 – 41, die noch zu derselben Gruppe gehören, enthalten hauptsächlich bewegliche Klagen des Todes über den Verlust seiner Macht infolge des Todes Christi. Die Grundlage bilden vielfach Ereignisse des Alten [besonders Nr. 39] sowie des Neuen Testamentes. In Nr. 40 rühmt sich der Teufel seiner Siege über die Menschen; ebenso in Nr. 41, doch fürchtet er, durch den am Kreuze hängenden Heiland eine Niederlage zu erleiden; seine Scharen suchen ihn zu trösten.

1: Nach alttestamentl. Sprachgebrauch Scheol genannt.
2: Vgl. Mark. 5,9; Luk. 8,30.
3: Matth. 4,1 ff.; Luk. 4,1 ff.
4: Ps. 90,11 f. werden vom Teufel zitiert.
5: Gal. 6,15; 2 Kor. 5,17
6: In Nazareth, Luk. 4,29.
7: Vor Sichar, Joh. 4,6.
8: Matth. 12,25 – 27
9: Wortspiel: hewja – Schlange, hawa – Eva

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger