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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

8.

A. Auf welche Weise aber wollen sie es erklären, daß er „den Brüdern", das heißt uns, „in allem gleich geworden ist“?1Oder wie kann überhaupt jemand uns gleich geworden sein, wenn er nicht der Natur nach ein anderer war und nicht einer wie wir? Denn wer andern gleich wird, muß notwendig verschieden von ihnen sein und nicht von derselben Beschaffenheit, sondern von verschiedener Art oder Natur. Der Eingeborene war also der Natur nach nicht uns gleich, ist aber dann, wie es heißt, uns gleich, das ist Mensch geworden. Das aber ist ordnungsgemäß und ausschließlich dadurch geschehen, daß er so wie wir geboren wurde, wenn auch wunderbar und einzigartig, weil es Gott war, der Fleisch ward. Dabei ist festzuhalten, daß der ihm geeinte Leib vernünftig beseelt war. Denn er hat nicht das Vorzüglichere in uns, das heißt die Seele, beiseite geschoben und sich nur mit dem der Erde entstammten Leib begnügt, vielmehr hat er als Gott das Wort für Seele und Leib zugleich weise Vorsorge getroffen.

B. Ich stimme zu, denn du denkst richtig.

A. Wenn nun also die Gegner behaupten, die heilige Jungfrau dürfe durchaus nicht Gottesgebärerin, müsse vielmehr Christusgebärerin genannt werden, so lästern sie offenbar und leugnen, daß Christus in Wahrheit Gott und Sohn ist. Denn wenn sie glaubten, daß der Eingeborene in Wahrheit Gott war, als er einer wie wir wurde, warum sträuben sie sich, diejenige Gottesgebärerin zu nennen, die ihn geboren hat, ich meine natürlich dem Fleische nach? B. Ja, sagen sie, der Name Christus paßt doch nur auf den aus dem Weibe und aus dem Samen Davids Geborenen für sich allein, weil er gesalbt worden ist mit dem Heiligen Geiste. Das gottentstammte Wort hingegen, soweit es auf seine Natur ankommt, bedarf in keiner Weise einer solchen Gnadengabe, da es der Natur nach heilig ist. Oder soll etwa der Name Christus nicht den Empfang einer Salbung aussagen?

A. Richtig hast du gesagt, daß „Christus" s. v. a. Gesalbter ist, ähnlich wie zum Beispiel „Apostel" s. v. a. Abgesandter und „Engel" s. v. a. Bote. Solche Namen bezeichnen gewisse Eigenschaften und Tätigkeiten, aber keine besondern Wesenheiten und auch keine bestimmten Persönlichkeiten. „Gesalbte" sind ja auch die Propheten genannt worden, wie es in den Psalmengesängen heißt: „Vergreift euch nicht an meinen Gesalbten und tut nichts Böses an meinen Propheten!"2Und auch der Prophet Habakuk sagt: „Du bist ausgezogen zur Rettung deines Volkes, zu retten deine Gesalbten."3Indessen hättest du nicht unterlassen sollen zu sagen, daß sie auch behaupten, Christus sei nämlich nicht Einer und der Sohn, der Herr, der Mensch geworden, und das eingeborene Wort Gottes, das Fleisch geworden.

B. Sicher behaupten sie das. Jedoch sind sie der Ansicht, daß der Name Christus dem aus Gott dem Vater entsprungenen Worte schlechterdings nicht zukommen könne, weil es als Gott seiner Natur nach nicht gesalbt worden sei. Sie fügen noch bei, daß dieser Name nicht zu den Namen zähle, die für den Vater sowohl wie für den Heiligen Geist von uns gebraucht zu werden pflegen.

A. Deine Worte sind nicht ganz klar. Sprich also deutlicher! Du wirst es gewiß in der rechten Weise tun.

B. Hör' also! In den gotteingegebenen Schriften begegnet man einer reichen und bunten Fülle von Benennungen des Sohnes. Er wird nicht bloß Gott und Herr genannt, sondern auch Licht und Leben, auch König und Herr der Mächte, Heiliger und Allmächtiger. Man würde sich aber durchaus keines Fehlgriffes schuldig machen, wenn man diese Namen auch auf den Vater oder auf den Heiligen Geist anwenden wollte, denn mit der Einheit der Natur ist auch die völlige Einheit der Hoheit und Würde gegeben. Wenn nun, erklären sie, der Name Christus in Wahrheit dem Eingeborenen zukäme, so müßte er ganz ebenso wie die andern Namen auch auf den Vater und den Heiligen Geist übertragen werden können. Ist es aber durchaus unzulässig, ihn dem Vater und dem Heiligen Geiste beizulegen, so kann er entsprechenderweise auch dem Eingeborenen nicht zukommen. Dieser Name ist vielmehr wahrheitsgemäß dem aus dem Samen Davids Geborenen zugeeignet worden, von dem sehr glaubhaft angenommen und gesagt werden kann, daß er mit dem Heiligen Geiste gesalbt ward.

A. Auch wir behaupten, daß die Namen göttlicher Würden dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste gemeinsam sind; und wir sind gewohnt, den Erzeuger und den aus ihm gezeugten Sohn und dazu den Heiligen Geist mit gleichen Ehren zu bekränzen. Aber, meine besten Freunde, der Name Christus und das, was er aussagt, das heißt die Salbung, ist, behaupte ich, dem Eingeborenen in Verbindung mit den Merkmalen der Entäußerung zu eigen geworden und gibt dem Hörer deutliche Kunde von der Menschwerdung, insofern er klar bezeugt, daß der Eingeborene bei seinem Erscheinen als Mensch gesalbt worden ist. Be- trachten wir also das Wort, nicht wie es in Verfolg der Menschwerdung wurde, sondern wie es außerhalb des Standes der Entäußerung das eingeborene Wort Gottes war, so würde es ganz abgeschmackt sein, dieses Wort Christus zu nennen, weil es nicht gesalbt war. Nachdem es jedoch, wie die göttliche und hochheilige Schrift berichtet, Fleisch geworden, so geziemte sich bei seiner Fleischwerdung nunmehr auch die Salbung. Schreibt doch der allweise Paulus: „Denn der, welcher heiligt, und die, welche geheiligt werden, aus Einem sind sie alle, weshalb er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen, indem er sagt: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden."4Er wurde nämlich mit uns geheiligt, weil er einer wie wir geworden war. Daß es aber wirklich der Sohn war, welcher gesalbt wurde, da er Fleisch oder vollkommener Mensch geworden, das bezeugt der göttliche David, indem er zu ihm spricht: „Dein Thron, o Gott, steht in alle Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist der Szepter deiner Herrschaft; du hast das Recht geliebt und das Unrecht gehaßt. Deshalb hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit dem Öle der Freude vor deinen Genossen."5Nun beachte, wie er ihn Gott nennt und ihm einen Thron in Ewigkeit zuweist und dann sagt, daß er von Gott, offenbar vom Vater, gesalbt worden ist, und zwar mit einer vorzüglicheren Salbung als seine Genossen, das heißt wir. Denn wenn er, der ja Gott das Wort war, Mensch geworden ist, so war er doch auch so im Besitze der Güter seiner eigenen Natur, schlechthin vollkommen und „voll der Gnade und der Wahrheit" nach dem Worte des Johannes.6Er hat alle göttlichen Güter in Überfluß, und „von seiner Fülle haben wir alle empfangen", wie geschrieben steht.7Da er nun mit dem Stande seiner Menschheit auch die Eigenheiten der Menschheit annimmt, so wird er Christus genannt, obwohl er der Natur der Gottheit nach, oder insofern er als Gott gedacht wird, nicht gesalbt ward. Sag', bitte, wie sollte der Eingeborene anders Christus, Sohn und Herr sein, wenn er die Salbung verschmäht und sich nicht in den Zustand der Entäußerung hineinbegeben hätte?

B. Sie schlagen einen ganz anderen Weg ein als wir, um das „Geheimnis der Gottesfurcht"8zu erklären, aber in unverständiger Weise. Sie behaupten nämlich, Gott das Wort habe einen vollkommenen Menschen angenommen, der nach Aussage der Schriften aus dem Samen Abrahams und Davids war, einen Menschen, der der Natur nach eben das war, was diejenigen waren, aus deren Samen er stammte, also einen der Natur nach vollkommenen Menschen, aus einer vernünftigen Seele und einem menschlichen Fleische bestehend. Diesen der Natur nach uns gleichen Menschen, durch die Macht des Heiligen Geistes im Schöße der Jungfrau gebildet, „geworden aus dem Weibe, geworden unter dem Gesetze, damit er uns alle aus der Knechtschaft des Gesetzes loskaufte und wir die von alters her vorausbestimmte Annahme an Kindes Statt erlangten",9diesen Menschen habe Gott das Wort auf ganz neue Art mit sich verbunden, und dem Gesetze der Menschen entsprechend habe er ihn auch den Tod erdulden lassen, dann aber von den Toten auferweckt und in den Himmel erhoben und zur Rechten Gottes gesetzt. Er sei daher erhaben „über alle Hoheit und Gewalt und Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der genannt wird, nicht bloß in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen",10und er werde angebetet von der gesamten Schöpfung. Er sei eben unzertrennlich verbunden mit der göttlichen Natur, und mit Rücksicht und im Hinblick auf Gott bezeige die Schöpfung ihm Anbetung. Nicht zwei Söhne behaupten wir und nicht zwei Herren. Ist Gott das Wort, der eingeborene Sohn des Vaters, der Wesenheit nach Sohn, so nimmt der mit ihm verbundene und vereinte Mensch an dem Namen und der Ehre des Sohnes teil; und ist Gott das Wort der Wesenheit nach Herr, so nimmt der mit ihm verbundene Mensch an der Ehre teil. Und deshalb behaupten wir nicht zwei Söhne und nicht zwei Herren. Denn da der unseres Heiles wegen angenommene Mensch mit dem, der anerkanntermaßen der Wesenheit nach Herr und Sohn ist, unzertrennlich verbunden bleibt, so wird er unter dem Namen und der Ehre des Sohnes und des Herrn miteinbegriffen.

A. O des Unverstandes und des verrückten Sinnes derer, die, ich weiß nicht wie, auf derartige Meinungen verfallen sind! Das ist doch reiner Unglaube und nichts anderes, eine Neuheit gottloser Erfindungen und eine völlige Umkehr der göttlichen und heiligen Predigt. Diese letztere verkündet laut einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, nämlich das Gott dem Vater entstammte Wort, welches Mensch geworden und Fleisch geworden, so daß er in derselben Person Gott und Mensch zugleich ist, und alles Göttliche und ebenso alles Menschliche Einem eignet. Er, der immer war und existierte, insofern er Gott ist, hat sich der Geburt aus dem Weibe dem Fleische nach unterzogen, und es ist also Einer und derselbe, der immer war und existierte und der in den letzten Zeiten dem Fleische nach geboren wurde. Seiner Natur nach als Gott heilig, wurde er mit uns geheiligt, weil er als Mensch erschienen war, dem es ja zukommt, geheiligt zu werden; in Herrscherwürden thronend, aber zugleich die Knechtsgestalt tragend, nannte er seinen Vater Gott; als Gott auch Leben und Lebensspender, wird er, weil er als Mensch erschienen war, vom Vater, wie es heißt, lebendig gemacht. Alles also geht ihn an, und er verschmäht die Menschwerdung nicht, die auch der Vater gutgeheißen hat, wenn es anders wahr ist, was Paulus lehrt. Er schreibt das eine Mal: „Den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gottesgerechtigkeit würden",11und ein anderes Mal wieder: „Der da des eigenen Sohnes nicht geschont sondern für uns alle ihn dahingegeben hat, um mit ihm auch alles [andere] uns zu schenken.“12— Glaubst du nun nicht, daß diese unsere Darstellung den heiligen Schriften genau entspricht?

B. Wie sollte das nicht der Fall sein?

A. Wenn nun aber, wie die Gegner behaupten und zu denken gewohnt sind, das eingeborene Wort Gottes einen Menschen aus dem Samen des göttlichen David und Abraham angenommen haben soll, einen Menschen, den er sich in der heiligen Jungfrau bildete und mit sich selbst verband, den er auch den Tod kosten ließ, dann aber von den Toten auferweckte und in den Himmel erhob und zur Rechten Gottes setzte, so scheint alles das, was von den heiligen Vätern und auch von uns selbst und von der gesamten gotteingegebenen Schrift über die Menschwerdung gesagt worden ist, vergeblich gesagt zu sein. Ebendies, sollte ich meinen, und nichts anderes, spricht der allweise Johannes in dem Satze aus: „Das Wort ist Fleisch geworden."13Bei den Gegnern aber ist das Geheimnis der Menschwerdung ins gerade Gegenteil verkehrt. Man sieht und hört nichts davon, daß das Wort, von Natur Gott und aus Gott hervorgegangen, sich in den Stand der Entäußerung herabgelassen, Knechtsgestalt angenommen und sich erniedrigt hat. Im Gegenteil, ein Mensch ist zur Herrlichkeit der Gottheit und zur Oberherrschaft über alle Dinge erhoben, ist auch der Gottesgestalt teilhaftig, ja zum Mitinhaber des Thrones des Vaters erhöht worden. Oder ist es nicht wahr, was ich sage?

B. Ganz gewiß.

1: Hebr. 2, 17.
2: Ps. 104, 15.
3: Hab. 3, 13.
4: Hebr. 2, 11 f.
5: Ps. 44, 7 f.
6: Joh. 1, 14.
7: Ebd. 1, 16.
8: 1 Tim. 3, 16.
9: Gal. 4, 4 f.
10: Eph. 1, 21.
11: 2 Kor. 5, 21.
12: Röm. 8, 32.
13: Joh. 1, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger