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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

10.

A. Da sie aber nun einmal in ihrer Torheit so weit gegangen sind, daß sie glauben und behaupten, das eingeborene Wort Gottes sei nicht selbst einer wie wir geworden, sondern habe vielmehr einen Menschen angenommen, wie sollen wir uns diese Annahme vorstellen? Etwa so, daß der Mensch von ihm beauftragt worden ist, seine Ratschlüsse zu vollstrecken, ähnlich wie es z. B. von einem der heiligen Propheten heißt: „Und es sprach der Herr zu mir: Geh' und prophezeie meinem Volke Israel!"1Einen Ziegenhirten nämlich bestellte er zum Propheten und sandte ihn als seinen Gehilfen zur Ausführung seiner Entschlüsse.

B. Nicht gerade so, denke ich, werden sie die Annahme auffassen, sondern so wie wir das Wort auffassen „Knechtsgestalt annehmend."2

A. Dann wäre ja folgerichtig zu sagen, daß das Angenommene dem Annehmenden in unzerreißbarer Einheit zu eigen geworden ist, so daß also Jesus Gott ist und des wahren Gottes einer und einziger Sohn, als das Gott dem Vater entstammte Wort, der Gottheit nach vor aller Ewigkeit und Zeit geboren, in den letzten Zeiten der Welt aber auch dem Fleische nach aus dem Weibe. Denn die Knechtsgestalt hat nicht einem andern angehört, sondern ist die seinige geworden.

B. Wie meinst du das?

A. Wer soll denn, sag' mir, die Knechtsgestalt angenommen haben, einer, der von Natur aus Knecht ist, oder einer, der in Wahrheit frei ist und seinem Wesen nach über den Stand der Knechtschaft hoch erhaben?

B. Einer, der frei ist, denke ich. Denn was einer von Natur aus schon war, wie kann er es noch geworden sein?

A. Beachte nun, wie das eingeborene Wort Gottes, nachdem es einer wie wir geworden und der Menschheit nach in den Stand der Knechtschaft eingetreten war, selbst bezeugt hat, daß es der Natur nach frei war, indem es bei Zahlung der Drachmen erklärte: „Folglich sind die Sohne frei.“3Er nimmt also Knechtsgestalt an, weil er sich der Entäußerung unterziehen will und die Verähnlichung mit uns nicht verschmäht hat. Denn nur dadurch konnte er den Knecht zu Ehren bringen, daß er selbst Knecht wurde, damit wir dann von seiner Herrlichkeit bestrahlt würden. Das höher Stehende trägt ja stets den Sieg davon, und so begann die uns anhaftende Schmach der Knechtschaft zu schwinden. Der über uns Erhabene ist einer wie wir geworden, und der von Natur aus Freie hat sich in die Lage des Knechtes versetzt. Deshalb ist seine Hoheit auch auf uns übergegangen, und auch wir sind Söhne Gottes geheißen worden und haben den zum Vater erhalten, der eigentlich nur sein Vater ist, gleichwie er die Menschennatur zu eigen erhielt. In dem Satze, daß er die Knechtsgestalt angenommen, ist also das ganze Geheimnis der Menschwerdung im Fleische beschlossen. Wenn aber die Gegner zugeben, daß das Gott dem Vater entstammte Wort Einer und Herr ist, zugleich jedoch behaupten, daß der aus dem Samen Davids geborene einfache Mensch ihm als Teilhaber der Sohnschaft und sogar der Herrlichkeit verbunden sei, so ist es an der Zeit, daß wir den Anhängern solcher Meinungen in brüderlicher Liebe voller Schmerzen zurufen: „Wer gibt meinem Haupte Wasser und meinen Augen eine Tränenquelle, und ich will weinen über dieses mein Volk bei Tag und bei Nacht."4Denn zu schmählichem Sinnen haben sie sich verführen lassen, „und den Herrscher, der sie erkauft hat, verleugnen sie".5Es wird uns ja eine ganz ungleiche Zweiheit von Söhnen vorgestellt, und der Knecht wird mit göttlicher Herrlichkeit bekränzt, und ein unechter Sohn erstrahlt in denselben Hoheitszeichen wie der natürliche und wahre Sohn, obwohl doch Gott mit Nachdruck erklärt: „Meine Ehre gebe ich keinem andern."6Oder wie soll er nicht ein anderer und von dem natürlichen und wahren Sohn ganz verschieden sein, er, der nur durch bloße Verbundenheit geehrt und an Stelle eines Dieners angenommen und so, wie auch wir selbst, der Sohnschaft gewürdigt worden und nur an der Herrlichkeit eines andern teilgenommen und dies durch Geschenk und Gnade erlangt hat?

B. Es darf also der Emmanuel nicht zerspaltet werden in einen für sich bestehenden Menschen und Gott das Wort? A. Durchaus nicht. Ich behaupte vielmehr, daß er menschgewordener Gott genannt werden muß und daß er in einer und derselben Person das eine sowohl wie das andere ist. Denn er hat, da er Mensch geworden, nicht aufgehört, Gott zu sein, hat aber auch die Menschennatur nicht abgelegt und den Entäußerungsstand nicht aufgegeben.

B. Dann wären ja, sagen sie, das Wort und sein Leib wesenseins gewesen; denn nur so und nicht anders kann er einer und einziger Sohn sein.

A. Das ist aber doch nur leeres Geschwätz und ein deutlicher Beweis verrückten Sinnes. Wie soll in einer und derselben Wesenheit vereint sein können, was der Natur nach so weit auseinanderliegt? Etwas anderes ist die Gottheit und etwas anderes die Menschheit; und um diese handelt es sich, wenn wir von Einigung sprechen. Denn geeint werden immer nur zwei oder mehrere Dinge, nicht aber etwas, was als eines gezählt wird.

B. Deshalb, sagen sie, sind die Benennungen auseinanderzuhalten.

A. Nicht in der Weise sind sie, wie ich schon sagte, auseinanderzuhalten, daß sich eine Verschiedenheit von Personen ergeben würde, von denen jede für sich bestünde. Vielmehr sind sie zusammenzufassen zu einer unzerreißbaren Einheit. Denn „das Wort ist Fleisch geworden“, heißt es bei Johannes.7

B. Sie sind also vermischt worden und beide sind eine Natur geworden.

A. Wer wird denn so dumm und wahnwitzig sein, zu glauben, daß die göttliche Natur des Wortes in etwas, was sie nicht war, verwandelt worden oder daß das Fleisch auf dem Wege der Veränderung in die Natur des Wortes selbst übergegangen sei! Das ist ausgeschlossen. Wir behaupten vielmehr, daß es einen Sohn und eine Natur des Sohnes gibt, auch nachdem er Fleisch mitsamt einer vernünftigen Seele angenommen. Denn er hat, wie ich schon sagte, die Menschennatur sich zu eigen gemacht, und aus diesem und keinem andern Grunde ist er für uns Gott und Mensch zugleich.

B. Es würde also nicht zwei Naturen geben, eine göttliche und eine menschliche?

A. Etwas anderes ist die Gottheit und etwas anderes die Menschheit vermöge des innern Wesens beider. In Christus aber sind sie in wunderbarer und über unsern Verstand hinausgehender Weise zu einer Einheit verbunden worden, ohne Vermischung und Verwandlung. Die Art und Weise der Einigung aber ist durchaus unbegreiflich.

B. Wie aber soll Christus Einer sein, wenn er aus zwei Teilen, Gottheit und Menschheit, besteht?

A. Nicht anders, denke ich, als so, daß sie miteinander zusammengefaßt worden sind zu einer unzerreißbaren und, wie ich schon sagte, die Vernunft überragenden Einigung.

B. Könntest du mir ein Beispiel nennen?

A. Sprechen wir nicht von einem Menschen, wie wir es sind, und von einer Natur des Menschen, obwohl er nicht etwas Einheitliches ist, sondern aus zwei Teilen zusammengesetzt, aus Seele nämlich und Leib?

B. Das ist wahr.

1: Am. 7, 15.
2: Phil. 2, 7.
3: Matth. 17, 25.
4: Jer. 9, 1.
5: 2 Petr. 2, 1.
6: Is. 42, 8.
7: Joh. 1, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger