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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

18.

A. Da sie sich jedoch gegen das Wort des Apostels auflehnen, wie wenn es von einem gewöhnlichen Menschen handle, wohl, so wollen wir die ganze Ausführung von Anfang bis zu Ende, soweit es anders zur Klarstellung des Gedankens erforderlich, noch einmal wiederholen. Es steht also geschrieben: „Den für eine kleine Weile unter die Engel Erniedrigten aber, Jesus nämlich, sehen wir wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Denn es geziemte sich für den, um dessentwillen alles und durch den alles ist, da er viele Söhne zur Herrlichkeit führte, den Urheber ihres Heiles durch Leiden zu vollenden. Denn der, der heiligt, und die, die geheiligt werden, aus Einem sind sie alle, weshalb er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen, indem er sagt: ,Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden', und wiederum: ,Sieh, ich und die Kinder, die Gott mir gegeben hat.' Da nun die Kinder an Blut und Fleisch teilhaben, so hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen, damit er durch den Tod den Gewalthaber des Todes, das heißt den Teufel, zunichte mache und diejenigen, die durch die Furcht vor dem Tode ihr ganzes Leben lang in Knechtschaft gehalten wurden, befreie. Denn nicht etwa der Engel nimmt er sich an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an. Daher mußte er in allem den Brüdern ähnlich werden."1— Sieh doch, sieh, wie er ganz deutlich sagt, er sei um des Todesleidens willen unter die Engel erniedrigt, deshalb aber auch mit Ehre und Herrlichkeit bekränzt worden. Augenscheinlich spricht er von dem, der hier überhaupt in Rede steht, nämlich von dem Eingeborenen. Er sagt ja auch, daß er an Blut und Fleisch gleich uns teilgenommen und nicht der Engel, sondern des Samens Abrahams sich angenommen habe. Denn es geziemte sich für Gott und den Vater, um dessentwillen alles und durch den alles ist, seinen Sohn, der in die Entäußerung hinabgestiegen und Mensch geworden war, indem er die Knechtsgestalt annahm, durch Leiden zu vollenden, auf daß er sein eigenes Fleisch als Lösepreis für das Leben aller dargebe. Christus ist ja für uns geschlachtet worden als das fehlerlose Opferlamm, und „durch eine einzige Darbringung hat er für immer die, die geheiligt werden, vollendet",2indem er die Menschennatur in ihren anfänglichen Zustand zurückversetzte. Denn „in ihm ist alles neu".3Daß aber Gott und der Vater seinen eigenen Sohn für uns dahingegeben hat, das bezeugt uns nicht minder deutlich der allweise Paulus, der von ihm schreibt: „Der da des eigenen Sohnes nicht geschont, sondern für uns alle ihn dahingegeben hat, wie sollte er nicht mit ihm auch alles [andere] uns schenken?"4Den eigenen Sohn Gottes nun nennen wir das aus seinem Wesen hervorgegangene Wort; und für uns dahingegeben worden ist er nicht in nacktem und fleischlosem Zustande, sondern nachdem er Fleisch geworden; und das Leiden war nicht schimpflich für ihn, weil er nicht in der Natur der Gottheit, sondern in seinem Fleische gelitten hat. Gott und der Vater hat, wie ich vorhin sagte, „den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir mit ihm Gottesgerechtigkeit würden".5Sollen wir nun sagen, er sei Sünde geworden, und nicht vielmehr, er werde deshalb Sünde genannt, weil er den Sündern ähnlich geworden?

B. Du hast ganz recht.

A. Gleichwie er nun den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht hat, damit wir in ihm Gottesgerechtigkeit würden — denn in ihm ist die Menschennatur gerechtfertigt worden —, so hat er auch den, der keinen Tod kannte — denn das Wort ist Leben und Lebensspender —, im Fleische leiden lassen, während er, insofern er Gott ist, frei von Leiden blieb, damit wir durch ihn und mit ihm zum Leben gelangten. Deshalb ist auch das Leiden Christi „Ähnlichkeit des Todes“ genannt worden, wie geschrieben steht: „Denn wenn wir seine Genossen geworden sind durch die Ähnlichkeit seines Todes, so werden wir es doch auch durch die Ähnlichkeit der Auferstehung sein.“6Denn das Wort lebte, auch als sein heiliges Fleisch dem Tode anheimfiel, auf daß nach Überwindung des Todes und Vernichtung der Vergänglichkeit die Kraft der Auferstehung auf das gesamte Menschengeschlecht überginge. Denn es ist wahr, daß „wie in Adam alle sterben, so auch in Christus alle zum Leben gelangen werden".7Welchen Nutzen aber soll das Geheimnis der Menschwerdung des Eingeborenen im Fleische der Menschennatur gebracht haben, wenn nicht Gott das Wort Fleisch geworden ist?, wenn nicht der, der über aller Schöpfung ist, sich zur Entäußerung herabgelassen und unsern Stand erwählt hat?, wenn nicht der vergängliche Leib ein lebendiger Leib geworden ist, über Tod und Vergänglichkeit erhaben?

B. So behaupten wir demnach, daß das Gott dem Vater entstammte Wort selbst es gewesen ist, welches im Fleische um unsertwillen gelitten hat?

A. Ganz gewiß. Es muß wahr sein, was Paulus von ihm sagt: „Er ist das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung; denn in ihm ist alles geschaffen worden, Sichtbares und Unsichtbares, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten, alles ist durch ihn und für ihn geschaffen worden. Und er ist vor allem, und in ihm hat alles Bestand, und er ist das Haupt des Leibes der Kirche, da er der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe."8— Sieh doch, wie er ganz deutlich sagt, daß das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung, der sichtbaren und der unsichtbaren, durch den und in dem alles ist, der Kirche zum Haupte gegeben und daß er der Erstgeborene aus den Toten ist. Denn er hat, wie ich schon sagte, das, was des Fleisches ist, sich selbst zu eigen gemacht und „hat das Kreuz erduldet, ohne der Schande zu achten".9Nicht ein einfacher Mensch, der durch die Verbindung mit ihm, ich weiß nicht wie, zu Ehren gekommen wäre, ist für uns dahingegeben, sondern der Herr der Herrlichkeit selbst ist gekreuzigt worden. „Denn wenn sie [die Weisheit Gottes] erkannt hätten", heißt es, „so würden sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben."10Er hat aber nach den Schriften um unsertwillen und für uns im Fleische gelitten. „Dem Fleische nach aus den Juden, ist er Gott über alles und gepriesen in alle Ewigkeit. Amen."11So hat der hochheilige Paulus geschrieben, der Herold und Apostel, der Christus selbst in sich trug. Übrigens sollst du mir auch noch sagen, wie sie das Wort Christi an die Samariterin verstehen wollen: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, weil das Heil von den Juden kommt."12Erlöst aber hat uns „nicht ein Gesandter und nicht ein Engel, sondern der Herr selbst",13nicht durch fremden Tod und durch Vermittlung eines gewöhnlichen Menschen, sondern durch das eigene Blut. Deshalb sagte auch sehr mit Recht der allweise Paulus: „Hat jemand das Gesetz des Moses umgestoßen, so stirbt er ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin; um wie härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und dem Blute der Gnade, in dem er geheiligt worden, Schmach angetan hat?"14Ist es jedoch nicht das kostbare Blut des wahren Sohnes, der Mensch geworden, sondern das Blut irgendeines von ihm verschiedenen unechten Sohnes, der durch Gnade zur Sohnschaft gelangt ist, wie sollte er nicht für einen gewöhnlichen Menschen zu erachten sein? Aber wenn es nun auch heißt, er habe im Fleische gelitten, so bleibt ihm doch auch so die Leidenslosigkeit gewahrt, insofern er Gott ist. Daher sagt auch der göttliche Petrus: „Denn Christus ist einmal für unsere Sünden gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, um uns Gott zuzuführen, getötet dem Fleische nach, aber auferweckt durch den Geist."15Warum, könnte vielleicht jemand fragen, hat der Geistesträger nicht einfach und ohne nähere Bestimmung gesagt, er habe gelitten, sondern hinzugefügt „dem Fleische nach"? Er wußte wohl, warum, weil er nämlich von Gott sprach. Deshalb hat er ihm die Leidenslosigkeit vorbehalten, insofern er Gott ist, und hat sehr sachgemäß hinzugefügt „dem Fleische nach", weil das Leiden von dem Fleische galt.

B. Aber, sagen sie, es ist doch unnatürlich und streift sehr nahe an das Widersinnige, wenn man behaupten soll, einer und derselbe habe gelitten und habe nicht gelitten. Entweder hat er überhaupt nicht gelitten, weil er Gott ist, oder, wenn er gelitten haben soll, wie kann er Gott sein? Gelitten haben kann demnach nur der aus dem Samen Davids.

A. Allein ist es nicht ein Beweis, und zwar ganz deutlicher Beweis schwachen Verstandes, solches zu sagen und gar glauben zu wollen? Nicht einen gewöhnlichen Menschen hat Gott und der Vater für uns dahingegeben, einen Menschen, der an Stelle eines Mittlers angenommen und mit der Herrlichkeit der Sohnschaft übertüncht und durch enge Verbundenheit geehrt worden wäre, sondern das um unsertwillen in unserer Gestalt erschienene, über aller Schöpfung erhabene, aus dem Wesen des Vaters selbst hervorgegangene Wort, welches fürwahr einen würdigen Lösepreis für das Leben aller darstellte. Es ist aber, meine ich, im höchsten Grade frevelhaft, dem Eingeborenen, der nach den Schriften Fleisch geworden ist und die Menschwerdung nicht verschmäht hat, gewissermaßen einen Vorwurf daraus zu machen, daß er gegen die eigene Herrlichkeit ankämpfte und im Fleische über Gebühr leiden wollte. Das hat ja doch, geschätzter Freund, zum Heile gedient für die ganze Welt. Da er zu diesem Ende leiden wollte, so hat er, von Natur aus Gott und aller Leidensfähigkeit entrückt, sich mit dem leidensfähigen Fleische umkleidet und dasselbe zu dem seinigen gemacht, damit das Leiden sein Leiden heißen könne, weil sein Leib gelitten hat und nicht der Leib irgendeines andern. Wenn also die Menschwerdung ihm unbestritten die Möglichkeit gibt, dem Fleische nach zu leiden, der Gottheit nach aber nicht zu leiden — denn er war Gott und Mensch zugleich in einer Person —, so ergehen sich die Gegner in müßigem Geschwätz, und indem sie Sinn und Bedeutung des Geheimnisses unverständigerweise verfälschen, glauben sie gar eine bewundernswerte Einigung herstellen zu können. Sie meinen es ihm als Schimpf anrechnen zu sollen, daß er überhaupt im Fleische leiden wollte, während es im Gegenteil eine Ruhmestat war. Denn daß er Macht besaß über Tod und Vergänglichkeit, da er als Gott Leben und Lebensspender ist, das hat die Auferstehung bewiesen. Deshalb sagt der göttliche Paulus: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn eine Gotteskraft ist es zum Heile für jeden, der glaubt."16Und wiederum: „Denn das Wort vom Kreuze ist denen, die verlorengehen, eine Torheit, uns aber, die gerettet werden, eine Gotteskraft, denen aber, die berufen sind, Juden wie Heiden, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit."17Und auch der Sohn selbst hat, da er im Begriffe stand, zu dem heilbringenden Leiden zu schreiten, gesagt: „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht, und Gott wird ihn bei sich verherrlichen, und alsbald wird er ihn verherrlichen."18Denn er ist wieder aufgelebt, nachdem er die Unterwelt geplündert hatte, und zwar nicht erst lange Zeit nachher, sondern allsogleich und sofort nach beendetem Leiden.

B. Indes, der allweise Paulus sagt doch: „Da ihr nach einer Erprobung des in mir redenden Christus verlangt, der nicht schwach, sondern stark ist in uns; denn er ist gekreuzigt worden aus Schwachheit, aber er lebt aus Gotteskraft.“19Wie aber soll man von dem Worte sagen können, es sei schwach geworden, habe aber gelebt aus Gotteskraft?

A. Sagen wir denn nicht immer wieder, daß das Wort Gottes Fleisch geworden ist und die menschliche Natur angenommen hat?

B. Das ist freilich wahr.

1: Hebr. 2, 9—17.
2: Hebr. 10, 14.
3: 2 Kor. 5, 17.
4: Röm. 8, 32.
5: 2 Kor. 5, 21.
6: Röm. 6, 5.
7: 1 Kor. 15, 22.
8: Kol. 1, 15—18.
9: Hebr. 12, 2.
10: 1 Kor. 2, 8.
11: Röm. 9, 5.
12: Joh. 4, 22.
13: Is. 63, 9.
14: Hebr. 10, 28 f.
15: 1 Petr. 3, 18.
16: Röm. 1, 16.
17: 1 Kor. 1, 18. 24.
18: Joh. 13, 31f.
19: 2 Kor. 13, 3 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger