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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

16.

A. Aber das ist doch zu geringfügig, möchte man sagen, und unannehmbar für Christus, insofern er Gott ist, wenn es auch gerade das ist, worin sich seine Entäußerung kundgibt und die Folgen seiner Menschwerdung zutage treten. Von Natur Gott und in Wahrheit Herr, hat er ja Knechtsgestalt angenommen, um in ihr und in unserm Stande geboren zu werden; und obwohl er den Geist der Prophetie verleiht und Apostel erwählt und Hohepriester bestellt, hat er „in allem den Brüdern ähnlich werden"1und so auch Prophet und Apostel und Hoherpriester genannt sein wollen.

B. Wenngleich sie indessen zugeben werden, daß er Prophet ist, so wollen sie ihn doch nicht als einen in der Reihe der Propheten betrachtet wissen, sondern stellen ihn viel höher. Denn die Propheten haben nur eine nach dem Wohlgefallen Gottes bemessene Gnade erlangt und diese nur für eine bestimmte Zeit. Er aber war voll der Gottheit, und zwar gleich von der Geburt an, weil Gott das Wort mit ihm war.

A. Also der Größe der Gnade und der Länge der Zeitspanne nach hat Christus die vor ihm auf getretenen heiligen Propheten überragt, und das ist es, was ihn auszeichnet. Es handelt sich aber augenblicklich darum, festzustellen, ob er überhaupt Prophet ist, und nicht darum, ob mehr oder weniger oder auch in einzigartiger Weise. Denn darin, daß er Prophet ist und insofern nicht über das für Menschen gewöhnliche Maß hinausreicht, bekundet sich seine Niedrigkeit. Daß er es von Anfang an war, darin gleicht er zum Beispiel dem göttlichen Täufer, von dem der selige Engel sagt: „Und des Heiligen Geistes wird er voll sein schon vom Schoße seiner Mutter an."2Wie aber kann dann der eine von ihnen Diener sein und der andere im Glänze des Herrschers strahlen? Sagt doch der selige Johannes von sich selbst: „Wer aus der Erde ist, redet aus der Erde", von dem Emmanuel aber: „Wer von oben kommt, ist über allen."3

B. Vermutlich werden sie jedoch sagen, das aus Gott dem Vater hervorgegangene Wort sei es, welches von oben kommt und auch über allen ist. Sie scheuen sich aber, ihm Menschliches zuzueignen, um ihm nicht etwa zu nahe zu treten und ihn ins Unrühmliche hinabzuziehen. Deshalb behaupten sie, er habe einen Menschen angenommen und mit sich verbunden, weil auf diesen auch alles Menschliche Anwendung finde; das Wort aber solle ganz im Kreise seiner Natur verbleiben, ohne jede Beeinträchtigung.

A. Der angenommene Mensch ist also zugestandenermaßen ein anderer. Wir jedoch folgen nicht dem Geschwätz dieser Menschen und bekennen uns nicht zu denen, die da trennen und Neuerungen im Glauben einführen, weil wir die Heilige Schrift nicht hintanzusetzen und die Überlieferung der heiligen Apostel und Evangelisten nicht preiszugeben gedenken. Mag ihr schwacher und ungelehriger Geist nicht imstande sein, die Tiefe des Geheimnisses zu erfassen, wir sind deswegen nicht gewillt, gleichfalls in die Irre zu gehen und ihre Torheiten uns zu eigen zu machen, um den geraden Weg der Wahrheit zu verlassen. Wir wissen, daß der hochheilige Paulus geschrieben hat: Wir müssen „die Vernünfteleien zerstören und jeglichen Hochmut, der sich wider die Gotteserkenntnis erhebt, indem wir jegliches Denken gefangennehmen in den Gehorsam gegen Christus".4Aber hast du noch anderes vorzubringen, woran sie Anstoß nehmen, um nach Weise der Juden über den „Stein des Anstoßes“5zu stolpern? B. Ich habe allerdings noch gar manches dieser Art, und es soll ein jedes einzeln für sich vorgetragen werden. Sie sagen also, Christus sei vom Vater geheiligt worden. Denn es steht geschrieben: „Johannes bezeugte und sprach: Ich habe den Geist vom Himmel her herabsteigen sehen, und er blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht; aber der, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, der sprach zu mir: Auf welchen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, welcher mit dem Heiligen Geiste tauft. Und ich habe gesehen und habe bezeugt, daß dieser der Sohn Gottes ist.“6Und auch Paulus hat von ihm geschrieben: „Denn der, welcher heiligt, und die, welche geheiligt werden, aus Einem sind sie alle."7— Nun kann aber das Wort, welches Gott und seiner Natur nach heilig ist, jedenfalls nicht geheiligt worden sein. Es bleibt mithin nur die Annahme übrig, daß der von ihm in Weise der Verbundenheit angenommene Mensch geheiligt worden ist.

A. Wie aber soll der, der getauft ward und die sichtbare Herabkunft des Geistes empfing, mit dem Heiligen Geiste taufen und Dinge vollbringen können, die ausschließlich der göttlichen Natur zukommen und entsprechen? Denn er ist es, welcher Heiligkeit verleiht; und daß dies sein eigenes und besonderes Vorrecht ist, hat das menschgewordene Wort bewiesen, indem es die heiligen Apostel leiblich anhauchte und sprach: „Empfanget den Heiligen Geist; welchen ihr die Sünden nachlaßt, denen werden sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten."8Und wie kann der göttliche Täufer, so ausdrücklich wie möglich auf den, der geheiligt worden, hinweisend, bezeugen: „Dieser ist der Sohn Gottes", er einzig und allein? Hätte dieser Lehrmeister des Erdkreises von einem andern neben dem wahren Sohne gewußt, so hätte er deutlich die Wahrheit sagen und klar aussprechen müssen: Dieser ist der mit dem natürlichen und wahren Sohne Verbundene, der geschenkweise und aus Gnade Sohn Gewordene. So etwas hat er nicht gesagt; er war sich vielmehr bewußt, daß das aus Gott dem Vater entstammte Wort und der aus dem Samen Davids dem Fleische nach Geborene einer und derselbe ist, und sagt deshalb, daß er geheiligt worden, insofern er Mensch, und hinwieder heiligt, insofern er Gott ist. Denn er war, wie gesagt, das eine sowohl wie das andere. Wäre er nun nicht Mensch geworden, nicht dem Fleische nach vom Weibe geboren worden, so müßten wir freilich alles Menschliche von ihm fernhalten. Ist es jedoch wahr, daß er in den Stand der Entäußerung herabgestiegen und einer wie wir geworden ist, weswegen wollen sie ihm die Erweise seiner Entäußerung abstreiten und damit törichterweise das so kunstvolle Werk der Menschwerdung im Fleische niederreißen?

B. Wenn es nun heißt, er habe Herrlichkeit empfangen und sei Herr geworden, sei vom Vater erhöht und zum König bestellt worden, willst du denn auch dies auf Gott das Wort beziehen, ohne dich an seiner Herrlichkeit auf das gröbste zu vergreifen?

A. Daß die Natur Gottes des Wortes voll der Herrlichkeit und Königswürde und wahrer Herrschaft ist, wer wollte das bezweifeln? Selbstverständlich ist es auch, daß sie in den höchsten Höhen der Gottheit thront. Da er jedoch als Mensch erschienen und es dem Menschen eigen ist, alles geschenkt und zugeteilt zu erhalten, deshalb pflegt er, obwohl er Überfluß hat und aus eigener Fülle allen mitteilt, nach Menschenart auch anzunehmen, indem er unsere Armut zu der seinigen macht. So ist in Christus ein neues und unerhörtes Wunder zutage getreten, in Knechtsgestalt Herrscherwürde, in menschlicher Niedrigkeit göttliche Erhabenheit, mit königlichen Ehren bekränzt, was im Joche geht, wie dies zu dem Stande der Menschheit gehört, in die höchsten Höhen entrückt, was in der Tiefe weilt. Denn Mensch geworden ist der Eingeborene nicht, um im Stande der Entäußerung zu verbleiben, sondern um, von Natur aus Gott, die Entäußerung und was sie in sich schließt anzunehmen und mit sich zu vereinen und so in sich selbst die Menschennatur zu verherrlichen und heiliger und göttlicher Würden teilhaftig zu machen. Daher finden wir, daß auch die Heiligen selbst den Sohn die Herrlichkeit Gottes und des Vaters und auch König und sogar Herrn nennen, und zwar nachdem er schon Mensch geworden. Isaias nämlich schreibt wie folgt: „Wie wenn ein Mensch Oliven abklopft [nach erfolgter Ernte], so wird man sie abklopfen; und wie wenn die Weinlese vorüber ist, werden die, die auf der Erde zurückgelassen worden sind, ihre Stimme erheben, um zu jauchzen mit der Herrlichkeit des Herrn.“9Und ein anderer der Heiligen hinwieder sagt: „Werde hell, Jerusalem, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn ist über dir aufgegangen. Siehe, Dunkel und Finsternis bedeckt die Erde; über dir aber strahlt der Herr auf, und die Herrlichkeit des Herrn erglänzt über dir."10Jakobus aber, sein Jünger, sagt: „Brüder, nicht mit Ansehen der Person sollt ihr den Glauben an unsern Herrn der Herrlichkeit Jesus Christus haben."11Und der göttliche Petrus: „Wenn ihr geschmäht werdet wegen des Namens Christi, selig seid ihr zu preisen, und der Geist der Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch."12

B. Aber sag mir, wie wir das verstehen sollen, was von Christus geschrieben ist: „Der in den Tagen seines Fleisches Bitten und Gebete demjenigen, der ihn vom Tode erretten konnte, mit lautem Geschrei und Tränen dargebracht hat und der Gottesfurcht wegen erhört worden ist, und so, obwohl er Sohn war, aus dem, was er litt, den Gehorsam erlernt hat und, nachdem er vollendet war, denen, die ihm gehorchen, Urheber unzerstörbaren Heiles geworden ist."13Dieser Stelle füge ich noch den Ruf bei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"14So etwas, sagen sie, findet auf Gott das Wort keine Anwendung, und es scheint auch mir weit unter der ihm innewohnenden Würde zu liegen.

A. Ich bin gleichfalls der Ansicht, daß dies auf das Gott dem Vater entstammte Wort nicht paßt, wofern die Menschwerdung ausgeschaltet und das Zeugnis der Schriften, daß das Wort Fleisch geworden, von uns abgelehnt wird. Da wir jedoch unerschütterlich an diesem Zeugnisse festhalten und jedweder Zweifel an der Schrift eine Gottlosigkeit darstellt, wohl, so wollen wir, soweit es angeht, das Geheimnis der Menschwerdung genauer ins Auge fassen. Es ist also das Gott dem Vater entstammte Wort in unserer Hülle uns erschienen, um in tausenderlei Weise der Menschennatur Hilfe zu bringen und uns ganz deutlich den Weg zu weisen, der zu allen möglichen bewundernswerten Gütern geleitet. Nun mußten wir belehrt werden, wie diejenigen, welche den ruhmreichen und vorzüglichen Lebenswandel innezuhalten entschlossen sind, bei Heimsuchungen, von denen sie der Liebe zu Gott wegen betroffen werden, sich zu verhalten haben, ob sie erschlaffen und in Leichtsinn verfallen und nicht vielmehr zur Zeit sich dem Vergnügen hingeben und dem Genüsse überlassen sollen, oder aber sich zum Gebete wenden und in Tränen vor den Retter hintreten und inständig um seine Hilfe flehen und auch um Kraft für den Fall, daß er uns leiden lassen will. Außerdem war es wichtig für uns, zu wissen, wohin der Gehorsam schließlich führe und welchen Ehrenpfad er wandele und welcher Lohn der Ausdauer warte. Christus also ist uns Vorbild für diese Dinge geworden, und das bestätigt der göttliche Petrus, wenn er sagt: „Denn was für ein Ruhm soll es sein, wenn ihr eigener Verfehlungen wegen geduldig Züchtigungen ertragt? Aber wenn ihr Gutes tut und geduldig leidet, das ist wohlgefällig vor Gott, da auch Christus für euch gestorben ist und euch ein Beispiel hinterlassen hat, auf daß ihr seinen Fußtapfen nachfolgtet.“15Nicht zu der Zeit, da er als das Wort des Vaters noch ohne Anteil an dem Stande der Entäußerung war, sondern „in den Tagen seines Fleisches" ist er ein Beispiel für uns geworden, indem er tadellos dem Stande der Menschheit sich anbequemen wollte, Bitten darbringen und Tränen vergießen und anscheinend auch eines Retters bedürfen und den Gehorsam erlernen, „obwohl er Sohn war". Es ist, wie wenn der Geistesträger erschräke über das Geheimnis, daß der natürliche und wahre und im Glänze der Gottheit strahlende Sohn sich in so tiefe Niedrigkeit herabgelassen und dem Elende menschlicher Armseligkeit unterzogen hat. Aber, wie gesagt, uns hat die schöne und heilsame Lehre dieser Veranstaltung gegolten, weil wir, und zwar ohne jede Mühe, uns überzeugen sollten, daß wir keinen andern Weg einschlagen dürfen, wenn die Stunde zur Tapferkeit aufruft. Hat ja Christus einmal gesagt: „Fürchtet euch nicht vor denen, welche den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, fürchtet euch vielmehr vor dem, der Seele und Leib verderben kann in der Hölle",16und ein anderes Mal wieder: „Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!"17Ihm nachfolgen aber heißt nichts anderes als tapfer gegen die Widerwärtigkeiten ankämpfen und zugleich um Hilfe von oben bitten, nicht lau und schlaff, sondern möglichst inständigem Gebete obliegend und Tränen der Frömmigkeit den Augen entlockend.

B. Trefflich hast du gesprochen. Wenn er nun aber sagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?",18wie sollen sie denn das verstehen? Sie werden sagen, glaube ich, das sei die Stimme des angenommenen Menschen, der jetzt mutlos werde und die Härte der Bedrängnis als nicht mehr erträglich empfinde oder, wie es vorkommt, aus menschlichem Kleinmut verzage. Er sagte ja auch zu den heiligen Jüngern: „Betrübt ist meine Seele bis zum Tode",19und er warf sich vor dem Vater nieder und sprach: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; aber nicht wie ich will, sondern wie du."20

A. Das ist eben das, was wir vorhin besprochen: „Der in den Tagen seines Fleisches Bitten und Gebete demjenigen, der ihn vom Tode erretten konnte, mit lautem Geschrei und Tränen dargebracht hat."21Wenn aber jemand meint, Christus sei einem solchen Kleinmut verfallen, daß er vor Trauer und Angst das Leiden für unerträglich gehalten habe, von Furcht übermannt und von Schwäche überwältigt, so bestreitet er jedenfalls seine Gottheit und muß offenbar zugeben, daß er mit Unrecht den Petrus gescholten hat.

B. Wie meinst du das?

A. Christus sprach: „Siehe, wir ziehen nach Jerusalem hinauf, und der Menschensohn wird in die Hände der Sünder ausgeliefert werden, und sie werden ihn verspotten und ihn kreuzigen, und am dritten Tage wird er auferweckt werden." Petrus aber, voll Liebe zu Gott, sagte: „Fern sei es von dir, Herr, das soll dir nicht widerfahren!" Und was antwortete ihm Christus? „Weiche zurück von mir, Satan! Ein Ärgernis bist du mir, weil du nicht sinnst, was Gottes, sondern was der Menschen ist.“22Wie aber soll der Jünger, der die Heimsuchung von dem Meister fernhalten wollte, sich verfehlt haben, wenn sie so schwer und nicht mehr erträglich für den Meister war, ihn vielmehr niederschmetterte und völlig zusammenbrechen ließ, während er doch selbst seine Jünger anwies, die Schrecken des Todes zu überwinden und das Leiden für nichts zu achten, solange sie damit den Willen Gottes erfüllten? Wundern aber muß ich mich, daß sie den Menschen, mit dem der Eingeborene sich verbunden haben soll, zum Teilhaber göttlicher Ehren machen und hintennach den Schrecken des Todes anheimfallen lassen, in einer Weise, daß er gleich uns gänzlich entblößt erscheint und von den göttlichen Ehren nichts mehr übrig hat.

1: Ebd. 2, 17.
2: Luk. 1, 15.
3: Joh. 3, 31.
4: 2 Kor. 10, 4 f.
5: Röm. 9, 32.
6: Joh. 1, 32—34.
7: Hebr. 2, 11.
8: Joh. 20, 22 f.
9: Is. 24, 13 f.
10: Ebd. 60, 1 f.
11: Jak. 2, 1.
12: 1 Petr. 4, 14.
13: Hebr. 5, 7—9.
14: Matth. 27, 46.
15: Matth. 10, 28.
16: 1 Petr. 2, 20 f.
17: Ebd. 16, 24.
18: Matth. 27, 46.
19: Ebd. 26, 38.
20: Ebd, 26, 39.
21: Hebr. 5, 7.
22: Matth. 16, 21—23; vgl. ebd. 20, 17—19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger