Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ephräm d. Syrer († 373) - Ausgewählte nisibenische Hymnen (Carmina Nisibena)
I.
3. Über Edessa.

27.

Ein dritter Hymnus nach derselben Melodie.

Im vorliegenden Hymnus wird die Kirche von Edessa wie oben die von Nisibis selbst als sprechend eingeführt.

Herr, den Ärzten ist’s wohl leicht, ein Glied abzuschneiden, aber nicht so leicht ist’s ihnen, es wieder an seiner Stelle anzufügen. [5] Dir, Herr, ist beides leicht, denn Gott bist du. – [Kehrvers:] Höre die Stimme des Rufes meiner Kinder!

Zwölf Jahre lang entblößten die Ärzte [10] jene blutflüssige Frau1, sie entblößten sie, halfen ihr aber nicht. Wenn sie sie geheilt hätten, war es schon etwas Unehrbares, um wieviel mehr, da sie sie nicht heilten.

Während jene sie entblößten, [15] hast du sie gereinigt und geheilt, als sie verhüllt dein Gewand berührte und nicht einmal deinen Körper. Das Gewand reinigte sie ganz, als Heilmittel erwies es sich ihr.

[20] Wie sehr hast du doch, o Herr, deine Kirche in Scham versetzt! Sieh, so ist sie in Verachtung geraten, daß die Vorübergehenden vom Wege abbiegen, um ihre Schmach zu sehen; die hinfällige Frau hast du gereinigt, [25] und deine Braut hast du bloßgestellt.

Auch steht die Dauer meiner Krankheit in keinem Verhältnis zur Krankheit jener, sechs Jahre2erst dauert sie, die Hälfte der Jahre jener. [30] Heile auch das jüngere Leiden, der du das alte geheilt hast!

Wenn du nun, weil ich ein wenig abstoßend geworden bin, mich verlassest und verstößt, wie kann dir dann noch ein Mann verhaßt sein, [35] der sein Weib verachtet, weil es häßlich geworden ist? Erbarme dich meiner Häßlichkeit und lehre [so durch dein Beispiel], daß jener auch seiner Ehegattin die Liebe bewahrt!

Lia, die ungeliebte, hast du wohlgefällig gemacht3; [40] ihre Augen waren glanzlos, ihre Kinder aber waren sehr schön; mich, Herr, die ich schön bin, schmähen meine Kinder.

Du allein und deine Mutter, [45] ihr seid viel schöner als alles, keine Makel ist an dir, Herr, und kein Fehl an deiner Mutter; welcher von diesen beiden Schönheiten lassen sich meine Kinder vergleichen?

[50] Dein Vater ertrug jene schändliche Menge, die um das [goldene] Kalb hurte, darum ist auch ihr Sproß verhaßt, der gleichsam nach dem Vorbild [55] jenes fremden Götzen gestaltet ist.
Der Apostel4hat mich dir verlobt als reine Jungfrau; das Kalb meiner Väter [65] hasse ich, Herr, nur dir bin ich zugetan; möchten doch die Kinder meiner Herde nicht ihre Brüder verwunden!

Von jenem Lamme stammen sie ab, das die Züchtigung ertrug, ohne seinen Mund aufzutun, [70] das geschlachtet wurde, ohne zu klagen, das gekreuzigt wurde, ohne daß es murrte, und das, zum Leben erweckt, sich abmühte, seinen Mördern das Leben zu verleihen5.

Nicht Adam hat euch gezeugt, [75] der sich gegen das Gesetz empörte, noch sein Sohn, der freventlich ohne Grund seinen Bruder erschlug: Söhne des Geistes seid ihr, und Kinder, aus dem Wasser geboren.

[80] Auch von mir kann ich euch erzählen, daß man mich steinigte, ohne daß ich zornig wurde, daß man mich kreuzigte, ohne daß ich schmähte, daß man mich verbrannte, ohne daß ich Fluchworte ausstieß6. Machet euch ähnlich eurem Herrn, [85] befolget das Beispiel eurer Mutter!

Schlangenbrut wurden die Menschen genannt, nicht wegen ihrer Natur, sondern wegen ihrer Taten; [90] denn das Gift des freien Willens übertrifft noch das der Schlangen.

So wurden die Menschen auch Götter genannt, nicht wegen ihres Wesens, [95] sondern wegen der Gnade; diese nämlich knüpfte zwischen sich und euch ein Band der Verwandtschaft.

Ein Wunder ist's, daß Gott sich mit euch verbrüderte, [100] ihr aber habt das Band eurer Verwandtschaft mit ihm zerschnitten; denn wie wenn er ein Geschöpf wäre, habt ihr den Schöpfer zum Verwandten erhalten.

Dir sei Ruhm, mein Gott, [105] daß du uns nicht mit den Geschöpfen, sondern mit dir selbst, dem Herrn alles Geschaffenen, verbrüdert hast! Preis sei dieser Vereinigung!

[110] Denn etwas Wunderbares wäre es nicht gewesen, wenn wir mit der [übrigen] Schöpfung zusammen als verwandt angesehen worden wären, denn die Schöpfung ist nur eine. Gepriesen sei der Herr, der wollte, daß seine Knechte seine Brüder seien!

1: Luk. 8,43; die in den folgenden beiden Strophen sich findende Gegenüberstellung ist beeinflußt durch das Zeitwort „nakkef“ „erröten machen“ und „reinigen“.
2: Daß das Schisma schon sechs Jahre dauerte, sagt Ephräm auch in H. 28,38.
3: Gen. 29,17 ff.
4: Thomas
5: Jes. 53,4.
6: Edessa verweist auf die Zahl ihrer Martyrer

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorwort: Ausgewählte nisibenische Hymnen
Vorwort
Bilder Vorlage

Navigation
I.
. 1. Die Kriegsnöte ...
. 2. Die Bischöfe von ...
. 3. Über Edessa.
. . Vorwort: Über Edessa.
. . 27.
. . 28.
. . 29.
. . 30.
. 4. Über Harran.
II.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger