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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

4.

A. Ist also von Gott die Rede und es wird von ihm irgendwo gesagt, er sei „geworden", so ist es im höchsten Grade töricht und gottlos, an eine Wandlung zu denken und nicht vielmehr irgendeine andere Erklärung zu versuchen und wohl acht zu haben, daß sie dem unwandelbaren Gott angemessen sei und gerecht werde. Wie wir nun bei dem Satze, daß das Wort zu Fleisch geworden, die Unwandelbarkeit und Unveränderlichkeit, die dem Worte wesentlich und naturhaft eigen ist, stets zu wahren haben, das lehrt deutlich der allweise Paulus, der Verwalter der Geheimnisse des Wortes,1der Verkünder der evangelischen Predigt. Er schreibt: „Ein jeder von euch denke so bei sich, wie auch Christus Jesus gedacht hat, der, da er in Gottesgestalt war, es nicht für Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestode."2— Da also das eingeborene Wort Gottes Gott war und der Natur nach aus Gott stammte, „der Abglanz der Herrlichkeit und das Ebenbild des Wesens" des Erzeugers,3so ist es Mensch geworden, aber nicht in Fleisch verwandelt worden, hat auch keine Änderung, keine Vermischung oder dergleichen erlitten, sondern sich in den Stand der Entäußerung hinabbegeben, „statt der vor ihm liegenden Freude Schmach erwählt"4und die Armseligkeit der Menschennatur nicht verschmäht. Er wollte als Gott das in Tod und Sünde verstrickte Fleisch über Tod und Sünde hinausheben und in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen; und zu diesem Ende machte er das Fleisch sich selbst zu eigen, und zwar nicht, wie einige wollen, unbeseeltes, sondern mit einer vernünftigen Seele beseeltes Fleisch, Er würdigte sich auch, den dem Ziele entsprechenden Weg zu beschreiten, und hat nach den Schriften so wie wir geboren werden wollen, ist aber dabei geblieben, was er war. Wunderbarerweise ist er nämlich dem Fleische nach aus dem Weibe geboren worden, weil nur die Menschwerdung es ermöglichte, daß er, der der Natur nach Gott war, unberührbar und unkörperlich, in unserer Hülle den Erdenbewohnern erschien und in sich und in sich allein unsere Natur mit den Ehren der Gottheit schmückte. Denn er war in einer und derselben Person Gott und Mensch zugleich, einem Menschen ähnlich, weil außerdem auch Gott, im Äußern aber wie ein Mensch, Gott in Menschenhülle und Herrscher in Knechtsgestalt. In dieser Weise, behaupten wir, ist er Mensch geworden; und damit bekräftigen wir auch schon, daß die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist,

B. Wünschest du, daß wir deinen Ausführungen die widersprechenden Behauptungen der andern entgegenhalten, um eine gründlichere Untersuchung vorzunehmen, oder sollen wir ohne weiteres deiner Darlegung beitreten und unsere Zustimmung erklären?

A. Zwar glaube ich, daß unsere weise und verständige Darlegung in keinem Punkt einem Tadel unterliegt und gegen die gotteingegebenen Schriften verstößt. Aber sag auch du deine Meinung, Die Gegenüberstellung wird doch von Nutzen sein.

B. Der göttliche Paulus, sagen sie, schreibt über den Sohn, wie wenn er Fluch und Sünde geworden wäre. Er sagt: „Den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht",5und wiederum: „Christus hat uns erkauft aus dem Fluche des Gesetzes, indem er für uns zum Fluche geworden."6Er ist aber nicht in Wirklichkeit Fluch und Sünde geworden, vielmehr verbindet die Heilige Schrift mit diesen Worten irgendeinen andern Sinn, So, sagen sie, müssen wir den Satz auffassen: „Und das Wort ist Fleisch geworden."7

A. Ob die Aussage, er sei Fluch und Sünde geworden, auf eine und dieselbe Linie zu stellen sei mit dem Satze, daß er Fleisch geworden, läßt sich erst entscheiden, wenn zuvor die Lehre von der Fleischwerdung klargestellt ist.

B. Wie meinst du das?

A. Wenn nämlich von ihm gesagt wird, er, der keine Sünde kannte, sei für uns zur Sünde geworden, und er habe die unter dem Gesetze Stehenden aus dem Fluche des Gesetzes losgekauft, indem er für sie zum Fluche geworden, so zweifelt niemand, daß dies jedenfalls zu einer Zeit geschah, da der Eingeborene schon mit Fleisch bekleidet und Mensch geworden war. Mit der Lehre von der Fleischwerdung hängt daher aufs engste alles das zusammen, was ihm infolge der Fleischwerdung widerfahren ist, nachdem er freiwillig die Entäußerung auf sich genommen hatte, wie zum Beispiel das Hungern und das Ermüden. Denn wie hätte der ermüden können, der über alle Macht verfügte; und wie hätte der hungern sollen, der selbst die Nahrung und das Leben des Weltalls ist, hätte er sich nicht zuvor einen Leib zu eigen gemacht, dem es natürlich war, zu hungern und zu ermüden? So wäre er auch nicht „den Missetätern zugezählt worden"8— denn das ist der Sinn der Aussage, er sei Sünde geworden —, wäre auch nicht zum Fluche geworden, indem er um unsertwillen das Kreuz erduldete, wenn er nicht Fleisch geworden, das heißt Fleisch und Menschennatur angenommen und menschlicher Geburt sich unterzogen hätte, nämlich durch die heilige Jungfrau.

1: Vgl. 1 Kor. 4, 1.
2: Phil. 2, 5—8.
3: Hebr. 1, 3.
4: Hebr. 12, 2.
5: 2 Kor, 5, 21.
6: Gal. 3, 13.
7: Joh. 1, 14.
8: Is. 53, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger