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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

9.

A. Ist es aber wahr, was jene behaupten, und hat der Eingeborene die Menschwerdung abgelehnt, welche „Schmach soll er dann verachtet haben"1und wie soll er dem Vater „gehorsam geworden sein bis zum Tod, ja bis zum Kreuzestod“?2Und wenn er einen Menschen angenommen und ihn zwar in den Tod geschickt, aber auch in den Himmel erhoben und zum Throngenossen des Vaters bestellt hat, wo bleibt dann sein eigener Thron, da sie ja nicht zwei Söhne behaupten wollen, sondern einen, und zwar den Throngenossen, geboren aus dem Samen Davids und Abrahams? Wie ferner soll er „Erlöser der Welt"3zu nennen sein und nicht vielmehr Freund oder Gönner des Menschen, durch den wir erlöst worden sind? Und das Endziel des Gesetzes und der Propheten ist ein Mensch geworden, ein anderer als Christus; denn das Gesetz bezeugt das Geheimnis Christi; und von ihm hat Moses geschrieben, der unser Lehrmeister zu ihm hin geworden. So zerflattert also der Glaube, und unser hehres Geheimnis zerrinnt vollends in nichts. Das bekräftigt deutlich auch der treffliche Paulus, wenn er sagt: „Sprich nicht in deinem Herzen: wer wird hinaufsteigen in den Himmel, um nämlich Christus herabzuholen? Oder wer wird hinabsteigen in die Unterwelt, um nämlich Christus von den Toten heraufzuholen? Was sagt vielmehr die Schrift? Nahe bei dir ist das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, das Wort des Glaubens nämlich, welches wir verkünden. Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, daß Jesus Herr ist, und mit deinem Herzen glaubst, daß Gott ihn von den Toten auf erweckt hat, so wirst du gerettet werden."4— Wo bleibt nun noch das große und erhabene und überaus bewundernswerte „Geheimnis der Gottesfurcht",5wenn man, wie die Verdreher der Wahrheit behaupten, glauben muß, daß ein Mensch angenommen und enge mit Gott dem Worte verbunden, gestorben und wieder aufgelebt und in den Himmel erhoben worden ist? Manchem wird es freilich unglaublich erscheinen, daß jemand, der von Natur und in Wahrheit nicht Gott ist, auf dem Sessel der Gottheit thront, nachdem er vermutlich den natürlichen Sohn davongejagt hat. Und Engel und Erzengel und die über diese noch erhabeneren Seraphim umstehen unterwürfig und dienstbereit nicht den wahren Sohn und Gott, sondern einen Menschen, der durch Teilnahme und Auswahl nach Menschenart den Namen des Sohnes erlangt hat und zu vollgöttlicher Ehre befördert worden ist. Denn auch dies zu sagen, haben die Gegner sich durchaus nicht gescheut. Strotzt also ihre Lehre nicht von äußerster Gottlosigkeit und Frevelhaftigkeit? Das Gegebene und Auserwählte ist verwerflich, und das von außen Herbeigeholte ist augenscheinlich verdammungswürdig. Ich will schweigen von der Lästerlichkeit und Widerwärtigkeit der Behauptungen, die die erhabene Lehre von der Menschwerdung in den Schmutz ziehen und unsere göttliche und hochheilige Religion zu einem Menschendienst und nichts anderm stempeln. Sie wollen ja den wahren Sohn beiseiteschaffen und statt seiner einen ihm eng verbundenen Menschen angebetet wissen, der hoch über alle Herrschaft und Gewalt und Fürstentümer hinaufgestiegen sei. Nicht bloß die Erdenbewohner, sondern auch die himmlischen Geister und Mächte beschuldigen sie der Verirrung, weil diese mit uns lieber den menschgewordenen natürlichen und wahren Sohn und das aus der Wesenheit Gottes und des Vaters aufgeleuchtete Wort anbeten als einen andern, der aus dem Samen Davids geboren und nur durch seinen Willen und den äußern Prunk zu einem Gott gemacht worden, in Wahrheit aber ein Mensch ist.

B. Allein wenn er auch, behaupten sie, für sich betrachtet ein Mensch ist, so verdient er doch wegen der Beziehung auf Gott und mit Rücksicht auf ihn die Anbetung von selten der gesamten Schöpfung.

A. In welcher Weise, sag' mir, sollen wir die bei ihnen vielberufene Beziehung auffassen und verstehen? Laß uns die göttliche und heilige Schrift zur Hand nehmen und von ihr Aufschluß erbitten! Als die Israeliten einst der Ehrfurcht vor Gott vergaßen und sich bitter über Moses und Aaron beklagten, da haben Moses und Aaron ihnen vorgehalten: „Wer ist es, daß ihr gegen ihn murrt? Denn nicht gegen uns richtet sich euer Murren, sondern gegen Gott."6Sie sündigten gegen Moses und Aaron, aber ihr Tun zielte auf die göttliche Majestät, und auf diese bezog sich das Denken der frechen Übeltäter. Indessen waren Moses und Aaron deshalb nicht Götter und der Beziehung auf Gott wegen hat die Schöpfung sie nicht angebetet. Später herrschte Gott über das fleischliche Israel durch Propheten. Dann kamen sie zu dem göttlichen Samuel und sagten: „Gib uns einen König, wie auch die übrigen Volker ihn haben!"7Darüber war der Geistesträger, und zwar mit vollem Recht, sehr erzürnt; er hörte aber auf die Stimme Gottes, der sprach: „Nicht dich haben sie verworfen, sondern mich, daß ich nicht mehr über sie herrschen soll." Auch hier siehst du wieder deutlich die Beziehung der Verwerfung auf Gott. Aber auch der Heiland und Herr des Weltalls selbst hat von den in Not Befindlichen gesagt: „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, habt ihr mir getan."8Soll etwa in dieser Weise derjenige, der dem aus dem Samen Davids Geborenen Ehre erweist, es dem Sohne getan haben? Und wenn jemand nicht an ihn glaubt, soll er damit zugleich auch schon den natürlichen Sohn beleidigt haben, der ja gleichfalls geehrt sein will und in der gleichen und ganz entsprechenden Weise Glauben von uns verlangt? Wie soll ferner zu leugnen sein, daß der Knecht dem Herrn an Ehre gleich geworden, das Geschöpf in die Höhen der Gottheit erhoben worden ist, ein „neuer Gott", wie die Schriften sagen?9Der heiligen und wesenseinen Dreieinigkeit ist ein Andersartiger einverleibt worden, um mit ihr angebetet zu werden und an der gleichen Hoheit teilzunehmen.

B. Die Beziehung, sagen sie, sei so aufzufassen: Der aus dem Samen Davids Geborene ist mit Gott dem Worte unzertrennlich verbunden, und deshalb müssen wir ihn als Gott anbeten.

A. Soll denn diese Verbundenheit schon hinreichen, um ihn zu göttlicher Herrlichkeit aufsteigen und alles Geschaffene überflügeln zu lassen? Soll sie den, der nicht Gott ist, anbetungswürdig machen können? Ich finde einen Psalmensänger zu Gott sprechen: „Meine Seele hat sich an dich gehängt“,10und auch der selige Paulus schreibt: „Wer sich an den Herrn hängt, ist e i n Geist [mit ihm]."11Sollen wir nun, sag' mir, auch diese der Beziehung auf Gott wegen anbeten, weil sie sich an Gott angehängt haben? Anhängen besagt aber noch weit mehr als Verbundensein und hat einen viel vollern Sinn, wenn es anders wahr ist, daß Anhängen ein starkes und inniges Verbundensein bedeutet.

B. Es scheint so.

A. Warum aber sagen sie statt „Einigung" [ἔνωσις], d. i. statt des Ausdrucks, der uns geläufig oder vielmehr von den Vätern her uns überliefert ist, ihrerseits „Verbindung" [συνάφεια]? Besagt doch „Einigung" keineswegs eine Vermischung, sondern nur den Zusammenschluß zu einer Einheit. Auch wird das Wort durchaus nicht bloß von einem einfachen und einheitlichen Dinge, sondern auch von zweien oder mehreren, und zwar auch von verschiedenartigen Dingen gebraucht. So erklären die, die solcher Sachen kundig sind. Es ist also ein grober Trug, wenn sie den einen, natürlichen und wahren Sohn nach der Menschwerdung und Fleischwerdung in Zwei zerteilen, und, eine Einigung ablehnend, von einer „Verbindung" sprechen, die auch irgendein anderer mit Gott haben kann, der durch Tugend und Heiligkeit sich ihm anschließt. Treffend hat einer der Propheten den in Lauheit verfallenden Volksgenossen zugerufen: „Sammelt euch und schließt euch an, du ungezogenes Volk, bevor ihr wie eine dahinwelkende Blume werdet!"12Verbunden ist auch der Schüler mit dem Lehrer vermöge der Lernbegier; verbunden sind wir alle miteinander, nicht in einer, sondern in vieler Hinsicht. Auch wer jemanden in irgendwelcher Angelegenheit Hilfe leistet, muß füglich dem Willen nach als verbunden gelten mit dem, der die Hilfe empfängt. Dies letztere will, scheint es, die von den Neuerern erfundene Verbindung in erster Linie besagen. Du hast ja gehört, daß sie unvernünftigerweise behaupten, Gott das Wort habe einen Menschen, einen andern, von ihm selbst verschiedenen Sohn, angenommen und gewissermaßen zu seinem Gehilfen in der Ausführung seiner Willensentschlüsse gemacht, so zwar, daß derselbe auch den Tod kostete, aber wieder auflebte und, in den Himmel erhöht, den Thron der unaussprechlichen Gottheit bestieg. Erhellt aus diesen Darlegungen nicht so klar wie möglich, daß der angebliche Gehilfe notwendig ein anderer sein muß als der natürliche und wahre Sohn?

B. Ich meine schon.

1: Hebr. 12, 2.
2: Phil. 2, 8.
3: Joh. 4, 42; 1 Joh. 4, 14.
4: Röm. 10, 6—9.
5: 1 Tim. 3, 16.
6: Ex. 16, 8.
7: 1 Kön. 8, 5—7.
8: Matth. 25, 40.
9: Ps. 80, 10.
10: Ps. 62, 9.
11: 1 Kor. 6, 17.
12: Soph. 2, 1 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger