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Ephräm d. Syrer († 373) - Ausgewählte nisibenische Hymnen (Carmina Nisibena)
I.
1. Die Kriegsnöte der Stadt Nisibis.

3.

Ein zweites Lied nach derselben Melodie.

Gottes Wesen und Beziehungen [Arianismus] erforschen zu wollen, ist zwecklos; er hat die Menschheit angenommen, um uns auch durch Heimsuchungen ihm ähnlich zu machen. Diesem Zwecke diente auch die Belagerung der Stadt. Die ersten Strophen enthalten ähnliche Gedanken, wie sie in den Gedichten gegen die Grübler niedergelegt sind; Bickell ist der Meinung, daß dieser erste Teil des Gedichtes sich gegen die Arianer richte. – Die Strophenanfänge ergeben als Akrostichon Qôlan Nesbaje anan, d. h. unsere Stimme, o Nisibener klagt.

Gib Festigkeit unserm Gehör, damit es nicht losgelassen in die Irre gehe! Ein Irrtum ist es, forschen zu wollen, wer er ist und wem er gleicht; [5] denn wie können wir imstande sein, ein Bild jenes in uns wiederzugeben, dessen Wesen dem Intellekt gleichsteht. In ihm gibt es keine Beschränkung; er ist ganz sehend und hörend, [10] er ist gleichsam ganz sprechend, er ist ganz in allen Regungen. – [Kehrvers:] Preis sei dem einen Wesen, das unerforschlich für uns ist!

Sein Aussehen ist unbegreiflich, [15] um in unserm Geiste dargestellt zu werden. Er hört ohne Ohren, er spricht ohne Mund, er wirkt ohne Hände, sieht ohne Augen, [20] so daß unser Geist dabei keine Befriedigung findet und abläßt von dem, der so beschaffen ist. Er aber bekleidete sich in seiner Güte mit dem Kleide der Menschheit und sammelte uns zu seiner Nachahmung.[25] Lasset uns nun lernen, wie er, ein Geisteswesen, mit Menschenleib auftrat und so, obschon ein reiner Geist, wie ein Zürnender erschien. [30] Zu unserm Heile war’s, daß sein Wesen sich uns in unserer Gestalt ähnlich machte, damit wir ihm ähnlich würden. Einer nur ist, der ihm gleicht, sein Sohn, der von ihm ausging, [35] der geprägt ist nach seinem Bilde.

Nisibis, höre dies, denn deinetwegen ist so geschrieben und gesprochen. Sowohl dir wie andern auf dem Erdenrund [40] warst du ein Grund zu Heimsuchungen und Bußpredigten; mancher Mund hat über dich, o du Belagerte, geweissagt; da du nun, errettet, triumphierst, [45] öffnet sich ihr Mund in dir zu Lob- und Dankesliedern.

Das Gebet deiner Bewohner reichte hin zur Errettung, nicht weil sie gerecht, [50] sondern weil sie bußfertig waren. Wie sehr sie auch gefrevelt hatten, so beugten sie sich doch, ein Gemisch von Sünden und Vorzügen, unter der Zuchtrute. Möchten doch sie, die groß waren in Sünden, [55] auch groß sein in ihren [guten] Früchten, möchten sie, nachdem sie sich in Sack und Asche ausgezeichnet haben, auch ihre Kronen erringen!

Der Tag deiner Errettung ist der König aller Tage. [60] Ein Sabbat hat deine Mauern umgestürzt1, gestürzt die unzuverlässigen; der Auferstehungstag des Sohnes [Sonntag] hat dich von deinem Falle aufgerichtet, der Auferstehungstag hat dich auferweckt, wie sein Name sagt, [65] und hat so seinem Namen Ehre gemacht: der Sabbat verließ seine Wache, und durch das Werk seiner Breschen fügte er sich selbst Schande zu.

In Samaria wurde der Hunger übermächtig2, [70] in dir aber herrschte Überfluß; doch bald kam für Samaria wieder die Fülle, für dich aber kam plötzlich das Meer herangebraust. [75] In jenem wurde das Kind verzehrt, und dieses rettete ihm das Leben, in dir wird der lebendige und lebenspendende Leib3genossen, – gar schnell rettete er sie, der Genossene seine Genießer.

[80] Sicher ist, daß jener Gütige kein Wohlgefallen hat an Heimsuchungen, die zu allen Zeiten eintreten, obgleich er selbst sie schickt: unsere Sünden sind [85] die Ursachen unserer Qualen. Kein Mensch darf den Schöpfer beschuldigen, er ist es, der uns beschuldigen kann; denn wir haben gesündigt und ihn zu zürnen genötigt, obgleich er es nicht wollte, [90] und zu strafen, obgleich er kein Wohlgefallen daran hat.

Erde, Weinstock und Olive bedürfen der Zucht: erst wenn der Ölbaum geschlagen wird, geben seine Zweige [die Früchte] ab4. [95] Erst wenn der Weinstock beschnitten wird, werden seine Früchte schön; erst wenn der Boden gepflügt wird, wird sein Ertrag gut; erst wenn das Meer mit den Rudern gepeitscht wird, unterwirft es sich; [100] Erz, Silber und Gold glänzen erst, wenn sie geglättet sind.

Wenn nun der Mensch alles dadurch verbessert daß er es in Zucht nimmt, [105] und wenn alles unschön und widerwärtig ist, falls er ihm seine Sorge versagt, so mögen wir aus dem Umstande, daß er Zucht anwendet jenen kennen lernen, der ihn in Zucht nimmt. Während aber jeder, der etwas in Zucht nimmt, es tut zu seinem Nutzen – denn jeder, [110] der seine Sklaven züchtigt, tut es, um sie sich zu unterwerfen –, erzieht der Gütige seine Knechte, damit sie sich selbst besitzen.

Es mögen so deine Bedrängnisse werden zu Chroniken der Erinnerung für dich; [115] denn die dreimal Eingeschlossenen werden hinreichen, um dir als Bücher zu dienen, in deren Berichten du zu jeder Stunde betrachten magst. Weil du die beiden Testamente zu gering geschätzt hattest, [120] um in ihnen dein Heil zu suchen, darum schrieb er dir drei schwere Bücher, damit du in ihnen deine Heimsuchungen erforschest.

Lasset uns also mit dem Vergangenen [125] das Zukünftige abwenden; lassen wir uns belehren durch das Erlebte, um Kommendes zu vermeiden; seien wir eingedenk dessen, was vorangegangen ist, damit wir Zukünftigem entgehen. [130] Da wir den ersten Schlag vergessen hatten, traf uns ein weiterer, da wir auch den zweiten nicht beachteten, ist ein dritter auf uns niedergefallen; wer wird nun noch einmal vergessen?

1: Demnach war der Tag, an welchem die Mauer einstürzte, ein Sabbat, und der Tag, der die Rettung brachte, ein Sonntag.
2: 2 Kön. 6,25 ff.
3: die hl. Eucharistie.
4: Nach dem Zusammenhange ist vielleicht zu lesen: regnen seine Früchte herab.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger