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Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über die Gottesfurcht und den jüngsten Tag

6.

Wer sich vor Gott fürchtet, für den ist es unmöglich, eine Sünde zu begehen, und wenn er seine Gebote beobachtet, dann ist er fern von allem Bösen. Wer Sünde tut, von dem ist Gott fern, und daher erfüllt ihn der Böse mit Furcht, und er lebt nur mehr in Angst. Weil wir die Furcht Gottes des Allerhöchsten verlassen haben, ist die Sünde mit ihren Schrecknissen eingedrungen und verursacht Zittern und Beben. Wer Sünde verübt, von dem fordert sie Furcht, daß er sich vor ihr scheue und sie [die Sünde] zu verbergen suche, weil sie ein tödliches Gift ist. Die Sünde bringt Furcht mit sich, so daß man sie nur heimlich zu begehen wagt; denn sie will sich nicht offenbaren, weil sie häßlich und verderblich ist. Weil sie abscheulich ist, versteckt sie sich, und weil sie ein Gift ist, verbirgt sie sich. Wäre sie nicht so häßlich, so würde sie sich nicht zu verstecken suchen; wäre sie kein Gift, so würde sie sich nicht zu verbergen suchen. Wer Sünde begeht, strebt aus Furcht vor ihr, sie zu verbergen und zu verheimlichen, auf daß ihre Abscheulichkeit nicht ans Licht komme. Sie fürchtet sich vor der Schmach, errötet vor der Schande, schämt sich ihrer Scheußlichkeit und scheut sich, das Licht zu sehen. Einen Menschen mit häßlichem Gesichte mag kein Auge anschauen; wer aber schön von Angesicht ist, wird von jedem Auge mit Wonne betrachtet. Weil die Finsternis sehr häßlich ist, verlangt kein Auge sie zu sehen; jedoch am Anblick des Lichtes kann kein Auge sich satt sehen, weil es so schön ist. Die Sünde schleicht im Finstern umher und flieht vor der Helle; denn wenn sie sich im Lichte zeigen würde, dann würde jedermann vor ihr fliehen. Die Sünde wandelt im Dunkeln und fürchtet sich vor dem leisesten Laute, und wer sie begeht, fürchtet sich sogar vor seiner eigenen Stimme. Wer ein Dieb ist, der spricht nicht laut; und wer ein Ehebrecher ist, der läßt kein Geschrei vernehmen. Der Dieb lispelt nur leise, der Ehebrecher flüstert, der Lüstling bedient sich bisweilen nur eines Winkes mit dem Auge. Er fürchtet seinen eigenen Mund, weil er die Sünde schweigend begehen will, und statt mit Mund und Zunge spricht er mit den Augenbrauen und den Wimpern. Furcht verursacht der Ehebruch dem Ehebrecher, Angst und Zittern bereitet das Stehlen dem Diebe. Vor jeder Sünde, die begangen wird, fürchtet sich ihr Täter; schon das Reden von ihr erregt ihm Besorgnis, sie möchte aufkommen und bekannt werden. Der Tor [der ein Verbrechen begehen will] bebt erschaudernd vor dem Knistern seiner Säume, ja vor seinen eigenen Tritten aus Furcht, ihr Schall möchte gehört und er selbst ertappt, beschämt und beschimpft werden. Erlauscht er irgendeinen Laut, so steht er starr wie ein Stein; bellt etwa ein Hund, so fährt er aus Furcht davor zusammen; regt sich etwas, so ergreift er eilends die Flucht durch das Fenster. Zur Türe geht er nicht hinaus, sondern enteilt über Mauern und Zäune, und ob auch seine Füße wund werden, er merkt es vor lauter Furcht nicht. Der Böse ist in ihn gefahren, haust in seiner Seele und erfüllt ihn mit Schrecken und Schauder; wohin er auch gehen mag, seine Schritte sind voll Aufregungen und Gefahren.

 

 

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Vorbemerkung: Rede über die Gottesfurcht und den jüngsten Tag
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger