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Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über den Text: „Wehe uns, dass wir gesündigt haben!“ (Klagel. 5,16.)

9.

Dies macht mich, meine Lieben, immer beben und zittern, wenn ich meine geheimen Sünden betrachte und meine Werke erwäge. Diese furchtbare Erinnerung an meine Sünden und an den Tag des Gerichtes flößt meinen Gliedern Schrecken ein und erfüllt meine Gedanken mit Angst. Wunderlich ist aber dies, meine Lieben, daß ich dies alles weiß und klar erkenne, was mir frommen würde, und dennoch alles Böse verübe. Ich weiß, wie bitter mir vergolten werden wird, aber ich tue trotzdem Verkehrtes; ich kenne die guten Werke, begehe aber die bösen. Ich lese die Bücher des Geistes, welche vom 1 Hl. Geiste geschrieben sind und Gericht und Strafe, aber auch das Brautgemach des Lichtes und das Himmelreich verkünden. Ich lese, aber ich befolge nichts; ich lehre, aber ich lerne nichts. Ich bin in den Büchern und in den Schriftlesungen wohl bewandert, bin aber von meiner Pflicht weit entfernt. Ich lese anderen die Hl. Schrift vor, allein nichts dringt in meine Ohren ein. Den Unwissenden gebe ich Erklärungen und Ermahnungen, aber mir selbst zu nützen, das bringe ich nicht zuwege. Wohl öffne ich das Buch und lese und seufze, schließe es dann wieder und habe schon wieder vergessen, was darin steht. Sind die Schriften meinen Augen entschwunden, dann sind auch schon ihre Lehren ebenfalls aus meinem Gedächtnis entschwunden. Was soll ich also, meine Lieben, mit dieser Welt anfangen, in die ich [nun einmal] eingetreten bin, und mit dem Körper voll Übel 2, der mich zu Begierden reizt? Die hl. Schriften erschrecken mich wegen des Gerichtes und der Vergeltung; die Begierden dagegen drängen mich, die Werke des Fleisches zu tun. So bin ich in Wahrheit zwischen Gericht und Furcht gestellt; darum rufe ich Tag für Tag Wehe über mein Leben und preise mit Recht die verscharrten Fehlgeburten und die Kinder selig, die nie in diese Welt der Übel 3 eingetreten sind und daher auch keine [Sünden-] Last aus ihr weggetragen haben. Wer in ihr tugendhaft leben, Ruhe finden und dem Kampfe und dem Gerichte entgehen will, den überwältigen Krieg und Kampf [schließlich doch]. Hienieden Krieg zu führen und tugendhaft zu leben, gestattet mir der Leib nicht. Gebe ich mich aber meinen Begierden hin, so ist am Ende meine Vergeltung bitter. So nehme ich denn zu dir, o Herr, meine Zuflucht vor dieser argen Welt und vor dem Leibe voller Übel, dieser Ursache aller Sünden. Daher sage ich, wie einst der Apostel Paulus 4 gesagt hat: „Wann werde ich doch von diesem Leibe des Todes befreit werden?“

1: oder im Hl. Geiste, d. h. unter Eingebung des Hl. Geistes.
2: oder Bosheiten.
3: oder Bosheiten.
4: Röm. 7,24

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger