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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

21.

A. Denn wenn das Fleisch, das ihm in unaussprechlicher und ganz unbegreiflicher Weise geeint wurde, nicht unmittelbar das eigene Fleisch des Wortes geworden wäre, wie könnte es lebenspendend sein? Er sagt ja: „Ich bin das lebendige Brot, der ich vom Himmel herabgestiegen bin und der Welt das Leben gebe. Wenn jemand von diesem Brote ißt, wird er leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt."1Ist aber das Fleisch das Fleisch eines andern, von ihm verschiedenen Sohnes, der in enger Verbundenheit ihm zugeeignet und aus Gnade zu gleichen Ehren mit ihm berufen wäre, wie kann er es sein Fleisch nennen, da er doch nicht lügt? Und wie kann das Fleisch eines andern der Welt das Leben geben, wenn es nicht vielmehr das eigene Fleisch des Lebens ist, nämlich des aus dem Vater stammenden Wortes, von welchem der göttliche Johannes sagt: „Und wir wissen, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns den Sinn gegeben hat, ihn zu erkennen, und wir sind in seinem wahren Sohne Jesus Christus. Er ist wahrer Gott und ewiges Leben."2

B. Darauf werden sie, glaube ich, erwidern, es sei ganz deutlich von ihm gesagt worden: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes eßt und sein Blut trinkt, so habt ihr das Leben nicht in euch.“3Wir also, sagen sie, sind der Ansicht, das kostbare Fleisch und Blut sei nicht dasjenige Gottes des Wortes, sondern dasjenige des ihm verbundenen Menschensohnes.

A. Was machen sie denn doch mit dem großen „Geheimnisse der Gottesfurcht"?4Sie wird ja offenbar ganz ausgeschaltet, jene Entäußerung Gottes des Wortes, der in Gottesgestalt und dem Vater gleich war, um unsertwillen aber Knechtsgestalt annehmen und uns ähnlich werden wollte,5an Blut und Fleisch teilnahm6und die Veranstaltung der Menschwerdung dem ganzen Erdkreise zugute kommen ließ. Denn durch diese Veranstaltung ist der Erdkreis erlöst worden, indem der Vater in dem Sohne alles wiederherstellte, was im Himmel und was auf Erden ist, wie geschrieben steht.7Wenn sie also sagen, es sei nicht der Eingeborene selbst, der da als Gott und Mensch zugleich spricht: „Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt", sondern ein anderer, von ihm verschiedener, für sich bestehender Menschensohn habe uns erlöst, so ist nicht er selbst der Herr, wie die Schriften besagen, sondern einer aus uns; und Leben empfängt das Vergängliche nicht durch Gott, der die Macht hat, Leben zu geben, sondern von jemandem, der der Vergänglichkeit untersteht, aber aus Gnade, so wie wir, das Leben erhalten hat. Ist es aber wahr, daß das Wort Fleisch geworden, nach den Schriften,8und auf Erden erschienen und mit den Menschen gewandelt ist,9indem es die Knechtsgestalt als seine eigene Gestalt trug, so kann es auch Menschensohn genannt werden; und wenn einige sich darüber aufregen wollen, so setzen sie sich dem Vorwurf schwerer Unwissenheit aus. Denn das seiner Natur nach zur Vergänglichkeit verurteilte Fleisch konnte nur dadurch lebenspendend werden, daß es das Fleisch des allbelebenden Wortes wurde. Dadurch ward es in den Stand gesetzt, zu wirken, was des Wortes ist, insofern es mit dessen lebenspendender Kraft ausgestattet wurde. Und das ist fürwahr nicht zu verwundern. Denn wenn es wahr ist, daß das Feuer einen Stoff, der ihm nahegebracht wird, auch wenn er seiner Natur nach nicht warm ist, warm macht, weil es ihm in reicher Fülle die Wirksamkeit der ihm selbst innewohnenden Kraft mitteilt, wie sollte nicht noch viel mehr Gott das Wort seinem eigenen Fleische seine lebenspendende Kraft und Wirksamkeit mitteilen, dem Fleische, welches ihm geeint und von ihm selbst als das seinige anerkannt ist, ohne Vermischung, ohne Verwandlung, in einer nur ihm bekannten Weise?

B. Demnach müssen wir also zugestehen, daß der Leib ohne Vermittlung eines andern ganz und gar der eigene Leib des aus dem Vater stammenden Wortes geworden ist, und zwar der mit einer vernünftigen Seele beseelte Leib.

A. Ganz gewiß, wenn wir anders die irrtumslose Lehre des rechten Glaubens festhalten und Liebhaber der Sätze der Wahrheit bleiben und den geraden Weg der heiligen Väter nicht verlassen und von dem königlichen Pfade nicht abweichen wollen, um uns durch das eitle Geschwätz einiger Menschen auf falsche Bahnen verleiten zu lassen. Wir bauen vielmehr auf das Fundament selbst, das heißt auf Christus, „denn ein anderes Fundament kann niemand legen als das, was schon gelegt ist",10nach dem Worte des wahrhaft „weisen Baumeisters"11und Verwalters seiner Geheimnisse.12Wir glauben demnach, daß ein Sohn Gottes und des Vaters ist und daß er in einer und derselben Person unser Herr Jesus Christus ist, geboren aus Gott und dem Vater der Gottheit nach als Wort vor aller Ewigkeit und Zeit, in den letzten Zeiten der Welt aber auch dem Fleische nach geboren aus dem Weibe. Ihm schreiben wir das Göttliche und das Menschliche zu, ihm die Geburt dem Fleische nach und das Leiden am Kreuze, weil er alles, was seinem Fleische zukommt, sich selbst zu eigen macht, aber in der Natur der Gottheit leidenslos bleibt. So beugt sich ihm jedes Knie, und jede Zunge bekennt, daß der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit des Vaters ist.13Amen.

1: Joh. 6, 51 f.
2: 1 Joh. 5, 20.
3: Joh. 6, 54.
4: 1 Tim. 3, 16.
5: Phil. 2, 6 f.
6: Hebr. 2, 14.
7: Eph. 1, 10.
8: Joh. 1, 14.
9: Baruch 3, 38.
10: 1 Kor. 3, 11.
11: Ebd. 3, 10.
12: Vgl. 1 Kor. 4, 1.
13: Vgl. Phil. 2, 10 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger