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Ephräm d. Syrer († 373) - Ausgewählte nisibenische Hymnen (Carmina Nisibena)
I.
1. Die Kriegsnöte der Stadt Nisibis.

5.

Nach der Melodie: Seufzend deine Herde.

Um den Vormarsch Sapors aufzuhalten, hatten die Römer im Frühjahr 359 alles Land in der Umgebung verwüstet und geplündert [vgl. Ammianus Marcellinus 18,3]; Nisibis bittet, daß das Nötigste erhalten bleiben möchte. – Der Hymnus ist ein alphabetischer; teilweise treten einzelne Buchstaben wiederholt auf, doch ist das Alphabet nicht zu Ende geführt.

Laß hören in deiner Gnade Rettungsbotschaft! Indem unser Gehör zur Durchgangspforte geworden ist [5] haben furchtbare Nachrichten unser Gemüt erschüttert. – [Kehrvers] Preis sei deinem Siege, Ruhm deiner Herrlichkeit!

Ermutige mit Erträgen, [10] wenn auch klein und gering, jene, die nur Schaden bei ihren Mühen davongetragen haben; in Zeiten des Gewinnes [Ernte] wurde Mangel ihr Anteil.

[15] Ersichtlich ist’s, daß jener Zorn mitten in die Welt getreten ist; Verlust und Gewinn verteilte er übelwollend, bald Vernichtung bringend, [20] bald Glück im Übermaß.

Um so zu zeigen, daß er die Macht hat, hat er auf jede Weise mich heimgesucht; er hat, als er sah, daß mir die Verfolger furchtbar vor den Augen standen, [25] mich vor meinen Kindern zu Boden gestreckt, und es haben mich meine Freunde geschlagen.

Ja, er lehrte mich, nur ihn zu fürchten und nicht die Menschen. Wenn niemand ist, der uns schlägt, [30] da greift sein Zorn befehlend plötzlich ein, und jeder streckt sich hin, und er ist’s, der die Schläge austeilt.

Und sogar den Babylonier, der alle Könige unterworfen hatte, ließ er, [35] als er hoffend sich vermaß, daß niemand mehr wäre, der ihm entgegentrete, sich selbst mit eigener Hand zerfleischen1.

Seine Majestät und sein Geist [40] verschwanden auf einmal plötzlich; er zerriß und warf die Kleider von sich, lief fort und irrte in der Wüste umher; zunächst verfolgte er sich dann selbst, dann verfolgten ihn seine Knechte.

[45] Er zeigte so allen Königen, die er in die Gefangenschaft geführt hatte, daß nicht er mit seiner Macht es vollbracht hatte, sie zu unterjochen, sondern die Macht, die ihn selbst nun traf, [50] sie war es, die sie gezüchtigt hatte.

Ich habe ertragen und ausgehalten, Herr, die Schläge meiner Beschützer; du vermagst in deiner Gnade Gutes zu vollbringen durch die Feinde, [55] du kannst aber auch in deiner Gerechtigkeit züchtigen durch die Helfer.

An dem Tage, an welchem das Heer gegen Samaria zum Angriff heranzog, mußten [die Feinde] Genüsse und Freuden, [60] Schätze und Reichtümer völlig im Stich lassen und fliehen2; er bereicherte es durch seine Belagerer.

Es umgaben mich meine Freunde mit einer Mauer, Hilfe brachten meine Befreier, [65] aber wegen der Sünden meiner Bewohner suchten mich meine Helfer heim3. Gib mir zu trinken von meinen Reben einen Becher des Trostes.

Die Ähre und den Weinstock, Herr, [70] beschütze in deiner Gnade. Es bringe Trost dem Landmanne der Weinstock des Winzers, Freude bereite dem Winzer die Ähre des Landmannes.

[75] Ähre und Rebe gehören zueinander; auf dem Felde vermag der Wein die Schnitter zu erquicken, im Weinberge hinwieder [80] gibt das Brot dem Winzer Kraft.

Auch mich könnten diese beiden in meinen Sorgen trösten, doch mehr vermag mit seinem Troste der Dreieinige, [85] den ich preisen muß, weil ich sobald durch seine Gnade errettet wurde.

Wenn nun jemand, dessen Leben durch die Güte erhalten blieb, murrend einhergeht [90] wegen des Verlustes seines Vermögens, dann zeigt er sich unwürdig der Gnade dessen, der ihn verschonte.

Nach seinem Ratschlüsse wollte er das eine an Stelle des andern vernichten; [95] er vernichtete das Vermögen und ließ den Besitzer am Leben, er zerstörte unsere Pflanzungen an Stelle unseres Lebens.

Hüten wir uns, zu murren, [100] damit nicht sein Zorn erwacht und er den Besitz zwar verschont, die Besitzer selbst aber schlägt, und wir so am Ende einsehen, daß zuvor [beim Verlust des Vermögens] doch nur die Gnade waltete.

[105] Möchten wir doch einsehen, wogegen wir uns eigentlich auflehnen müßten! Lerne anzukämpfen nicht gegen den Erzieher, sondern gegen deinen Willen, [110] der dich zur Sünde reizt und straffällig macht.

Lassen wir ab vom Murren und widmen wir uns dem Gebete! Denn wenn der Besitzer untergeht, hört für ihn auch sein Vermögen auf, [115] solange er aber am Leben bleibt, kann er dem Verlorenen nachgehen.

Möchten doch die Tröstungen recht zahlreich werden durch das Erbarmen mit meinen Bewohnern! Was uns noch als Rest geblieben, [120] möge uns inmitten des Strafgerichtes zum Tröste gereichen; laß uns über dem, was noch erhalten ist, den Schmerz über das Verlorene vergessen.

Pflege und laß wachsen, o Herr, die Pflanzen, die das Strafgericht übrig ließ; [125] sie gleichen den Kranken, die die Pest überstanden haben. Laß mich bei dem Wenigen den Schmerz über das Viel vergessen!

Bei diesem meinem Worte, Herr, denke ich daran, daß in diesem Monat die Ranke [des Weinstockes] welk und krank geworden ist; möchte sie wieder zu Kräften kommen und uns Trost bereiten.

[135] Sie sind ja der Pest entronnen, die ihre Brüder dahingerafft hat. Obschon stumm, klagen die Reben, daß vor ihnen abgeschnitten daliegen in Menge [140] die Bäume, ihre Freunde.

4Nach dem Verkehr mit den Pflanzen sehnt sich die Erde; es weinen die Wurzeln über die Landleute und machen [jene] weinen. [145] Ihre Pracht entfaltete sich und gab Schatten, und doch vernichtete sie eine einzige Stunde.

Es nahte die Axt und schnitt sie ab, sie hat auch den Landmann verwundet. Das Abschneiden der Bäume [150] war ein Schmerz für den Landmann; von jedem Schlag der Axt fühlte er den Schmerz.

1: Bezieht sich wohl auf die Daniel cap. 4 berichteten Ereignisse.
2: Vgl. 2 Kön. cap 7.
3: Die römischen Soldaten verwüsteten das Land.
4: So übersetzt auch Bickell; Geiger dagegen schlägt [Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 25, S. 280] die m. E. minder passende Übersetzung vor: „Das ist der Ruf der Pflanzen: Die Erde sucht die Wurzeln für die Ackersleute, die da weinen und Klage erheben.“ – Das Ausfließen des Saftes aus den Wurzeln wird poetisch als ein Weinen der Wurzeln bezeichnet.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger