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Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über den Propheten Jonas und die Busse der Niniviten. (Jonas 3,2. 3.)

5.

Dort betete niemand, daß nur er allein gerettet würde, sondern solidarisch wie die Glieder eines [Leibes] beteten sie alle gegenseitig einer für den andern. Die ganze Stadt war wie ein Körper dem Untergang geweiht. Die Unschuldigen unter ihnen konnten nicht ohne die Sünder am Leben bleiben; denn die Guten und die Bösen waren ganz gleichmäßig wie die Glieder miteinander verbunden. Ihre Gerechten flehten für die Sünder um Rettung, und die Sünder flehten wiederum für die Gerechten um deren Erhörung. Die Rechtschaffenen unter ihnen beteten für die Frevler, daß sie gerettet werden möchten, und die Frevler beteten wiederum, daß das Gebet der Rechtschaffenen angenommen werden möchte. Das zarte Wimmern der Kinder brachte die ganze Stadt zum Weinen; die sich erhebende Stimme der Säuglinge rief in den Herzen und Gemütern eine Umwandlung hervor. Die Greise bestreuten sich mit Asche; die Greisinnen rauften sich die ehrwürdigen Silberhaare aus, warfen sie weg und bedeckten sich so mit beschimpfendem Leid. Die Jünglinge wehklagten noch lauter beim Anblick ihrer Greise; die Greise rührten die Jünglinge, diese trefflichen Stäbe des Greisenalters, zu Tränen. Sie wehklagten, daß sie alle miteinander begraben würden, die Begrabenden und die zu Begrabenden. Die Häupter der ehrbaren Männer und Frauen wurden vor Wehklagen kahl. Die Mutter stand in der Mitte, rings um sie her ihre Lieblinge, welche sich an ihre Säume anklammerten, um bei ihr Rettung vor dem Tode zu finden. Vor dem Schreckensruf entfloh der Knabe zum Schoße seiner Mutter, und der Säugling barg sich vor dem Strafgerichte am Busen seiner Amme. Es wurde Tag, es wurde Nacht; man zählte Stunde für Stunde die anberaumten Tage. Man berechnete die Tage, die schon vorüber waren, und wenn wieder ein Tag vorüber war, so klagte man, daß das Leben um ihn kürzer geworden sei. Mit dem entschwindenden Tage entschwand eben [auch] ihr Leben. Die Kinder fragten unter Weinen, Tränen in den Augen, ihre Eltern: „O Eltern, sagt uns doch, wie viele Tage bleiben uns noch von den Tagen, die uns jener hebräische Prediger bestimmt hat? Welches ist die von ihm bezeichnete Stunde, in welcher wir zur Unterwelt hinabsteigen müssen? Welches ist der Tag, an dem diese herrliche Stadt zerstört werden soll? Welches ist wohl der letzte Tag, nach dem wir nicht mehr sein werden? Welches ist der Zeitpunkt wo uns alle der Schwindel erfassen wird, und welches ist der Tag, an dem die Kunde von unserem Untergang in alle Welt hinausfliegen wird und Schauende vorübergehen werden, um die Stadt anzusehen, die über ihren Bürgern zusammengestürzt ist?“

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger