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Ephräm d. Syrer († 373) - Ausgewählte nisibenische Hymnen (Carmina Nisibena)
I.
1. Die Kriegsnöte der Stadt Nisibis.

1.

Nach der Melodie: Ich will meinen Mund öffnen in Weisheit.

In diesem Gedicht führt Ephräm die Stadt Nisibis sprechend ein; sie ist zum drittenmal belagert, und diesmal haben die Feinde die ganze Umgebung der Stadt unter Wasser gesetzt, so daß die Stadt sich mit der Arche Noës vergleichen kann. Der Vergleich wird bis ins einzelne durchgeführt.

Der äußeren Form nach besteht das Gedicht aus 11 Strophen, die mit dem ersten, dritten, fünften usw. Buchstaben des syrischen Alphabets beginnen. Jede Strophe hat 14 Verse, je die letzten zwei kommen auf den Kehrvers [Unitha], der hier, wie sonst selten, für jede Strophe ein anderer ist.

Barmherziger Gott, der du Noë Ruhe verliehest1, da auch er deine Barmherzigkeit versöhnte; Opfer brachte er dar und hemmte die Fluten, Spenden gab er, und Verheißung empfing er. [5] Durch Gebet und Weihrauch versöhnte er dich, mit Eidschwur und dem Regenbogen beschenktest du ihn gnädig, und wo die Flut droht, der Erde zu schaden, sollte gegen sie der Regenbogen auftreten, [10] um sie zu vertreiben und der Erde neuen Mut zu geben; denn deine Eidschwüre sollen den Frieden sichern, und dein Bogen soll deinem Zorne Widerstand leisten. – [Kehrvers:]2Spanne deinen Bogen aus gegen die Flut, denn ihre Wogen türmen sich gegen unsere Mauern auf.

[15] Freimütig klage ich, Herr: Wenn das schwache Blut, das Noë ausgoß, für alle Zeit deinem Zorne Einhalt gebot, um wieviel kräftiger sollte das Blut deines Eingeborenen sein, daß sein Vergießen unsere Flut hemme! [20] Denn siehe, als sein Vorbild nur erhielten jene schwachen Opfer Kraft, die Noë darbrachte, und so den Zorn aufhielt. Laß dich versöhnen durch das Opfer auf meinem Altar und halte fern von mir die Sturmflut der Leiden. [25] So möge Schutz gewähren das Paar deiner Wunderzeichen: mir dein Kreuz, dem Noë dein Bogen. – Dein Kreuz soll das Wassermeer durchschneiden, dein Bogen des Regens Flut vertreiben.

Siehe es bedrängen mich all die Fluten, [30] aber der Arche ließest du den Vorteil, daß nur die Wogen sie rings umgaben, mich aber umdräuen Wälle, Waffen und Wogen. Sie war dir ein Hort teurer Güter, ich freilich bin ein Sammelplatz der Sünden; [35] sie glitt auf den Wogen dahin, von deiner Liebe getragen, ich aber bin durch deinen Zorn hilflos Speeren preisgegeben; sie trug die Flut, mich umtost der Fluß. Lenker jener Arche, [40] sei auch mein Führer auf dem festen Lande. – Jene hast du in dem Hafen auf dem Berge ausruhen lassen, gewähre auch mir Ruhe in dem Hafen meiner Mauern!

Der gerechte Gott züchtigte mich mit Fluten, jene mitten auf den Fluten liebte er zärtlich. [45] Hat doch Noë die Wogen der Begierde besiegt, die zu seiner Zeit die Söhne Seths fortrissen3, er, dessen Fleisch den Töchtern Kains widerstand, machte der Fluten Rücken sich zum Thron, er, den Weiber nicht befleckten, führte die Tiere einander zu, [50] da er in der Arche sie alle paarweise miteinander verband. Die Olive, die durch ihr Öl das Angesicht erstrahlen läßt, erfreute hier schon durch ihr Laub ihr Antlitz. – [55] Der Fluß, dessen Trank erquickt, macht durch seine Überschwemmung, o Herr, mich traurig.

Deine Gerechtigkeit erblickte den Schmutz meiner Sünden, und deine heiligen Augen verabscheuten mich. Wasser hast du angesammelt durch den Unreinen [den heidnischen Feind], [60] um von mir meine Sünden abzuwaschen, zwar nicht um mich in diesem taufend zu läutern, sondern um mich dadurch zu schrecken und zu züchtigen, denn die Fluten nötigen mich zum Gebet, das meine Sünden abwäscht. [65] Ihr Anblick, der mich mit Reue erfüllt, wirkt in mir als Taufe. In dem Meere das bestimmt ist, mich zu ertränken, möge, Herr, deine Barmherzigkeit die Sünden ertränken. - In dem Schilfmeer hast du Menschenleiber versenkt4, [70] in diesem mögest du anstatt der Leiber Sünden versenken.

Aus Liebe hast du die Arche gebaut, um in ihr alles, was übrig war, zu erhalten. Um die Erde durch deinen Zorn nicht zu veröden, machte deine Gnade eine Erde aus Holz. [75] Du hast die eine in die andere entleert, um die eine mit der andern wieder herzustellen. Mein Land5wurde schon dreimal gefüllt und entleert, und jetzt stürzen auf mich die Wasserfluten, um den Flüchtling zu verschlingen, [80] der in mir Zuflucht gefunden. In der Arche hast du den Überrest gerettet, bewahre, Herr, auch in mir den Sauerteig! – Die Arche gebar auf dem Berge, für mein Land laß mich die Eingeschlossenen gebären.

[85] Herr, erfreue die in meinen Festungen Eingeschlossenen, der du jene Eingeschlossenen durch den Ölzweig erfreut hast; als Arzt sandtest du ihn durch die Taube den Kranken, die durch den Wogenschwall geängstigt waren; er kam und vertrieb alle Krankheiten, [90] denn die Freude über ihn verschlang den Kummer, und die Trauer schwand dahin durch seinen Trost. Und wie ein Feldherr flößte er Mut den Zaudernden ein, gab die Sprache den Verlassenen wieder [95] und ließ die Augen den Anblick des Friedens kosten, und sogleich öffnete sich der Mund zu deinem Lob. – Als Ölzweig in diesen Fluten erhalte mich, damit sich an mir erfreuen die in der Feste Eingeschlossenen.

Die Flut stürmt dreist gegen unsere Mauern an, [100] doch wird sie die Kraft, die alles stützt, erhalten; nicht wird sie fallen, wie ein Haus auf Sand gebaut, denn meine Lehre habe ich nicht auf Sand gegründet, ein Fels ward mein Fundament, denn auf deinen Felsen baute ich meinen Glauben. [105] Das verborgene Fundament meiner Hoffnung wird meine Mauer tragen. Jerichos Mauern fielen freilich, denn seine Hoffnung war auf Sand gebaut, Moses aber baute im Meere eine Mauer auf,6die sein gläubiger Sinn auf Felsen gründete. – Noës Fundament war auf Felsen gegründet, es trug das Holzhaus auf dem Meere.

Vergleiche doch die Seelen, die in mir sind, mit den Tieren der Arche! [115] Und anstatt Noës, der traurig in ihr lebte, sieh deinen Altar, schmucklos und erniedrigt! Und anstatt der Ehefrauen in ihr siehe meine Jungfrauen, die ehelos bleiben! Und anstatt Chams, der hinging [120] und die Scham seines Vaters entblößte, siehe jene, die Wohltun üben, wie sie züchtig die Nackten7bekleiden! In meinem Schmerze rede ich irre, Herr, rechne es mir nicht an, wenn meine Worte deinen Zorn reizen! – [125] Die Übermütigen, welche murrten, brachtest du zum Schweigen, mir sei gnädig, wie dem Überrest, der Schweigen beobachtete.

Vor deinem Zornesausbruche erbautest du eine Zufluchtsstätte, und es flüchteten sich in sie alle Arten der Geschöpfe. Noë erfreute sich der Ruhe [wohnung], [130] denn Ruhe bedeutete ihm die Wohnung wie sein Name8. Du verschlossest das Tor, um den Gerechten zu hüten, du öffnetest die Regenschleußen, um die Gottlosen zu vernichten. Noë stand da inmitten der Wogen, die draußen schrecklich drohten, [135] und mitten unter den furchtbaren Rachen9drinnen. Es trieben ihn die Wellen umher, es verwirrten ihn die Rachen, doch du versöhntest mit ihm die Hausgenossen drinnen und unterwarfst ihm die [Fluten] draußen. - Das Lästige machtest du schnell erträglich, [140] denn leicht ist dir, Herr, das Schwierigste.

Höre, Herr, und vergleiche meine Lage mit der des Noë, und wäre mein Kummer leichter als der seine, so mache uns in der Errettung gleich! Denn siehe, meine Kinder stehen da, gleichwie er, [145] zwischen Rasenden und Übeltätern. Gib Frieden mit den Hausgenossen drinnen, und unterwirf mir die Feinde draußen und verdoppele so meinen Sieg, und da zum drittenmal der Mörder seinen Zorn ausläßt, [150] so möge auch zum drittenmal der „Dreitägige" [Christus] seine Gnade walten lassen. Möge der Böse nicht über die Barmherzigkeit triumphieren. Besiege den, der zum zweiten- und drittenmal es wagte. Es wird mein Sieg die Erde durchfliegen und dir Ruhm auf Erden verschaffen. [155] O, der du am dritten Tage auferstandest, laß mich nicht in meiner dritten [Trübsal] untergehen!

1: Im Syrischen ein Wortspiel: Nûch [Noë] und anîch [Ruhe spenden]. – Die Vorliebe für solche Wortspiele, die oft sogar die Gedankenfolge beeinflussen, ist ein hervorstechendes Merkmal der Poesie Ephräms.
2: Die Lieder, zum Vortrag durch einen einzelnen bestimmt, haben am Schluß einen Kehrvers [Refrain, syr. 'unitha], den das Volk zu singen hatte.
3: Vgl. Gen. 6,2.
4: Exod. 14,28.
5: Die Umgebung von Nisibis, deren Bewohner beim Herannahen der Feinde in die Stadt flüchteten.
6: 110
7: schelicha kann auch mit „Apostel“ übersetzt werden.
8: Nûch [Noë] bedeutet „Ruhe“.
9: der Raubtiere.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger