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Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über den Propheten Jonas und die Busse der Niniviten. (Jonas 3,2. 3.)

6.

Als die Eltern solche Fragen aus dem Munde ihrer Kinder vernahmen, vergossen sie in bitterem Leid heiße Tränen über ihre Kleinen, und es zerflossen die Seelen beider, der Redenden und der Hörenden [vor Schmerz] Die Eltern vermochten vor Schluchzen nicht zu sprechen, weil der Schmerz den ebenen Weg der Worte versperrt hatte; andererseits wurde ihre Rede durch das Weinen ihrer Lieblinge verhindert. Um aber ihre Kinder nicht noch mehr zu quälen und aus Furcht, dieselben möchten noch vor dem festgesetzten Tag aus Gram sterben, hielten die Eltern ihre Tränen zurück und bezwangen mit Gewalt ihr Mitleid, um die Kinderschar über diese Fragen klug beruhigen zu können. Die Eltern scheuten sich, die Wahrheit ihren Kindern offen mitzuteilen, daß nämlich der Tag nahe sei, der nach dem Ausspruch des Propheten kommen sollte; daher beschwichtigten sie ihre Kinder nach dem Beispiele Abrahams durch eine Weissagung. Isaak fragte nämlich, wo denn das Opferlamm sei. Um nicht unter Seufzen antworten zu müssen und dadurch sein Opfer zu beflecken, band er seinen einzigen Sohn unter zärtlichen Reden, bevor er sein Opfermesser zückte. Da Abraham wußte, daß die Antwort für seinen Sohn zu hart wäre, so behalf er sich zwar nicht mit Schweigen, um ihm Kummer zu ersparen, aber er offenbarte ihm auch nicht das Schmerzliche, damit das Opfer nicht durch Traurigkeit einen Makel erhalte. Er sann jedoch darüber nach, wie er seinen Liebling zufriedenstellen könnte. Während er davor zurückschreckte, das ihm Bekannte zu offenbaren, weissagte er ein verborgenes Geheimnis, und während er ihm nichts mitteilen wollte, offenbarte er ihm die Wahrheit. Er scheute sich, ihm zu sagen: „Du bist es!“ und weissagte ihm, daß es ein anderes Opfer sein werde. Er glaubte, daß es Isaak sei, weissagte aber, daß er es nicht sein werde. Denn Abrahams Zunge wußte mehr als sein Herz 1. Das Herz lernte vom Munde, der sonst von ihm lernt. Der Verstand war wissend, weil die Zunge prophetisch war; der Verstand, der sonst belehrt, ward durch die Zunge belehrt. „Ich und der Knabe wollen hinaufgehen“, sprach Abraham zu den Knechten, „und wir werden wieder zu euch zurückkommen.“ Er wollte täuschen und weissagte; er war aber kein Lügner, weil er für die Wahrheit kämpfte; sein Wort wurde zur Weissagung, weil er bestrebt war zu helfen.

1: Dem Semiten ist das Herz der Sitz des Verstandes.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger