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Ephräm d. Syrer († 373) - Vier Lieder über Julian den Apostaten

Drittes Lied.

1. Hinsichtlich der Stadt erlebte ich ein merkwürdiges Zusammentreffen: Zu eben der Zeit, als der Leichnam dieses Verfluchten an der Stadtmauer vorübergetragen wurde, pflanzte ein Magier1die aus dem fernen Osten hergesandte Fahne auf dem Turme auf, um damit den Zuschauern anzudeuten, daß die Stadt nunmehr den Herren dieser Fahne Untertan geworden sei2.

Kehrvers:

Preis dem, der seinen Leichnam in Schmach gehüllt hat!

2. Staunend fragte ich mich, wer wohl dieses gleichzeitige Zusammentreffen von Leichnam und Fahne herbeigeführt haben könnte, und ich erkannte darin eine bewundernswerte Fügung der göttlichen Gerechtigkeit, daß gerade zu der Zeit, als die Leiche des Gestürzten vorbeigetragen wurde, die schreckliche Fahne aufgepflanzt wurde, welche verkündete, daß die Gottlosigkeit seiner Beschwörer diese Stadt den Feinden überliefert habe.

3. Dreißig Jahre lang hatten die Perser auf alle mögliche Weise gegen diese Stadt Krieg geführt, aber trotzdem die Mauer nicht zu überschreiten vermocht. Wohl gelang es ihnen, in dieselbe Breschen zu legen und sie niederzureißen, aber da griff das Kreuz ein und brachte Rettung. Damals aber bot sich mir ein abscheulicher Anblick: auf dem Turme die Flagge des Eroberers und im Sarge die Leiche des Verfolgers.

4. Glaubt mir, Brüder, auf ja und nein3, wenn ich euch sage, daß ich zum Sarge dieses Unreinen hinging und, als ich bei ihm stand, sein Heidentum also verhöhnte: Das ist also jener, der sich gegen den lebendigen Namen erhoben und dabei vergessen hat, daß er nur Staub ist. Deshalb hat ihn Gott wieder zu Staub werden lassen, damit er erkenne, daß er Staub sei.

5. Ich stand da voll Staunen über die tiefe Erniedrigung, in der ich ihn schauen mußte. Das war also der einst so hoheitsvolle, stolze Inhaber von Thron und Reich, das die Schleuder, die gegen uns geschwungen worden war! Ich machte mir selbst Vorwürfe darüber, daß ich dieses Ende nicht schon zurzeit seiner Machtfülle vorausgesehen hatte.

6. Ich konnte nicht begreifen, wie so viele den Spender alles Lebens verleugnen konnten, um einer sterblichen Krone zu gefallen. Brüder, ich blickte nach oben und nach unten, und bewundernd sah ich die Glorie unseres Herrn dort oben und die tiefe Erniedrigung des Verfluchten hier unten. Da dachte ich: Wer würde sich wohl jetzt noch vor diesem Leichnam fürchten und den Wahrhaftigen verleugnen?

7. Daß das Kreuz, als es mit uns in den Kampf zog, nicht siegte, geschah nicht aus dem Unvermögen zu siegen - es ist ja stets siegreich -, sondern damit für den Frevler, der auf Betreiben seiner Wahrsager nach dem Osten gezogen war, die Grube gegraben würde. Als er nun in dieselbe gefallen und umgekommen war, da wurde es den Einsichtigen klar, daß der Krieg nur auf ihn gewartet hatte, um ihn zu Fall zu bringen.

8. Man sollte erkennen, daß der Streit sich deshalb so sehr in die Länge gezogen hatte, damit der Keusche4die Jahre seiner Herrschaft vollenden, aber auch der Verfluchte das Maß seines Heidentums vollmachen könnte. Als sich dann sein Geschick erfüllt hatte und er dahingerafft war, da wurde es dann auf beiden Seiten wieder hell, und es ward Friede unter dem gläubigen Kaiser5, dem Genossen der Glorreichen.

9. Der Gerechte hätte ihn auf alle mögliche Weise töten können, aber er sparte ihn für einen entsetzlichen und bitteren Sturz auf; denn an seinem Todestage traten ihm alle diese Gedanken vor die Seele: Wo war jetzt der Orakelspruch, auf den er soviel Vertrauen gesetzt hatte? Wo blieb die Kriegsgöttin, daß sie ihm nicht zu Hilfe eilte? Und wo die Scharen seiner Götter, daß sie ihm keine Rettung brachten?

10. Als damals6das Kreuz des Allwissenden an der Spitze der Truppen in den Kampf gezogen war, ließ es sich den Hohn, es habe sie doch nicht retten können, ruhig gefallen. Den Kaiser hatte es in Frieden bewahrt, das Heer dagegen dem Untergang preisgegeben; denn es kannte dessen heimliches Heidentum gar wohl. Preisen wir also das Kreuz des Alldurchforschers, das damals einsichtslose Toren geschmäht haben!

11. Denn sie hielten nicht zur Fahne des Allerlösers, und dieses Heidentum, das sie am Schlusse offenbarten, war unserm Herrn schon von Anfang an offenbar. Aber obwohl er ihre heidnische Gesinnung kannte, rettete sie doch sein Kreuz; erst als sie sich von ihm lossagten, mußten sie dort Leichen verzehren und wurden zum Sprichwort.

12. Als das Volk Israel bei der elenden Stadt Hai besiegt worden war, zerriß Josua seine Kleider vor der Bundeslade und sprach vor dem Höchsten die schrecklichen Worte: „Ein Bann ist unter dem Volke, und man weiß es nicht!“7Ebenso war im Heere das Heidentum verborgen, trotzdem sie das Kreuz, wie jene die Bundeslade, trugen.

13. Die Gerechtigkeit rief ihn auf kluge Weise herbei, nicht durch Zwang lenkte sie seinen Willen. Sein Ehrgeiz lockte ihn zu dem todbringenden Speer. Als er sah, wie leicht ihm die Eroberung der Festungen gelang8, wurde er übermütig; zudem trat kein Unfall ein, der ihn zur Rückkehr hätte veranlassen können. Und so stürzte er schließlich in den Abgrund.

14. Weil er den gelästert hatte, der den [flammenden] Speer vom Paradies weggenommen hat9, darum drang der Speer der Gerechtigkeit in seinen von den Orakeln seiner Zauberer schwangeren Leib und riß ihn auf. Schmerzlich stöhnte er, als er da an die Drohungen denken mußte, die er in seinem Briefe gegen die Kirchen ausgestoßen hatte. Der Finger der Gerechtigkeit hat sein Andenken ausgelöscht.

15. Der Kaiser sah, wie die Söhne des Morgenlandes zu ihm kamen und ihn überlisteten, die Einfältigen den Weisen, die Profanen den Zauberer, Die [Perser], welche er schon in sein Netz verstrickt glaubte, nahmen durch die Mithilfe Ungelehrter seine Weisheit gefangen. Er befahl, die Schiffe, die ihm den Sieg verschafft hätten, zu verbrennen. Und so wurden durch eine einzige Überlistung seine Götter und Zauberer gefesselt10.

16. Als er einsah, daß seine Götter mit Schimpf und Schmach bedeckt waren und daß er selbst weder siegen noch fliehen konnte, schwankte er lange unentschlossen zwischen Furcht und Schande hin und her. Endlich wählte er den Tod, um in die Hölle zu entfliehen. Deshalb legte er mit Vorbedacht den Panzer ab, um tödlich getroffen zu werden und zu sterben, ohne daß die Galiläer sich an seiner Schmach weiden könnten.

17. Verächtlich hatte er die Brüder Galiläer11genannt. Siehe, nun rollen die Räder12des galiläischen Königs in der Luft; von seinem Wagen aus, den die Cherube tragen, läßt er seinen Donner erschallen. Der Galiläer rädert die Herde des Zauberers und überliefert sie den Wölfen in der Wüste, aber die galiläische Herde erstarkt und erfüllt die Welt.

1: Der Satrap Bineses [Ammian 25,9]
2: Vgl. Vorbemerkung 9 und 10.
3: Im Hinblick auf Matth. 5,37 will Ephräm eine weitergehende Bekräftigung seiner Worte vermeiden.
4: Konstantinus II.
5: Jovian
6: In den verfehlten persischen Feldzügen Konstantius’ II., namentlich 360. Ephräm denkt wohl vor allem an die Einnahme von Singar und die Kapitulation von zwei römischen Legionen [Ammian 20,6].
7: Jos. 7,5 ff.
8: Vgl. Vorbemerkung 6
9: Durch die Erlösung wurde der Weg zum Paradies wieder frei; der Cherub mit dem flammenden Schwert versperrt ihn nicht mehr.
10: Über den unglücklichen Ausgang des Perserzuges Julians, namentlich über die Überlistung durch die persischen Überläufer und die unbegreifliche Vernichtung der eigenen Proviantflotte, siehe Vorbemerkung 6-8.
11: Im Syrischen Wortspiel.
12: Im Syrischen Wortspiel.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger