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Ephräm d. Syrer († 373)
Vier Lieder über Julian den Apostaten

Erstes Lied.

Gegen den Kaiser Julian, der Heide wurde, gegen die Irrlehren und gegen die Juden.
Nach der Melodie: „Haltet euch an die Wahrheit!“

1. Das kaiserliche Szepter soll die Menschen leiten, die Länder beaufsichtigen und die wilden Tiere verjagen; das Szepter des kaiserlichen Apostaten tat gerade das Gegenteil. Bei seinem Anblick frohlockten die Bestien, die Wölfe traten auf seine Seite, freudige Erregung erfaßte Panther und Löwe, ja sogar die Schakale erhoben ein Freudengeheul1.

2. Als die Wölfe den Nebel, den Regen und den Sturm sahen, riefen sie einander zu, stürmten herbei und tobten voll Hunger. Bisher waren sie alle eingeschlossen gewesen, jetzt umringten sie voll Wut die gesegnete Herde Christi. Aber bald zerbrach das Szepter, das sie erfreut hatte, und sie wurden wieder in Trauer versetzt. Die Stütze der Linken2war eben nur ein zerbrechliches Rohr.

3. Da flohen sie wieder in ihre finsteren Felsenklüfte und zogen die Furcht, die sie abgelegt hatten, in ihren Höhlen von neuem an. Die verfinsterte Schöpfung wurde wieder hell und klar, nachdem die zerschmettert waren, die ihre Häupter erhoben hatten. Die Häupter des Leviathan3wurden im Meere zermalmt, seinen einst so beweglichen Schwanz aber zerstampfte man auf dem Lande.

4. Die lebendig Toten4waren zu neuem Leben erwacht; sie hofften, am Leben zu bleiben, mußten aber bald erkennen, daß sie sich bitter getäuscht hatten. Zu derselben Zeit, als die Götzenbilder wieder erstanden, waren auch sie zu neuem Leben erwacht. Daher sprachen die Götzen selbst den Ungläubigen das Urteil. Die Heiden und die Unkräuter5waren dem gleichen Tode verfallen; denn beide klammerten sich zur gleichen Zeit an den gleichen Halt6.

5. Damals geriet der Kot in Gärung und brachte Schlangen jeder Größe und Gewürm jeglicher Art hervor, so daß die ganze Erde mitten im Winter7davon wimmelte; denn der Hauch des Drachen hatte ihn befruchtet. Wer aber mit den Schuhen der Wahrheit ausgerüstet war, der verachtete die giftigen Stacheln der Söhne des Irrtums.

6. Die mit den gestürzten Götzen wieder aufgestanden waren, fielen aufs neue mit dem fallenden Kaiser8. Sie hielten sich für stark und hofften bestehen zu können. Die Toren schlossen sich aneinander, kamen herbei und fielen. Ihr Fall beweist ihren Anstoß; denn mochten sie auch sonst verschiedenen Sinnes gewesen sein, hinsichtlich des Anstoßes waren sie eins; denn alle waren durch die gleiche Liebe zu dem einen Kaiser mit einander verbunden.

7. Damals, als sich die Teufel freuten, lebten auch sie plötzlich wieder auf; damals, als der Böse jubelte, frohlockten auch sie. Es war sozusagen ein Vorbild der ihnen bestimmten Ewigkeit, wo sie ebenfalls alle zusammen an den einen gehängt werden sollen: er machte sie jetzt schon untereinander zu Brüdern und Gliedern, sie hingen ja am Haupte der Linken.

8. Denn während die Rechte über die Sünder trauerte, waren die Söhne der Linken hocherfreut. Die Engel freuen sich nur9über die Büßer, die Toren aber tun törichterweise das Gegenteil. Nur die Kirche ahmt die Engel in beidem nach, indem sie über die Sünder weint und über die Büßer sich freut.

9. Als der Böse sah, daß er die Menschen in Rausch und Taumel versetzt hatte, da freute er sich und verachtete die Freiheit um so mehr, als sich die Menschen ihm so sklavisch unterworfen hatten. Der Böse staunte, dass er uns so mißhandeln durfte; aber die misshandelten Toren achteten nicht auf ihre Schmerzen und verschmähten die Heilung, obwohl der Arzt bereit war.

10. Der abscheuliche Februar10, der trübe und alles betrübende Monat, hatte sich den Vorzug des alles erfreuenden April11angemaßt; aber es sproßten und blühten in ihm nur Dornen und Unkraut. Der Frost, der sonst alles erstarren macht, trieb Saft in die [noch unentwickelten] Dornen und Stacheln im Innern der Gestrüppe und Sträucher, und alsbald kamen sie nackt und bloß12hervor.

11. Die Spätsaat13war gleichsam in Angst und Furcht, sie war ja nicht kunstgerecht gesät und gepflegt worden; denn es waren nur von selbst ausgefallene Körner, die in der Erde gekeimt hatten. Was nur oberflächliche Wurzeln geschlagen hatte, wurde bald ausgerottet; aber die kunstgerecht bestellte Saat schlug tiefe Wurzeln und trug hundertfältige, sechzigfältige und dreißigfältige Frucht.

12. Die Kaiser, welche Söhne der Wahrheit waren, hatten mit den beiden Testamenten, wie mit zwei an dasselbe gemeinschaftliche Joch gespannten Stieren, die Erde gepflügt und bestellt. Selbst die Dornen14bekleideten sich mit dem Glanze des Weizens, und die Saat teilte sogar dem Unkraut15ihre Farbe mit. Als sie dann den Glanz wieder ablegten, taten sie es mit freiem Willen.

13. Die einen zeigten sich dann als Dornen, die anderen als Weizen; die einen erwiesen sich als Gold, die anderen als Staub. Der Tyrann wurde zu einem Schmelzofen für den Glanz der Wahrhaftigen16. Welch herrliches Schauspiel! Die Wahrheit kommt in den Schmelzofen des Lügners und wird darin erprobt, der Irrtum dagegen verherrlicht die Wahrhaftigen und hat davon keine Ahnung!

14. Über den Abtrünnigen freuten sich alle Abtrünnigen und über das Haupt der Linken die Söhne der Linken. In ihm konnten sie sich sehen, wie sie waren; denn er war für sie alle ein Spiegel. Diejenigen, welche sich über seinen Sieg freuten, teilten den Triumph mit ihm, wie sie auch bei seinem Untergange Anteil an der Demütigung hatten.

15. Denn nur die Kirche war ganz gegen ihn, wie auch umgekehrt er und alle seine Anhänger gegen sie waren. Dies genügt zweifellos zum Beweise, daß es nur zwei Parteien gibt, die der Kirche und die ihrer Widersacher. Auch die Heuchler, von denen man glaubte, dass sie nicht zu den letzteren gehörten, schlossen sich ihnen schleunigst an, gleich Gliedern einer und derselben Kette.

16. Die Juden erfaßte rasendes Entzücken, sie stießen in die Posaune und freuten sich darüber, daß er ein Zauberer war, und jubelten, weil er ein Magier war17. Die Beschnittenen sahen plötzlich das Bild des Stieres vor sich; auf seinen Goldmünzen erblickten18sie den Stier der Schmach und begannen, ihn mit Pauken und Trompeten zu umtanzen; denn sie erkannten in ihm ihr ehemaliges Kalb19.

17. Er ließ den Stier, das Symbol des Heidentums, der in sein Herz eingezeichnet war, in jenem Münzbilde für das Judenvolk, das ihn liebte, ausprägen. Vielleicht riefen die Juden beim Anblick dieses Stieres: „Israel, das sind die Götter, welche deine Gefangenschaft aus Babylon in das verwüstete Land zurückführen werden, wie dich das gegossene Kalb aus Ägypten herausgeführt hat“20.

18. Der König von Babylon wurde plötzlich in einen Waldesel verwandelt; er lernte aber, sich bändigen zu lassen. Er schlug nicht mehr aus, obwohl er ein störrisches Tier geworden war21. Der König von Griechenland22wurde plötzlich ein Stier, der die Kirchen stieß, aber bald dahingerafft wurde. Die Beschnittenen sahen den Stier auf die Stateren geprägt und freuten sich, daß die Kälber des Jeroboam23wieder aufgelebt waren.

19. Vielleicht hatten die Juden deshalb an diese Münze eine so ausgelassene Freude, weil sie dachten: gleichwie der darauf abgebildete Stier einen Platz im Herzen, im Beutel und in der Hand des Kaisers habe, so stehe auch jenes Kalb der Wüste vor seinen Augen, seinem Herzen und seinem Geiste, ja er schaue es möglicherweise sogar in seinen Träumen24.

20. Der König von Babylon wurde wahnsinnig und entfloh in die Wüste. Gott ließ ihn umherirren, auf dass er zur Ruhe komme; er ließ ihn wahnsinnig werden, auf daß er Vernunft annehme. Und er bereitete auch schließlich Gott Freude und dem Daniel Entzücken. Der griechische Kaiser machte sich dadurch strafbar, daß er Gott erzürnte und den Daniel Lügen strafen wollte25des Greuels wird Vernichtung sein; bis zur Vollendung der beschlossenen Dinge wird sie26in der Vernichtung verharren“ 27; daher wurde er zu Babylon dem Gerichte überliefert und verurteilt28.

1: Der bei den übrigen Liedern stets nach der ersten Strophe angemerkte Kehrvers, den der Chor zu singen pflegte, fehlt hier wohl nur aus Zufall.
2: Nach Mattth. 25,33 stellt der Weltenrichter die Schafe auf seine rechte, die Böcke dagegen auf seine linke Seite. Deshalb nennt Ephräm das Geschlecht der Bösen die Linke [nl. die linke Seite], das der Guten die Rechte. Die Stütze der Linken das Haupt der gottfeindlichen Partei, ist Julian.
3: Ps. 78 [74],13 f.; vgl. auch Ezech, 29,3 ff.; 88, 2 ff.
4: Die Heiden.
5: Die Häretiker
6: Julian begünstigte sowohl die Heiden als auch die Häretiker.
7: Nach Str. 10 begann Julian seine proheidnische Tätigkeit im Februar, wozu wir als Jahr 361 zu ergänzen haben.
8: Der orthodoxe Nachfolger des Apostaten, Jovian, hob dessen christenfeindliche Erlasse auf und stellte den früheren Rechtszustand wieder her.
9: d. h. nicht über die Sünder als solche, sondern nur, wenn sie Büßer sind, also für die Sünden Buße tun.
10: Siehe Anm. 4 auf S. 214.
11: Der syrische Februar entspricht unserem wetterwendischen April; der syrische April aber unserem Wonnemonat Mai bezw. Juni.
12: wörtlich: nackt und barfuß; der Sinn ist wohl der, daß sich das Heidentum ohne Maske überall zeigte.
13: Jene Christen, die sich nur aus weltlichen Beweggründen, namentlich aus Streberei und Wohldienerei zum Christentum bekannten.
14: Die Scheinchristen, die innerlich Heiden geblieben waren.
15: Den Häretikern.
16: Die mit voller Überzeugung und in aller Aufrichtigkeit Rechtgläubigen im Gegensatz zu Scheinchristen und zu den irgendeinem Irrtum Anhängenden, also auch „die an der Wahrheit Haftenden“. Alle Nuancen von šariro lassen sich im Deutschen nicht mit einem Worte umfassen.
17: Julian verstand sich auf Magie und Wahrsagekunst
18: Zur Erinnerung an die Renaissance des heidnischen Opterkultes ließ Julian auf der Rückseite seiner Münzen einen Opferstier anbringen.
19: Das goldene Kalb in der Wüste Sinai, Exod. 32,4 ff.
20: Anspielung auf den Ausruf der Israeliten beim Anblick des goldenen Kalbes, der nach Exod. 32,4 lautete: „Das ist dein Gott, o Israel, der dich aus Ägypten weggeführt hat.“
21: Über Nebukadnezars Strafe und Umkehr siehe Daniel 4,25-34.
22: d. i. der König von Byzanz, also Julian.
23: 3 Kön. 19,28 ff.
24: Verhöhnt die Traumdeuterei Julians.
25: nl. dadurch, daß er trotz Dan. 9,27 den Tempel zu Jerusalem wieder aufbauen wollte. Ephräm versteht wie die Väter die Danielstelle von der bleibenden Verwüstung des Tempels. Der masoretische Text ist heillos verderbt und unverständlich. Die Peschito ist nicht viel klarer: „und auf den Flügeln (!
26: wer?
27: LXX ist deutlicher: „und im Tempel wird der Greuel der Verwüstung herrschen bis zum Ende, und ein Ende wird der Verwüstung gemacht werden“. Vulgata: et erit in templo abominatio desolationis, et usque ad consummationem et finem perseverabit desolatio.
28: Julian kam in Babylon ums Leben

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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