Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über den Text: „Wehe uns, dass wir gesündigt haben!“ (Klagel. 5,16.)

4.

Was soll ich nun beginnen, meine Lieben? Ich bin ja hier und dort von Leiden bedrängt: hier durch die Furcht wegen meiner Sünden, jenseits durch die drohende Strafe. Als ich in meiner Jugend sündigte, da dachte ich in meinem Sinn: „Wenn ich ins Greisenalter eintreten werde, dann werde ich schon das Sündigen lassen.“ Ich überlegte in meinen Gedanken: „Wenn der Körper im Greisenalter erkalten wird, dann wird auch die Glut meiner Sünden sich abkühlen.“ Aber jetzt sehe ich, daß mein Wille selbst im Greisenalter nicht von Missetaten abläßt; denn hat sich auch der Körper verändert, der Wille ist doch nicht anders geworden. In meiner Jugend lebte ich ausgelassen, und in meinem Alter lebe ich schimpflich, und am Ende wartet meiner das Gericht. Beladen mit Schuldenlasten, vergingen und entschwanden meine Jugendtage; die Tage des Greisenalters kamen, und auch sie sind mit allerlei Missetaten belastet. Die Zeit der Jugend verbrachte ich im Dienste der Sünde, und da nun das Alter herbeigekommen ist, wandle ich doch noch in meinen Sünden. Meine Lieben! Es ist doch wunderlich, dass zwar der Körper seine Leidenschaftlichkeit verloren, der Wille aber seine Gewohnheiten nicht abgelegt hat. Der Körper ist durch das Greisenalter geschwächt, der Wille dagegen nicht. Grau ist wohl das Haupt, nicht aber das Herz; gealtert ist der Körper, aber alle meine Gedanken verjüngen sich immer wieder. Je weißer das Haar des Hauptes wird, desto schwärzer wird das Herz durch die Sünden, und je siecher der Körper ist, desto kräftiger ist der Wille zum Sündigen. Der Wille meiner Jugend ist der gleiche noch in meinem Alter; in Ausgelassenheit habe ich beide [Jugend und Alter] zugebracht. Nach meinem Greisenalter kommt aber die Zeit des Todes und nach dem Tode die Auferstehung und das furchtbare Strafgericht. Wenn ich aber dazu in diese Welt voll Übel gekommen bin, dann wäre es besser gewesen, ich hätte sie nie betreten; denn in ihr traf mich nichts als Unglück. Warum mußte ich denn in diese Welt kommen und in ihr alles mögliche Schlimme sehen, um dann aus ihr eine solche Sündenlast mitfortzunehmen? Job, der ihre Übel erfahren hat, sehnte sich zu den verscharrten Fehlgeburten, daß er wie sie in der Erde verscharrt wäre und die arge Welt nie gesehen hätte 1. Welchen Gewinn habe ich davon, daß ich in diese böse Welt kam? In ihr gibt es eine Unzahl von Feinden, und die Anfechtungen hören nicht auf. Es gibt aber auch in ihr Schriften, welche mir von Gericht und Vergeltung predigen. Meine Begierden treiben mich an, zu sündigen; die Schriften dagegen jagen mir Furcht ein. Ich schwanke zwischen Furcht und Begierde; was soll ich tun, meine Lieben? Dem schrecklichen Gerichte zu entfliehen, ist unmöglich, Freunde! Ich weiß aber, daß meine Vergeltung unheilvoll sein wird. Wohin soll ich vor beiden [Furcht und Begierde] meine Zuflucht nehmen?

1: Job 3,16.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Bilder Vorlage

Navigation
. . Vorbemerkung.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 13.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger