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Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über den Text: „alles ist Eitelkeit und Geistesplage!“ (Pred 1,14.)

3.

Die Welt gleicht der Nacht, und alle ihre Ereignisse sind Träume. Die Seele versenkt sich in dieselben und läßt sich durch das Blendwerk verführen. Wie der Traum in der Nacht täuscht, so täuscht die Welt durch ihre Verheißungen. Gleichwie der Traum die Seele durch Bilder und Gesichte betrügt, ebenso betrügt die Welt durch ihre Lüste und Güter. Der Traum betrügt in der Nacht, indem er dich durch seine Vorspiegelungen reich macht, zu einer Machtstellung erhebt und dir einen hohen Rang verleiht. Er bekleidet dich mit prächtigen Gewändern, flößt dir Übermut ein und zeigt dir sogar durch sein Blendwerk, wie die Menschen kommen, um dir zu huldigen. Ist aber die Nacht vorüber und vorbei, ist der Schlaf entschwunden und dahin, ist der wache Zustand wieder zurückgekehrt, dann stellen sich diese Träume, die du geschaut hast, als lügenhaft heraus. Ebenso täuscht die Welt durch ihre Güter und Reichtümer, die gleich einem Traumgebilde der Nacht vergehen und werden, als ob sie nie gewesen wären. Wenn der Leib im Tode entschläft, dann erwacht die Seele, erinnert sich der Träume der Welt und ist darüber beschämt und bestürzt. Ergriffen von plötzlichem Staunen, vergeht und zergeht die Seele vor Verwirrung, beginnt zu zittern und zu beben, da das Verborgene offenbar wird. Sie gleicht dann einem Menschen, der sich nach dem Erwachen aus dem Traume umsonst abhärmt, daß seine Zeit wie ein Traum vergangen ist. Angst befällt ihn, wenn er in seinen Gedanken sieht, wie ihn seine Missetaten umringen. Dichten Finsternissen gleich kommen alle seine Schandtaten herbei; er weiß nicht, wohin er fliehen, wohin er gehen und wo er sich verbergen soll, da seine Freveltaten vor ihm stehen. Dann kommt der Böse herbei, und es ergeht an die Seele die Forderung. Er fordert von ihr die Träume der Welt, um sie auszulegen 1; er fordert von ihr den Reichtum, den sie gesammelt hat, der ihr aber die Glorie geraubt hat; er stellt sie nackt hin und verlacht und verhöhnt sie. Er fordert von ihr [Rechenschaft über] die schändliche Ungerechtigkeit, die sie in die Hölle stürzt; er fordert von ihr Rechenschaft über die Dieberei, die sie in die Finsternis schleudert; er fordert von ihr Rechenschaft über den Neid und den Betrug, die ihr das Zähneknirschen bereiten; er fordert von ihr Rechenschaft über den Zorn und die Rachsucht, die ihr die [Höllen-] Qualen zuziehen. Alle Schandtaten bringt er herbei, erklärt sie und legt sie vor ihren Augen dar, ohne irgendeinen Fehler zu übergehen. Das sind schmerzliche Deutungen, die der Böse, vor ihr stehend, von ihr fordert. Weil die Seele sich durch Träume täuschen ließ, darum sind die Träume ihre Qual.

1: d. h. zeigen, daß sie „Schäume“, nichts, sind.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger