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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Dass Christus einer ist (Quod unus sit Christus)

11.

A. Wollte jemand das Fleisch für sich allein nehmen und die ihm geeinte Seele von ihm trennen, so würde er den einen Menschen in zwei zerschneiden und den Begriff der Menschheit aufheben.

B. Aber der allweise Paulus schreibt doch: „Denn wenn auch der äußere Mensch zugrunde geht, so wird hingegen der innere Tag für Tag erneuert."1

A. Das stimmt. Paulus wußte und wußte sehr genau, woraus der eine Mensch besteht; nur in der Theorie unterscheidet er zwei Menschen. Innern Menschen nennt er die Seele, äußern Menschen das Fleisch. Dabei schließt er sich dem Gebrauch der heiligen Schriften an, die nicht selten das ganze Menschenwesen nach einem seiner Teile benennen, wie wenn Gott sagt: „Ich gieße von meinem Geiste aus über alles Fleisch“,2und Moses zum Volke Israel spricht: „Fünfundsiebzig Seelen zählend sind deine Väter hinabgezogen nach Ägypten".3Auch bei dem Emmanuel selbst ist dies der Fall. Nach erfolgter Einigung, nämlich mit dem Fleische, nennt man ihn den Eingeborenen und Gott von Gott, obwohl man weiß, daß er auch Fleisch oder Mensch ist; und man kann ihn auch einen Menschen nennen, ohne damit zu bestreiten, daß er zugleich Gott und Herr ist.

B. Aber wenn wir von einer Natur des Sohnes sprechen, auch nach erfolgter Fleischwerdung, so können wir doch jedenfalls nicht umhin, eine Vermischung und Verschmelzung zuzugestehen, in der Weise, daß die Menschennatur in ihm gleichsam aufgesogen worden ist. Denn was ist die Menschennatur im Vergleich mit der Hoheit der Gottheit?

A. Es wäre, lieber Freund, eine sehr große Unvernunft, wenn man eine Vermischung und Verschmelzung annehmen wollte. Wir haben uns auch keineswegs zu einer Natur nach der Fleischwerdung und Menschwerdung bekannt. Für eine solche Einheit wird niemand mit zwingenden und überzeugenden Gründen einen Beweis erbringen können. Möchten sie aber versuchen, ihren Willen uns als Gesetz aufzuzwingen, so „haben sie einen Plan ersonnen, den sie nicht ausführen können“.4Wir haben nicht auf sie zu hören, sondern auf die gotteingegebene Schrift. Und wenn sie meinen, es müsse so sein, weil die Menschennatur im Vergleich mit der göttlichen Hoheit ein Nichts darstelle und deshalb aufgesogen und verzehrt werde, so entgegnen wir: „Ihr irrt, weil ihr weder die Schriften kennt noch auch die Macht Gottes.“5Denn dem menschenfreundlichen Gott war es nicht schwer, der Tragkraft der Menschheit sich anzupassen, und das hat er uns auch schon im voraus in einem Rätsel angekündigt, als er Moses in das Geheimnis einweihte und die Art und Weise der Menschwerdung in einem Vorbilde umriß. In Gestalt eines Feuers ließ er sich in den Dornstrauch der Wüste nieder, und das Feuer flammte in dem Strauche auf, aber er verbrannte nicht.6Moses ward von Staunen über dieses Schauspiel ergriffen, wie es möglich sei, daß das Holz dem Feuer unzugänglich bleibe und der so leicht entzündliche Stoff dem Angriff der Flamme standhalte. Allein es war, wie ge~ sagt, ein Vorbild des Geheimnisses, welches die göttliche Natur des Wortes für die Kräfte der Menschheit tragbar macht, wenn es selbst es so will. Denn diesem Worte ist schlechterdings nichts unmöglich.

B. Wie du wohl weißt, wollen sie nicht so denken.

A. Es steht mithin unwidersprechlich fest, daß ihre Lehre uns zwei Söhne und zwei Christus bringt.

B. Nicht gerade zwei; sie behaupten vielmehr, der Sohn der Natur nach, das Gott dem Vater entstammte Wort, sei einer, der angenommene Mensch aber sei zwar von Natur Sohn Davids, sei jedoch auch Sohn Gottes, weil er von Gott dem Worte angenommen worden; und weil Gott das Wort in ihm Wohnung genommen habe, sei er zu derselben Würde gelangt und besitze die Sohnschaft und Gnade.

A. Wo wollen diese Lehrmeister hin mit ihrem Sinn und Verstand? Oder wie sollen sie nicht eine Zweiheit von Söhnen lehren, da sie den Menschen und Gott voneinander trennen? Ist doch nach ihnen der eine von Natur aus und in Wahrheit Sohn, der andere aber aus Gnade im Besitz der Sohnschaft und deshalb zu dieser Würde gelangt, weil das Wort in ihm wohnte. Hat nun der letztere etwas vor uns voraus? Denn auch in uns nimmt das Wort Wohnung, wie uns dies der hochheilige Paulus bescheinigt, wenn er sagt: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von welchem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat, damit er nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit euch verleihe, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist, auf daß Christus in euren Herzen wohne."7Denn er ist in uns durch den Geist, „in welchem wir rufen: Abba, Vater".8Wir sind also in keiner Weise weniger gut daran, wenn wir von Seiten Gottes und des Vaters der gleichen Gaben gewürdigt werden. Denn aus Gnade sind auch wir Söhne und Götter, und zu dieser übernatürlichen und bewundernswerten Würde sind wir eben dadurch erhoben worden, daß das eingeborene Wort in uns Wohnung nahm. Dagegen würde es ganz gottlos und unsinnig sein, zu sagen, wir seien der gleichen Sohnschaft wie Jesus gewürdigt worden und hätten dieselbe Herrlichkeit als Gnadenanteil empfangen.

B. Sag, wie du das meinst!

A. Sehr gern. Zuvörderst geht daraus, wie ich schon sagte, hervor, daß ein für sich bestehender anderer Sohn und Christus und Herr neben den wahren und natürlichen gestellt wird. Sodann ist in ihrer Lehre überdies noch eine andere Unmöglichkeit enthalten, die der rechten Vernunft offenbar zuwiderläuft.

B. Was ist das denn?

A. Der allweise Johannes sagt von Christus: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf; allen aber, die ihn aufnahmen, gab er die Gewalt, Kinder Gottes zu werden."9Wenn nun jemand aus Gnade im Besitz der Sohnschaft ist und durch Auswahl den Vorzug erlangt hat, zu sein, was er ist, soll er wohl andern schenken, was er selbst kaum erreicht hat? Scheint dir das nicht unglaublich zu sein?

B. Gar sehr.

A. Was man aber nicht von Natur aus besitzt, sondern von außen her erlangt hat, kann man das nicht möglicherweise auch verlieren?

B. Warum denn nicht?

A. Es kann also geschehen, daß der Sohn einmal seiner Sohnschaft verlustig geht. Denn was nicht verankert ist in den Gesetzen der Natur, ist vor der Gefahr des Verlustes nicht gesichert.

B. So ist es.

1: 2 Kor. 4, 16.
2: Joh 2, 28.
3: Deut. 10, 22.
4: Ps. 20, 12.
5: Matth. 22, 29.
6: Ex. 3, 1 ff.
7: Eph. 3, 14—17.
8: Röm. 8, 15.
9: Joh. 1, 11 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger