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Ephräm d. Syrer († 373) - Ausgewählte nisibenische Hymnen (Carmina Nisibena)
I.
1. Die Kriegsnöte der Stadt Nisibis.

10.

Der dritte Hymnus über die Festung Anazit, nach derselben Melodie.

Nach der besonderen Numerierung waren hier fünf Hymnen [8 – 12] mit der gleichen Melodie zusammengefaßt.

Anazit ist nach Bickell dieselbe Stadt, die bei Ammianus 19. 6. 1 Ziata heißt; ihre hier geschilderte Eroberung fiele demnach in die Zeit der Belagerung Amidas durch Sapor [Sommer 359]; Schilderung nach Ammian bei O. Seeck, Geschichte des Untergangs der antiken Welt 4, S. 227 f. und Gibbon-Burey, The History of the Decline and Fall of the Roman Empire 2, S. 268 f. An Nisibis war Sapor diesmal vorübergezogen, ohne es zu belagern, wohl weil er durch die trüben Erfahrungen bei den früheren Belagerungen belehrt war. Dafür wurde das Gebiet und die Orte der Gegend von Amida um so mehr heimgesucht, darunter dürfte auch Anazit gewesen sein, das wir wohl dem Hauptort der armenischen Provinz Hanzit gleichzusetzen haben; auch im Syrischen wird die Stadt Anzit oder Anazit oder Hanzit genannt. Wenn Bickells Annahme der Identität von Anazit-Ziata zutrifft, dann würde es sich um das heutige Karput handeln. Doch ist es eher das etwas südöstlich von Karput gelegene Thilenzid, das schon keilschriftlich als Enzite bezeugt ist. Vgl. Assemani, Bibl. Orient. II, dissert. de Monoph. S. 64 und besonders die Angaben der griechischen und orientalischen Quellen bei H. Hübschmann, Die altarmenischen Ortsnamen [Indogermanische Forschungen, 16. Bd., S. 301 ff.]. – Ein anderes Anazit [Handzit] liegt nach Ibn Serapion zwischen Malatia und Semsat [Journal of the Royal Asiatic Society 1895, S. 10 und 49].

Das Gedicht schildert die durch Hitze und Durst verursachten Leiden, die schließlich zur Übergabe führten, sehr anschaulich, teilweise sogar für unser Empfinden zu realistisch. – Das Vers 60 genannte Wasser wäre nach Hübschmann der Böjuk-Tschai, ein Nebenfluß des Murad-su, des östlichen Quellarmes des Euphrat.

Meine Kinder sind hingeschlachtet und meine Töchter, die fern von mir sind; ihre Mauern niedergerissen, ihre Kinder zerstreut, [5] ihre Heiligtümer zertreten. – [Kehrvers:] Gepriesen seien deine Heimsuchungen!

Die Jäger haben von meiner Feste meine Tauben gefangen, die ihre Nester verlassen hatten [10] und in Höhlen geflohen waren; in Netzen fingen sie sie.

Wie Wachs vor dem Feuer schmilzt, so zerschmolzen und vergingen die Leiber [15] meiner Söhne vor Hitze und Durst in den Befestigungen.

Anstatt der Quellen und der Milch, die für meine Söhne und Kinder flossen, [20] fehlt nun die Milch den Kleinen und das Wasser den Großen.

In Todeszuckungen, entfällt das Kind der Mutter, denn es kann nicht mehr saugen, [25] und sie vermag es nicht mehr zu stillen; sie geben den Geist auf und sterben.

Wie konnte deine Güte ihrem Ausfluß Zügel anlegen, [30] da doch die Fülle ihrer Quelle nicht verstopft werden kann?

Und wie hat da deine Güte ihr Mitleid gezügelt und sein Ausströmen gehemmt [35] dem Volke gegenüber, das aufschrie, daß es seine Zunge befeuchten könnte?

Und es war da ein Abgrund zwischen ihnen und ihren Brüdern, wie bei dem Reichen, [40] der rief, und keiner war, der ihn erhörte und seine Zunge anfeuchtete1.

Und gleichsam mitten ins Feuer wurden die Unglücklichen geworfen, [45] und Gluthitze strömt das Feuer inmitten des Durstes aus, und es brannte in ihnen.

Es zerschmolzen ihre Glieder und wurden von der Hitze aufgelöst; [50] da tränkten die Verdursteten wieder die Erde mit ihren verwesenden Körpern.

Und die Festung, die ihre Bewohner durch den Durst ermordet hat, [55] trank nun wieder die sich auflösenden Leichname derer, die vor Durst dahingeschwunden waren.

Wer sah je ein Volk, von Durst gequält, [60] wie es eine Mauer von Wasser umgibt, und es doch nicht seine Zunge benetzen kann?

Mit dem Urteil von Sodom wurden auch meine Lieben gerichtet, und meine Kinder wurden heimgesucht [65] mit der qualvollen Strafe Sodoms, die nur einen Tag dauerte.

Die Qual des Feuertodes, Herr, währt nur eine Stunde, aber im langsamen Verdursten [70] steckt ein langsamer Tod und eine brennende Qual.

Nach meinen Schmerzen und bitteren Leiden ist dies, Herr, ein neuer Trost, [75] mit dem du mich getröstet hast, daß du meine Traurigkeit vermehrt hattest.

Die Medizin, die ich erwarte, möge mir der wahre Schmerz, den Verband, den ich wünsche, [80] möge mir die bittere Zerknirschung bringen.

Und wenn ich erwartet hatte, dem Sturm zu entrinnen, ward mir der Sturm [85] im Hafen gefährlicher als der im offenen Meer.

Und wenn ich gehofft hatte in meiner Beschränktheit, daß ich emporgeklommen und entstiegen sei der Grube, [90] so warfen mich meine Sünden wieder mitten hinein.

Sieh, Herr, meine Glieder, wie sehr die Schwerter mich getroffen und auf meinen Armen Male hinterlassen haben, [95] und die Narben von den Pfeilen, die meinen Seiten aufgeprägt sind.

Tränen in meinen Augen, [Unglücks-] Kunde in meinen Ohren, Weherufe in meinem Munde, [100] Trauer in meinem Herzen – halte ein, o Herr!2

1: Vgl. Luk. 16,26.
2: Die letzte Strophe kommt mit einer geringen Veränderung am Schluß auch in den Carmina Necrosima Ephräms vror [3. syr.-lat. Bd. der röm. Ausgabe, 280 A]

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger