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Ephräm d. Syrer († 373) - Ausgewählte nisibenische Hymnen (Carmina Nisibena)
I.
1. Die Kriegsnöte der Stadt Nisibis.

2.

Über die Errettung der Stadt.
Nach der Melodie: Tröstet durch Verheißungen.

Die befreite Stadt sagt Gott Dank für die Errettung, und klagt gleichzeitig über die Sünden ihrer Bewohner. - Die ersten Buchstaben der einzelnen Strophen ergeben als Akrostich: Afrem [Ephräm, Afrem, Fremion, Verkleinerungsform von Ephräm als Ausdruck der Verdemütigung].

Heut öffnet sich jeder Mund, um Dank zu sagen; jene, die Breschen schlugen1, haben auch den Mund meiner Kinder geöffnet, [5] sie preisen den Erbarmer, der unser Volk errettet hat. Er hat jetzt sein Augenmerk nicht darauf gerichtet, uns die Verfehlungen heimzuzahlen, die auf uns lasteten. Erhoben sich doch bereits jene, die uns in Gefangenschaft führen wollten, [10] aber die Welt hat in unserer Errettung deine Gnade fühlen gelernt. – [Kehrvers:] Preis sei deiner Güte von jedem, der sprechen kann!

Er rettete uns ohne Mauer [15] und lehrte uns, daß er unsere Mauer ist; er rettete uns ohne König2und bewies, daß er unser König ist; er rettete uns in allem und jedem und zeigte, daß er alles ist. [20] Er rettete uns durch seine Gnade und offenbarte dadurch, daß er umsonst Gnade erweist und Leben gibt. Wer immer sich rühmt, dem nimmt er den Ruhm und gibt ihm seine Gnade.

[25] Der Jubelruf in aller Mund ist zu gering für, deinen Ruhm; denn in jener Stunde, als unser Licht nur flackerte und am Erlöschen war, [30] flammte es plötzlich wieder auf und leuchtete, denn dir ist alles leicht. Wer sah zwei solche Wunder, daß sich jenem, der von aller Hoffnung abgeschnitten war, plötzlich reiche Hoffnung nahte! [35] Die Stunde des Wehklagens ist der frohen Kunde gewichen.

Ein Festtag ist’s, aus dem frohe Feste hervorgehen; denn wenn uns der Zorn erfaßt hätte, dann hätten auch die Feste aufgehört, [40] nun aber hat unser Friede den Sieg davongetragen, darum ertönet Festjubel. Dieser gesegnete Tag brachte alles mit sich; von ihm hing das Schicksal der Stadt ab, von der Stadt das Volk, [45] vom Volk der Frieden, vom Frieden alles.

Sogar durch die Breschen hast du den Ruhm vermehrt; [50] Lobpreis stieg zu dem Dreieinigen empor von den drei Mauerbreschen3; denn er stieg herab und verschloß sie in seiner Barmherzigkeit, die den Zorn zurückhält. Er fegte jenen hinweg, der nicht erkennen wollte, daß er uns [nur] eine Lehre geben wollte. Er lehrte die Eingeschlossenen, [55] daß er aus Gerechtigkeit die Mauern brach, er lehrte aber auch die Belagerer, daß er sie aus Güte wieder schloß.

Rufet und lobpreiset, meine Geretteten, am heutigen Tage, [60] ihr Greise und Knaben, ihr Jünglinge und Jungfrauen, ihr Kinder und Unschuldigen, und du, Kirche, Mutter der Stadt, denn die Greise wurden vor der Gefangenschaft bewahrt, [65] die Jünglinge vor Qualen, die Kinder vor der Zerschmetterung, die Frauen vor der Schande und die Kirche vor der Verachtung!

Er kam zu uns mit harten Strafen, [70] und wir waren im Augenblick vom Schrecken erfaßt; er kam mit Milde, und sogleich blühten wir wieder auf; er wandte sich ab und verließ uns ein wenig, da irrten wir umher ohne Ziel [75] wie ein reißendes Tier, das Lock- und Schreckmitteln folgt, das aber, wenn man von ihm abläßt, wütet und umherirrt und dem bebauten Lande Schaden zufügt.

4Er zahlte uns heim, und wir gerieten in Furcht, er befreite uns, und wir wurden nicht beschämt; er führte uns in Bedrängnis, und zahlreich wurden die Gelübde, er ließ Milde walten, und zahlreich wurden die Sünden; wenn er uns bedrängte, wurde ein Bund geschlossen, [85] wenn er uns aufatmen ließ, trat Verirrung ein. Er ließ sich herab, uns zu stärken, obwohl er uns kannte; am Abend erhoben wir ihn, am Morgen brachen wir ihm die Treue; verließ uns die Not, [90] so ging auch die Wahrheit von uns fort.

Er bedrängte uns durch die Breschen, um unsere Verfehlungen heimzuzahlen, Hügel5errichtete er, um unsere Ruhmsucht zu erniedrigen, [95] die Gewässer ließ er hervorbrechen, um unsere Unreinheit abzuwaschen; er schloß uns ein, um uns in seinem Tempel zu versammeln; er schloß uns ein, und wir verlöschten, er öffnete uns, und wir gingen in die Irre. [100] Der Wolle glichen wir, die alle Farben wiedergibt.

Wisse, daß die seligen Niniviten, als sie Buße taten, es nicht taten wegen der Hügel, [105] nicht wegen der Gewässer, nicht wegen der Breschen, auch nicht wegen der Bogen, und auch nicht aus Furcht vor dem Klange der Bogensehne taten sie Buße: sie hörten auf eine verachtete Stimme, [110] ließen ihre Kinder fasten, sie machten ihre Jünglinge keusch und ihre Herrscher demütig.

Du hast uns gezüchtigt, und wir haben zugeben müssen, daß es nicht unverdient geschah. [115] Du hast uns gerettet, und wir danken dir, denn wir waren dessen nicht wert. Du hast Gnade walten lassen, obwohl du dich nicht der trügerischen Hoffnung hingabst, daß wir uns bekehren würden. [120] Du wußtest, daß wir sündigten und erkanntest, daß wir wieder sündigen würden; du durchschautest unsere frühere und zukünftige Sündhaftigkeit, als du an uns Gnade übtest.

Er wog unsere Buße ab, ob sie schwerer sei als unsere Sünde, aber nicht einmal zum Gleichgewicht stiegen die Wagschalen gleich hoch, da unsere Sünden das Übergewicht hatten und unsere Buße zu leicht war. [130] Schon hatte er den Befehl gegeben, uns für unsere Sünden zu verkaufen, aber seine Gnade war unsere Fürsprecherin. Die Grundschuld mit den Zinsen haben wir mit dem Scherflein bezahlt, das unsere Buße darbot.

[135] Zehntausend Talente der Schuld ließ er uns um weniges nach, obgleich er gar sehr berechtigt war, sie einzufordern, um seiner Gerechtigkeit Genüge zu leisten; aber wiederum fühlte er sich gedrängt, Nachlassung zu gewähren, [140] um seine Güte leuchten zu lassen. Nur für einen Augenblick boten, wir ihm Tränen dar, er kämpfte seine Gerechtigkeit nieder, indem er nur weniges forderte und empfing; er ließ seine Gnade leuchten, [145] um weniges ließ er vieles nach.

Unermeßlich sind unsere Schulden, die er nachließ, unermeßlich, so daß unsere Zungen seiner Güte gegenüber versagen. [150] Er verzieh uns, wir vergelten es ihm auf entgegengesetzte Weise, die begangene Schuld tragen wir von neuem ein. „Lasse nach, Herr!“ rufen wir: „strafe, Herr!“ beten wir. [155] „Lasse nach“ nämlich, was wir gesündigt haben, „strafe“ den, der gegen uns gesündigt hat!

Wir haben auch nicht einmal wie die Belagerer für unser Leben uns abgemüht: jene haben Hügel erhoben, [160] wir nicht einmal unsere Stimme; jene haben die Mauern gebrochen, wir haben nicht einmal die schwachen Fesseln in unsern Herzen gesprengt. Und doch versagte er den Erfolg den Tätigen [165] wegen uns Trägen; die Arbeit draußen achtete er nicht, während er selbst drinnen mißachtet wurde.

Er überging die Sprachbegabten und traf das Stumme; [170] die Mauer ward hinfällig, das Volk aber empfing eine Lehre. Er verschonte die Leidensfähigen und schlug das Leidensunfähige. Für uns selbst, die wir empfinden, [175] schlug er die Steine, die unempfindlich sind, um uns eine Lehre zu geben. In seiner Liebe sah er von unserem Leibe ab und schlug eilends unsere Mauer.

Wer hat jemals gesehen, [180] daß eine Bresche zu Spiegel geworden ist? Von beiden Seiten konnten sie hineinsehen, er diente denen drinnen und denen draußen, sie konnten in ihm gleichsam mit den Augen schauen die Macht, die zerstört und aufrichtet, [185] sie sahen jenen, der eine Bresche schlägt und wieder schließt. Die Belagerer sahen seine Macht, machten sich davon, ohne den Abend zu erwarten; die Belagerten sahen seine Hilfe und dankten ohne Ende.

[190] Der Tag deiner Rettung möge deine Saumseligkeit aufrütteln. Als die Mauer barst, und als die Elephanten hervorbrachen, als die Pfeile herabregneten, [195] als die Kämpfer wüteten, da war es ein Schauspiel für die Himmlischen: die Sünde kämpfte, aber die Gnade behielt die Oberhand. Hienieden siegte die Barmherzigkeit, [200] die Engel oben jauchzen auf.

Und es strengte sich dein Feind an, durch seine Listen die Mauer, die dich als Schutzwall deiner Bewohner umgab, zu brechen; [205] er mühte sich ab, aber er hatte keinen Erfolg. Und damit er sich nicht etwa der Hoffnung hingebe, daß, wenn er sie gebrochen hätte, er auch eindringen und uns wegführen könnte, durchbrach er sie nicht nur einmal und wurde zuschanden, sondern [210] sogar dreimal [tat er es], damit er dreifach in den drei Versuchen beschämt werde.

Möge auch mir in dir durch die Gnade das große Glück zuteil werden, daß, nachdem in dir meine Sünden zahlreich geworden sind, [215] auch meine Früchte in dir vermehrt werden, und wenn in dir meine Jugend gesündigt hat, so möge in dir mein Greisenalter Gnade finden. Mit dem Munde deiner Kinder flehe für deinen Sohn, der ich über meine Kräfte gesündigt und unter meinen Kräften gebüßt habe; ich habe gesät ohne Maß und geerntet nur ein geringes Maß.

1: d. h. die Perser.
2: Der Kaiser stand, während Nisibis die furchtbare Belagerung durchzumachen hatte, in Mesopotamien.
3: d. h. von den drei Belagerungen.
4: 80
5: die Staudämme.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger