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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

14.

A. Ich möchte aber den Gegnern noch etwas anderes vorhalten.

B. Was wäre das?

A. Sie glauben doch, daß der eingeborene Gott das Wort sein Dasein aus Gott dem Vater hat, lassen aber den, wie sie sagen, in Weise der Verbundenheit angenommenen Menschen aus dem Samen des göttlichen David entsprossen sein?

B. So behaupten sie.

A. Nun aber steht das Wort, von Natur aus und der Herrlichkeit nach Gott, in jedweder Hinsicht über dem aus dem Samen Davids Geborenen, und zwar überragt es ihn so weit, wie eben der Abstand der beiderseitigen Naturen reicht. Wie wahr das ist, bezeugen die Gegner selbst dadurch, daß sie eine Scheidung vornehmen und dem einen die Gewalt der Herrlichkeit zuweisen, den andern als Empfänger darstellen und das, was er ist, als Ehrengeschenk und Gnadenanteil bezeichnen. Der Empfänger aber steht unzweifelhaft hinter und unter dem Geber, und der, der Anteil an der Herrlichkeit hat, unter dem, der ihm,Anteil an seiner Herrlichkeit gewährt.

B. Sie nehmen auch selbst, denke ich, einen sehr großen Abstand zwischen Gott und den Menschen an.

A. Wie kann dann jedoch der allweise Paulus, der Verwalter der göttlichen Geheimnisse,1der den, den er verkündet, selbst in sich wohnen hat und im Geiste spricht, wie kann er den dem Fleische nach aus den Juden Stammenden „Gott" nennen und noch beifügen: „gepriesen in alle Ewigkeit. Amen"?2Was soll es Höheres geben können als den über alle herrschenden Gott? Und wie soll man sich nun unter dem aus dem Vater entsprungenen Worte etwas Größeres vorstellen können, als es der dem Fleische nach aus den Juden Stammende ist, wofern anders dieser ein anderer und für sich bestehender Sohn ist und dies nicht in Wahrheit?

B. Aber, sagen sie, der aus dem Samen Davids ist der Verbundenheit nach einbegriffen; und da Gott das Wort in ihm Wohnung genommen, so hat er teil an dessen Würde und Ehre. Und das lehrt auch der hochheilige Paulus, wenn er von ihm schreibt: „Weil er dem Vater gehorsam geworden ist bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestode, deshalb hat Gott ihn auch erhöht und ihm einen Namen geschenkt, welcher über allen Namen ist",3das heißt den Namen „Gott".

A. Behaupten sie denn, daß der Name über allen Namen von Gott speziell dem aus dem Samen Davids und ihm allein als einem andern Sohne gegeben worden sei?

B. Gewiß, sagen sie. Denn dem Eingeborenen, der der Natur nach Gott und aus Gott ist, kann doch nicht erst gegeben worden sein, was er bereits hat.

A. Prüfen wir also die Worte des göttlichen Paulus genauer, ob nicht vielmehr von dem Eingeborenen gesagt wird, er habe den Namen erhalten. Es heißt: „So nämlich denke ein jeder von euch bei sich, wie auch Christus Jesus gedacht hat, der, da er in Gottesgestalt war, es nicht für Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestode. Deshalb hat Gott ihn auch erhöht und ihm einen Namen geschenkt, welcher über allen Namen ist."4— Wenn sie nun speziell den aus dem Samen Davids Geborenen, der für sich allein ein Mensch sein soll, als den Empfänger des Namens über allen Namen bezeichnen, so müssen sie auch behaupten, daß dieser vorher in Gottesgestalt gewesen ist und es nicht für Raub gehalten hat, Gott gleich zu sein, und ebenso auch, daß er die Knechtsgestalt angenommen hat, die er offenbar nicht hatte und nicht sein eigen nannte, bevor er sie annahm. Ist er jedoch, wie sie lehren und zu denken gewohnt sind, selbst nur Knechtsgestalt, wie kann er sie dann noch angenommen haben, als ob er sie nicht schon gehabt hatte? Und wie kann er, der ja Mensch war, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als Mensch erfunden worden sein? Sollten sie nicht, wenn auch gegen ihren Willen, durch die Wucht der Gründe sich endlich einmal zur Anerkennung der Wahrheit drängen lassen?

B. Was ist dann die Wahrheit?

A. Entäußert hat sich Gott das Wort, welcher in der Gestalt Gottes und des Vaters war, „das Ebenbild seines Wesens",5in allem und jedem dem Erzeuger gleich.

B. Und worin bestand die Entäußerung?

A. Sie bestand in der Annahme des Fleisches und der Knechtsgestalt, in der Verähnlichung mit uns, welcher der sich unterzog, der seiner eigenen Natur nach nicht einer wie wir, sondern über aller Schöpfung erhaben war. Auf diese Weise hat er sich auch erniedrigt, indem er durch die Menschwerdung in den Stand der Menschheit hinabstieg. Aber auch so ist er Gott geblieben, obwohl er freilich nicht empfangen hat, was ihm von Natur aus zukam. Daher sprach er auch zu dem Vater und Gott in den Himmeln: „Vater, verherrliche mich mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war!“6Sie werden doch, denke ich, nicht sagen wollen, es sei der aus dem Samen Davids in den letzten Zeiten der Welt Geborene, welcher um eine vorweltliche Herrlichkeit als seine frühere Herrlichkeit bittet, wenn denn dieser ein für sich bestehender, anderer Sohn neben dem natürlichen und wahren Sohne sein soll. Eine solche Bitte steht vielmehr ausschließlich Gott zu. Er mußte, ja, er mußte sich dem Stand der Menschheit anbequemen und zugleich jene Hoheit göttlicher Würde beibehalten, wie sie ihm seinem Wesen nach innewohnte, ebenso wie auch dem Vater. Denn wie soll das Wort wahr bleiben: „Es soll kein neuer Gott bei dir sein“,7wenn laut ihrer Ansicht ein Mensch durch die Verbundenheit mit dem Worte zu Gott gemacht, zum Throngenossen und Teilhaber der Würde des Vaters erhoben wird?

B. Du sprichst überzeugend.

1: Vgl. 1 Kor. 4, 1.
2: Röm. 9, 5.
3: Phil. 2, 8 f.
4: Phil. 2, 5—9.
5: Hebr. 1, 3.
6: Joh. 17, 5.
7: Ps. 80, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger