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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

20.

A. Beachte mir aber überdies auch folgendes!

B. Was meinst du denn?

A. Christus hat irgendwo zu den heiligen Aposteln gesagt: „Geht hin und lehret alle Völker und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes."1Wir sind demnach getauft worden auf die heilige und wesenseine Dreifaltigkeit, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist. Oder ist es nicht wahr, was ich sage?

B. Wer wollte es leugnen?

A. Verstehen wir nicht unter dem Vater den Erzeuger und unter dem Sohn den aus ihm der Natur nach gezeugten eingeborenen Gott das Wort?

B. Ganz gewiß.

A. Wie sind wir nun auf seinen Tod getauft worden gemäß dem Worte des seligen Paulus: „Wir alle, die wir auf Christus getauft worden, sind auf seinen Tod getauft worden?"2Es ist aber „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe",3und sie werden doch wohl nicht behaupten wollen, daß wir auf einen andern der Person nach verschiedenen Sohn, den aus dem Samen Davids, getauft seien. Da er nun als Gott von Natur aus über alles Leiden erhaben ist, aber beschloß zu leiden, um die unter der Vergänglichkeit Seufzenden zu erlösen, so ist er den Erdenbewohnern in allem ähnlich geworden und hat sich dem Fleische nach der Geburt aus dem Weibe unterzogen und sich einen Leib zu eigen gemacht, der den Tod kosten und wieder aufleben konnte, so daß er, während er selbst leidenslos blieb, in seinem Fleische gelitten hat. Denn erlöst hat uns der, der zugrunde gegangen ist. Er sagte ja auch mit Nachdruck: „Ich bin der gute Hirt; der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe",4und wiederum: „Niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich gebe es von mir selbst aus; ich habe Gewalt, mein Leben zu geben und habe Gewalt, es wieder zu nehmen."5Einem der Unsrigen oder einem gewöhnlichen Menschen kam es nicht zu, sein Leben zu geben und wieder zu nehmen; gegeben und wieder genommen hat es vielmehr der eingeborene und wahre Sohn, zu dem Zwecke, uns den Stricken des Todes zu entreißen, Ebendies ist, wie aus den Büchern des Moses zu ersehen, durch die Schatten der Vorzeit ganz deutlich versinnbildet worden. Denn die Schlachtung des Lammes hat die Israeliten vom Tod und Verderben errettet und den Würgengel versöhnt. Das war ein Vorbild Christi. Denn „als unser Paschalamm ist Christus für uns geschlachtet worden",6auf daß er die traurige Herrschaft des Todes zerstöre und mit seinem Blute den gesamten Erdkreis sich erwerbe.7„Um einen hohen Preis sind wir erkauft worden, und wir gehören nicht uns selbst an."8Einer ist für alle gestorben, einer, der an Wert alle überragte, „damit die Lebenden nicht mehr für sich lebten, sondern für den, der für sie gestorben und auferweckt worden".9Dem stimmt auch Paulus zu, wenn er sagt: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetze gestorben, damit ich Gott lebe; mit Christus bin ich gekreuzigt worden; zwar lebe ich, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, welcher mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben hat."10Wir gehören also alle Christus an; und durch ihn sind wir mit dem Vater versöhnt worden, indem er im Fleische für uns litt, um uns zu entsündigen. Denn es steht geschrieben: „Deshalb hat auch Jesus, um durch sein Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten",11und wiederum: „Auch uns, die wir einst entfremdet waren und durch die Gesinnung verfeindet in den bösen Werken, hat er dagegen jetzt versöhnt im Leibe seines Fleisches durch den Tod, um uns heilig und ohne Makel darzustellen vor ihm."12Nun merke wohl, wie von dem eigenen Blute und dem eigenen Fleische gesprochen wird, das für uns dahingegeben worden, damit wir nicht an das Fleisch eines andern, von ihm verschiedenen, für sich bestehenden Sohnes denken sollten, eines Sohnes, der durch bloße Verbundenheit geehrt worden, nur von außen erlangte Herrlichkeit, nicht wesenhafte Hoheit besitzt, nur als Schmuck und gleichsam als umgeworfene Maske den Titel eines Sohnes und gar eines Gottes über alles trägt! Ist er in Wirklichkeit von der Art, wie die Gegner sich ihn vorzustellen pflegen, so hat er durchaus kein Recht, zu erklären: „Ich bin die Wahrheit."13Denn wie kann das etwas Wahres sein, was nicht so ist, wie es heißt, sondern unecht ist und falschen Namens. Christus aber ist die Wahrheit, und als Gott ist er über alles; denn das Wort ist, was es war, geblieben, auch nachdem es Fleisch geworden, weil der, der über allen und der Menschennatur wegen in allen ist, der Erhabenheit über einen jeden und über alle Schranken der Schöpfung nicht verlustig gehen sollte.

B. Es wird aber doch, sagen sie, Gott dem Worte ein großer Schimpf zugefügt, wenn gesagt wird, er habe gelitten, und überdies wird auch unser ehrwürdiges Geheimnis selbst in üble Beleuchtung gerückt.

A. Aber er hat der Schmach nicht geachtet und um unsertwillen im Fleische leiden wollen, wie die Schriften lehren.14Wir betrachten es als eine Krankheit jüdischen Geistes und eine schwere Verschuldung heidnischer Verständnislosigkeit, das Leiden am Kreuze für eine Schmach zu halten. Schreibt doch der göttliche Paulus: „Während einerseits die Juden Zeichen verlangen und anderseits die Heiden Weisheit suchen, predigen wir Christus den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, denen aber, die berufen sind, Juden wie Heiden, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen.“15

B. Wie meinst du das? Ich verstehe es nicht recht.

A. Heißt es denn nicht, daß das Leiden am Kreuze den Juden ein Ärgernis gewesen sei, den Heiden aber eine Torheit? Die einen nämlich sagten, als sie ihn am Holze hängen sahen und die blutbesudelten Köpfe über ihn schüttelten: „Wenn du der Sohn Gottes bist, so steig' herab vom Kreuze, und wir wollen dir glauben.“16Sie waren der Meinung, daß er ihrer Gewalt unterlegen sei und deshalb gelitten habe; fälschlich setzten sie voraus, er sei nicht wahrhaft der Sohn Gottes, indem sie nur auf das Fleisch sahen. Die Heiden aber, in keiner Weise fähig, die Tiefe des Geheimnisses zu erfassen, hielten es für eine Torheit, wenn wir sagten, Christus sei gestorben für das Leben der Welt. Aber eben das, was ihnen töricht erschien, ist weiser als die Menschen. Denn tief und voll der höchsten Weisheit ist die Lehre von Christus, dem Erlöser unser aller; und das, was nach der Meinung der Juden schwach war, ist stärker als die Menschen, Erlöst hat uns das eingeborene Wort Gottes, indem es uns ähnlich ward, um im Fleische zu leiden, und, auferweckt von den Toten, unsere Natur als über Tod und Vergänglichkeit erhaben zu erweisen. Das aber ging hinaus über Menschenkräfte, und daher ist das, was sich in unserer Schwachheit und gerade im Leiden vollziehen sollte, stärker als die Menschen und stellt einen Beweis göttlicher Macht dar.

B. Wie nun, sagen sie, soll er nicht gelitten haben, wenn er gelitten hat.

A. Weil er in seinem Fleische litt, nicht in der Natur der Gottheit, in einer Weise, die freilich ganz unaussprechbar ist und in ihrer Feinheit und Erhabenheit jedem Verstände unerreichbar. Im Anschluß aber an die Lehren des wahren Glaubens und in umsichtiger Prüfung des rechten Weges behaupten wir einerseits, daß er selbst gelitten hat, damit wir nicht etwa gezwungen sind, die vorausgegangene Geburt dem Fleische nach ihm selbst abzusprechen und einem andern zuzuschreiben, während wir uns anderseits wohl hüten, das, was dem Fleische zukommt, seiner göttlichen und allerhöchsten Natur beizulegen, Er litt, wie gesagt, im Fleische, litt aber keineswegs in der Gottheit. Jedes Gleichnis ist unzulänglich und bleibt hinter der Wirklichkeit zurück. Es kommt mir aber doch ein schwaches Bild in den Sinn, welches vom Handgreiflichen aus zu dem Unfaßbaren emporführen kann. Wie nämlich Eisen oder ein anderer Stoff dieser Art, sobald er dem Feuer ausgesetzt wird, das Feuer in sich aufnimmt und sich unter der Flamme windet, und wenn er nun, wie es sich trifft, von jemandem zerschlagen wird, der Stoff zwar Schaden leidet, die Natur des Feuers aber von den Schlägen gar nicht berührt wird: so etwa mußt du es verstehen, wenn wir sagen, daß der Sohn im Fleische litt, in der Gottheit aber nicht litt. Allerdings sind Gleichnisse, wie gesagt, von geringer Beweiskraft, wenngleich sie immerhin diejenigen, welche den heiligen Schriften nicht glauben wollen, der Wahrheit näherführen können.

B. Du redest trefflich.

1: Matth. 28, 19.
2: Röm. 6, 3.
3: Eph. 4, 5.
4: Joh. 10, 11.
5: Ebd. 10, 18.
6: 1 Kor. 5, 7.
7: Vgl. Apg. 20, 28.
8: 1 Kor. 6, 19 f.
9: 2 Kor. 5, 15.
10: Gal. 2, 19 f.
11: Hebr. 13, 12.
12: Kol. 1, 21 f.
13: Joh. 14, 6.
14: Vgl Hebr. 12, 2.
15: 1 Kor. 1, 22—25.
16: Matth. 27, 42.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger