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Cyrillus von Alexandrien († 444)
Drei ökumenische Briefe

I. Der zweite Brief an Nestorius

Drei Briefe Cyrills, aus den Jahren 430—433, haben dadurch eine besondere Bedeutung erlangt, daß sie von ökumenischen Konzilien als zuverlässige Darstellungen der katholischen Glaubenslehre anerkannt und bestätigt wurden. Man hat sie deshalb „Ökumenische Briefe" geheißen.

Dem zweiten Briefe an Nestorius, aus dem Januar oder Februar 430, haben das Konzil zu Ephesus 431, das Konzil zu Chalzedon 451 und noch einmal das Konzil zu Konstantinopel 553 ihre rückhaltlose Anerkennung ausgesprochen. Zu Ephesus, am 22. Juni 431, hatte Cyrillus im Anschluß an die Verlesung des vollständigen Textes die Frage gestellt, ob dieser Brief nicht in Einklang stehe mit dem Nizänischen Glaubensbekenntnisse, worauf alle anwesenden Bischöfe in durchaus bejahendem Sinne antworteten, 125 Bischöfe mit noch erhaltenen kurzen Worten zur Begründung ihres Votums.1 In der Gesamtausgabe der Werke Cyrills wird der Brief als Ep. 4 gezählt, Migne 77, 43—50; neue Sonderausgaben desselben bei Pusey, S. Cyrilli Epistolae tres oecumenicae usw., Oxonii 1875, 2—11 [hier ist dem griechischen Texte die lateinische Übersetzung von Marius Mercator, gest. etwa 431, zur Seite gestellt]; bei Schwartz a. a. 0. I 1, pars 1, 25—28.

*

Seinem frömmsten und gottgeliebtesten Amtsbruder Nestorius sagt Cyrillus Gruß im Herrn.

Wie ich höre, bemäkeln gewisse Leute meinen Ruf bei Deiner Gottesfurcht, und zwar sehr häufig, indem sie namentlich die Zusammenkünfte der Spitzen der Gesellschaft als günstige Gelegenheit abpassen und vielleicht auch Deinen Ohren schmeicheln zu können glauben. Sie führen böse Reden über mich, obgleich ich ihnen keinerlei Unrecht zugefügt, wohl aber, und zwar in milder Weise, einen Verweis erteilt habe, dem einen, weil er Blinde und Arme schädigte, dem andern, weil er gegen seine Mutter das Schwert gezogen, dem dritten, weil er zusammen mit einer Magd fremdes Gold gestohlen und immer in einem Rufe gestanden hat, wie man ihn auch seinen schlimmsten Feinden nicht wünschen möchte. Doch will ich über solche Leute nicht weiter reden, damit es nicht den Anschein habe, als ob meine Wenigkeit sich über den Herrn und Meister oder auch über die Väter erheben wollte. Es wird ja kaum jemand, mag er sein Leben gestalten, wie er will, den bösen Zungen schlechter Menschen entgehen können. Aber diejenigen, deren „Mund voll ist von Fluch und Bitterkeit",2 werden einst dem Richter aller Rechenschaft zu geben haben.

Ich wende mich wieder dem zu, was mir besonders am Herzen liegt, und bitte Dich auch heute als meinen Bruder in Christus, Du mögest bei Deinen Predigten vor dem Volke mit aller Sorgfalt auf den Gehalt der Lehre und den Sinn des Glaubens acht haben und wohl bedenken, daß der, der auch nur einen einzigen von denen, die an Christus glauben, ärgert, einem unerträglichen Zorne verfällt.3 Wenn aber deren, die beleidigt werden, so viele sind, wie sollten wir nicht mit größter Vorsicht dafür Sorge tragen, Ärgernisse klug zu verhüten und denen, die nach Wahrheit verlangen, die gesunde Lehre des Glaubens darzureichen? Auch dies aber wird von großem Nutzen für uns sein, wenn wir die Schriften der heiligen Väter zur Hand nehmen und ihre Worte möglichst hoch schätzen und „uns selbst prüfen, ob wir im Glauben sind", wie geschrieben steht,4 indem wir unsere Ansichten mit den richtigen und untadeligen Lehren der Väter in Einklang bringen.

Nun hat das heilige und große Konzil5 erklärt, daß der aus Gott und dem Vater der Natur nach gezeugte eingeborene Sohn, wahrer Gott vom wahren Gott, Licht vom Lichte, der, durch den der Vater alles gemacht hat, in eigener Person herabgestiegen, Fleisch und Mensch geworden ist, gelitten hat, am dritten Tage wieder auferstanden und zu den Himmeln aufgefahren ist.

Diesen Worten und Lehrsätzen müssen auch wir folgen, wohl bedenkend, was es heißt, daß das Gott entstammte Wort Fleisch und Mensch geworden ist. Wir behaupten nämlich nicht, daß die Natur des Wortes in Fleisch umgewandelt, auch nicht, daß sie zu einem ganzen, aus Seele und Leib bestehenden Menschen umgeändert worden sei. Wir behaupten vielmehr, daß das Wort mit einer vernünftigen Seele beseeltes Fleisch der Person nach in unaussprechlicher und unbegreiflicher Weise sich selbst geeint hat und so Mensch geworden ist und Menschensohn geheißen hat, nicht bloß dem Willen oder dem Wohlgefallen nach, auch nicht bloß durch Annahme einer Person, sondern deshalb, weil aus den beiden verschiedenen, zu wahrer Einheit verbundenen Naturen ein Christus und Sohn geworden ist. Nicht wie wenn die Verschiedenheit der Naturen um der Einigung willen aufgehoben worden wäre, sondern so, daß Gottheit und Menschheit zusammen uns den einen Herrn und Christus und Sohn erbaut haben, vermöge der unaussprechlichen und geheimnisvollen Verbindung zu einer Einheit.

In diesem Sinne heißt es, daß er, wiewohl er vor Ewigkeiten aus dem Vater sein Dasein empfing und gezeugt wurde, dem Fleische nach auch aus dem Weibe geboren worden ist. Nicht als ob seine göttliche Natur in der heiligen Jungfrau ihren Ursprung genommen hätte, und nicht als ob eine zweite Geburt nach der Geburt aus dem Vater ihrer selbst wegen notwendig gewesen wäre. Denn es ist gottlos und unsinnig zugleich, zu sagen, daß der, der vor aller Ewigkeit ist und gleichewig mit dem Vater ist, einer zweiten Geburt bedurft hätte, um zum Dasein zu gelangen. Aber um unsertwillen und um unseres Heiles willen hat das Wort die menschliche Natur der Person nach sich selbst geeint und ist aus dem Weibe hervorgegangen; und darum heißt es, daß er fleischlich geboren worden ist. Denn es ist nicht zuerst ein gewöhnlicher Mensch aus der heiligen Jungfrau geboren worden und auf diesen dann das Wort herabgestiegen, sondern aus dem Mutterschoße selbst ist er geeint hervorgegangen; und deshalb heißt es, daß er sich der fleischlichen Geburt unterzogen hat, weil er die Geburt seines Fleisches zu seiner eigenen Geburt macht. So, behaupten wir, hat er auch gelitten und ist er auferstanden. Nicht wie wenn Gott das Wort in seiner eigenen Natur gelitten oder die Schläge, die Durchbohrung mit den Nägeln und die sonstigen Wunden empfunden hätte. Denn die göttliche Natur ist leidenslos, weil ja auch körperlos. Da aber der ihm zu eigen gewordene Leib dies gelitten hat, so heißt es wiederum, daß er selbst es für uns gelitten hat. Denn in dem leidenden Leibe war der Leidensunfähige. In gleicher Weise denken wir auch über sein Sterben. Denn das Wort Gottes ist seiner Natur nach unsterblich und unvergänglich und Leben und Lebensspender. Weil aber wiederum sein eigener Leib „durch die Gnade Gottes", wie Paulus sagt, „für einen jeden den Tod gekostet hat",6 so heißt es, daß er selbst für uns den Tod erlitten hat. Nicht als ob er, soweit es auf seine Natur ankommt, dem Tode erlegen wäre — denn dies zu sagen oder zu denken, wäre Wahnsinn —, sondern weil, wie ich soeben sagte, sein Fleisch den Tod gekostet hat. So wird auch, da sein Fleisch auferweckt worden, wiederum von seiner Auferstehung gesprochen, nicht wie wenn er selbst dem Untergange anheimgefallen wäre — das sei fern —, sondern wiederum weil sein Leib auferweckt worden.

In dieser Weise bekennen wir einen Christus und Herrn, indem wir nicht etwa einen Menschen mit dem Worte zusammen anbeten, damit nicht durch das „zusammen" die Vorstellung einer Scheidung eingeführt werde, sondern einen und denselben Christus anbeten, weil sein Leib dem Worte nicht fremd ist. Mit diesem Leibe thront er ja auch zur Rechten des Vaters, weil wiederum nicht zwei Söhne an der Seite des Vaters sitzen, sondern ein Sohn gemäß der Einigung mit dem Fleische. Wollten wir aber die Einigung der Person nach, sei es als unmöglich, sei es als unangebracht ablehnen, so wären wir gezwungen, zwei Söhne anzunehmen, weil es ganz unvermeidlich sein würde, zu scheiden zwischen einem Menschen für sich, der nur durch den Namen des Sohnes geehrt worden, und dem Gott entstammten Worte für sich, welches von Natur aus den Namen und die Sache der Sohnschaft besitzt.

Es darf demnach der eine Herr Jesus Christus nicht in zwei Söhne zerteilt werden, und es kann der rechten Glaubenslehre in keiner Weise dienlich sein, dies zu tun, mögen auch einige Leute sich für eine Einigung von Personen aussprechen. Denn die Schrift hat nicht gesagt, daß das Wort sich die Person eines Menschen geeint habe, sondern daß es selbst Fleisch geworden ist.7 Das aber bedeutet nichts anderes, als daß es in gleicher Weise wie wir an Blut und Fleisch teilgenommen8 und unsern Leib sich zu eigen gemacht hat und als Mensch aus dem Weibe hervorgegangen ist, ohne aufzuhören, Gott zu sein und aus Gott dem Vater gezeugt zu sein, sondern auch in der Annahme des Fleisches bleibend, was es war.

Das ist es, was allenthalben als die Lehre des wahren Glaubens gilt. So, finden wir, haben die heiligen Väter gedacht; so haben sie unbedenklich die heilige Jungfrau Gottesgebärerin genannt, nicht wie wenn die Natur des Wortes oder seine Gottheit aus der heiligen Jungfrau ihren Ursprung genommen hätte, sondern weil aus ihr der heilige Leib geboren worden ist, der vernünftig beseelt und dem das Wort der Person nach geeint war; deshalb heißt es, daß er selbst dem Fleische nach geboren worden.

Indem ich dies auch heute wieder aus der Liebe in Christus schreibe, bitte ich Dich als meinen Bruder und beschwöre Dich im Angesichte Christi und seiner auserwählten Engel, mit uns so zu denken und zu lehren, damit der Friede der Kirche gewahrt werde und den Priestern der Kirche das Band der Eintracht und Liebe unzerrissen erhalten bleibe! Grüße die Brüderschaft bei Dir! Die Brüderschaft bei uns empfiehlt sich Dir in Christus.

1: Siehe Schwartz, Acta Conciliorum oecum. tom. 1, vol. 1, Berolini 1927, pars 2, 13—31.
2: Rom. 3, 14.
3: Vgl. Matth. 18, 6.
4: 2 Kor. 13, 5.
5: Nämlich das Konzil zu Nizäa vom Jahre 325.
6: Hebr. 2, 9.
7: Joh. 1, 14.
8: Hebr. 2, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger