Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

7.

A. Betrachte indessen auch von anderer Seite her, wie gottlos und unsinnig es ist, die Geburt Gottes des Wortes aus dem Weibe dem Fleische nach leugnen zu wollen! In welcher Weise sollte sein Leib Leben spenden, wenn er nicht der Leib dessen wäre, der da Leben ist? Wie soll das Blut Jesu uns von aller Sünde reinigen, wenn es nur das Blut eines gewöhnlichen und mit Sünde behafteten Menschen wäre? Wie hätte Gott und der Vater „seinen Sohn gesandt, geworden aus dem Weibe, geworden unter dem Gesetze“?1Wie hätte er „die Sünde am Fleische verdammt"?2Es war nicht Sache eines gewöhnlichen und so wie wir von Natur aus unter der Herrschaft der Sünde stehenden Menschen, „die Sünde zu verdammen". Weil es aber der Leib dessen gewesen ist, der kein Bösestun kannte, deshalb hat er, und zwar mit Fug und Recht, die Herrschaft der Sünde abgeschüttelt, und in vollem Anteil an der Eigenart des in unaussprechlicher und einzigartiger Weise ihm geeinten Wortes ist er heilig und lebenspendend und mit göttlicher Wirksamkeit ausgerüstet. In Christus aber als dem Erstling sind auch wir umgewandelt worden, um über Vergänglichkeit wie über Sünde erhaben zu sein; und es ist wahr, was der selige Paulus sagt: „Wie wir das Abbild des Staubgeborenen getragen haben, so werden wir auch das Abbild des Himmlischen tragen",3das heißt Christi. Himmlischer Mensch aber wird Christus genannt, nicht weil er von oben und vom Himmel her das Fleisch zu uns herabgebracht hätte, sondern weil er, da er Gott das Wort war, von den Himmeln herabgestiegen und, während er sich zur Ähnlichkeit mit uns herabließ, das heißt dem Fleische nach der Geburt aus dem Weibe sich unterzog, doch das, was er war, geblieben ist, also von oben und von den Himmeln her und über allen erhabener Gott, auch im Fleische. So sagt der göttliche Johannes irgendwo von ihm: „Wer von oben kommt, ist über allen."4Denn er ist der Herr des Weltalls geblieben, auch nachdem er in der Menschwerdung die Knechtsgestalt angelegt hat, und deswegen ist das Geheimnis Christi in Wahrheit wunderbar. Hat ja auch Gott und der Vater durch einen der Propheten irgendwo zu den Juden gesprochen: „Seht, ihr Verächter, und werdet starr und staunt! Denn ein Werk wirke ich in euren Tagen, ein Werk, welches ihr nicht glauben werdet, wenn jemand euch davon erzählt."5Denn das Geheimnis Christi mochte Gefahr laufen, nicht geglaubt zu werden wegen der Überfülle des Wunderbaren. Gott war Mensch und einer wie wir geworden, er, der über aller Schöpfung ist; der Unsichtbare war im Fleische sichtbar; der vom Himmel und von oben her in der Hülle der Staubgeborenen; faßbar der Unfaßbare; der seiner Natur nach Freie in Knechtsgestalt; der die Schöpfung Segnende verflucht und die Gerechtigkeit selbst unter den Missetätern und das Leben anscheinend dem Tode überantwortet. Denn der Leib, der den Tod gekostet hat, war nicht irgendeines andern, sondern vielmehr dessen Leib, der der Natur nach Sohn war. Hast du nun irgendwelchen Einspruch gegen diese unsere Darstellung zu erheben?

B. Durchaus nicht.

A. Überdies jedoch bitte ich auch folgendes zu beachten!

B. Was meinst du denn?

A. Denen, die die Auferstehung der Toten bestritten, hat Christus einmal gesagt: „Habt ihr nicht gelesen, daß der, der im Anfang den Menschen erschuf, als Mann und Weib sie erschaffen hat?“6Und der göttliche Paulus schreibt: „In Ehren gehalten sei die Ehe in allen Stücken und das Ehebett unbefleckt."7Warum hat dann aber das eingeborene Wort Gottes, da es uns ähnlich werden wollte, zur Herstellung oder zur Geburt seines Fleisches nicht die Gesetze der Menschennatur zur Geltung kommen lassen? Denn nicht aus Ehebett oder Ehe beschloß er sein Fleisch zu nehmen, sondern aus einer reinen und ehelosen Jungfrau, welche vom Geiste her befruchtet und von der Kraft Gottes überschattet ward, wie geschrieben steht.8Da nun Gott die Ehe nicht für unehrbar erklärte, vielmehr mit seinem Segen ehrte, weshalb hat Gott das Wort eine vom Geiste her befruchtete Jungfrau zur Mutter seines Fleisches gemacht?

B. Das weiß ich nicht zu sagen.

A. Und doch wird der Grund dafür allen klar werden, wenn sie folgendes erwägen. Wie gesagt, ist der Sohn gekommen oder Mensch geworden, um in sich selbst unsere Natur zu erneuern, und zwar zuvörderst zu einer heiligen und höchst bewundernswerten und wahrhaft unerhörten Geburt und Lebensführung. Er selbst ist zuerst aus dem Heiligen Geiste geboren worden, ich meine natürlich dem Fleische nach, damit auf diesem Wege die Gnade auch auf uns übergeleitet und wir nun „nicht aus dem Geblüte und nicht aus Fleischeswillen und nicht aus Manneswillen, sondern aus Gott durch den Geist innerlich wiedergeboren"9und dem natürlichen und wahren Sohne geistlich gleichgestaltet würden. Auch wir sollten Gott unsern Vater nennen und so unvergänglich bleiben, weil wir nicht den Ersten, ich meine Adam, zum Vater haben, in dem wir ja zugrunde gingen. Daher hat Christus das eine Mal gesagt: „Nennt auch niemanden auf Erden Vater, denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist";10das andere Mal, weil er gerade dazu zu uns herabgestiegen ist, um uns zu seiner eigenen und göttlichen Würde zu erheben: „Ich gehe zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott."11Der in den Himmeln war sein natürlicher Vater und unser Gott. Da jedoch der natürliche und wahre Sohn einer wie wir geworden ist, so nennt er ihn seinen Gott, indem er seiner Entäußerung Rechnung trägt. Seinen Vater aber hat er auch uns zum Vater gegeben, denn es steht geschrieben: „Allen aber, die ihn aufgenommen haben, gab er die Gewalt, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben."12Wollten wir aber törichterweise leugnen, daß das Gott dem Vater entstammte Wort, welches nach des Paulus Ausspruch „in allem den Vorrang hat",13so wie wir geboren worden ist, nach wessen Bild sollen wir dann zu Geistes- und Gottesgeborenen umgestaltet werden? Wer soll unser Erstling sein? Wer uns überhaupt jene Würde vermitteln?

B. Auch sie, denke ich, werden erwidern: Das menschgewordene Wort.

A. Wie jedoch kann das wahr sein, wenn das Wort nicht Fleisch, das heißt Mensch, geworden ist und den menschlichen Leib sich zu eigen gemacht hat, in unzerreißbarer Einigung, so daß er sein Leib ist und nicht der Leib irgendeines andern? Denn auf diese Weise vermittelt er uns die Gnade der Sohnschaft, und werden auch wir Geistesgeborene, weil in ihm und in ihm zuerst die Menschennatur diese Würde erlangt hat. So, scheint mir, hat auch der göttliche Paulus es gemeint, wenn er irgendwo, und zwar sehr treffend sagte: „Wie wir nämlich das Abbild des Staubgeborenen getragen haben, so werden wir auch das Abbild des Himmlischen tragen."14Den ersten Menschen von der Erde her nannte er den Staubgeborenen, den zweiten vom Himmel her den Himmlischen. „Wie aber der Staubgeborene, so auch die Staubgeborenen, und wie der Himmlische, so auch die Himmlischen.“15Staubgeborene nämlich sind wir, insofern wir von dem staubgeborenen Adam her dem Fluche der Vergänglichkeit unterliegen, durch welchen auch das in den Gliedern des Fleisches wohnende Gesetz der Sünde eingedrungen ist. Himmlische sind wir geworden, insofern wir in Christus das Geschenk erlangt haben. Da er nämlich von Natur Gott und aus Gott und von oben her war, ist er zu uns herniedergestiegen und in neuer und ganz ungewohnter Weise dem Fleische nach Geistesgeborener geworden, damit nach seinem Vorbilde auch wir heilig und unvergänglich blieben, indem von ihm wie von einem zweiten Anfang und Wurzelstock aus die Gnade auf uns übergeht.

B. Trefflich hast du gesprochen.

1: Gal. 4, 4.
2: Röm. 8, 3.
3: 1 Kor. 15, 49.
4: Joh. 3, 31.
5: Hab. 1, 5; Apg. 13, 41.
6: Matth. 19, 4.
7: Hebr. 13, 4.
8: Luk. 1, 35.
9: Joh. 1, 13.
10: Matth. 23, 9.
11: Joh. 20, 17.
12: Ebd. 1, 12.
13: Kol. 1. 18.
14: 1 Kor. 15, 49.
15: 1 Kor. 15, 48.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Allgemeine Einleitung
Bilder Vorlage

Navigation
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 14.
. . 14.
. . 15.
. . 16.
. . 17.
. . 18.
. . 19.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger