Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Cyrillus von Alexandrien († 444) - Drei ökumenische Briefe

III. Der Friedensbrief an Johannes von Antiochien

Den Brief an Patriarch Johannes von Antiochien, welcher den Friedensschluß zwischen Cyrillus und den antiochenischen Bischöfen besiegelte, aus dem Februar oder März 433 hat das Konzil von Chalzedon 451 sich zu eigen gemacht und empfohlen. Neue Ausgaben dieses Briefes, in der Gesamtausgabe Ep. 39 [Migne 77, 173— 182], bei Pusey a. a. O. 40—53 [hier griechisch und in alter lateinischer Übersetzung]; bei Schwartz a. a. O. I 1, pars 4, 15—20.

*

Meinem Herrn, dem geliebten Bruder und Kollegen Johannes, sage ich, Cyrillus, Gruß im Herrn.

„Die Himmel sollen sich freuen und die Erde soll jauchzen."1 Denn „die Zwischenwand des Zaunes ist gefallen"2 und die Trauer hat ein Ende, und jede Meinungsverschiedenheit ist geschwunden. Unser aller Heiland Christus schenkt seinen Kirchen den Frieden. Zu diesem Ende hatten uns die gottesfürchtigsten und gottgeliebtesten Kaiser auch berufen, treffliche Eiferer für die ererbte Gottesfurcht, die da in ihrem eigenen Herzen den rechten Glauben fest und unerschüttert bewahren und in ausgezeichneter Weise für die heiligen Kirchen Sorge tragen, um immerwährenden Ruhm zu ernten und ihre Regierung mit Glorie zu umkleiden. Der Herr der Mächte teilt denn auch mit reicher Hand seine Güter an sie aus und verleiht ihnen Gewalt über ihre Widersacher und den Sieg über ihre Feinde. Denn er lügt nicht, wenn er sagt: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, die, die mich verherrlichen, werde ich verherrlichen."3

Es hat uns also mit herzlicher Freude erfüllt, daß mein Herr, der gottesfürchtigste Bruder und Kollege Paulus,4 nach Alexandrien kam, um so mehr, als ein solcher Mann die Vermittlung übernahm und über seine Kräfte gehenden Mühen sich unterziehen wollte, um den Neid des Teufels zu besiegen und das Auseinandergerissene zusammenzuknüpfen und durch Beseitigung der dazwischengeworfenen Ärgernisse die Kirchen bei Euch und die Kirchen bei uns mit Eintracht und Frieden zu schmücken. Auf welche Weise die Spaltung eingerissen war, braucht nicht dargelegt zu werden. Ich halte es vielmehr für angebracht, zu sinnen und zu sagen, was zu der Zeit des Friedens paßt. Wir waren also hoch erfreut über die Ankunft des erwähnten gottesfürchtigsten Mannes, welcher vielleicht befürchtet hatte, es werde keine kleinen Kämpfe kosten, um uns zu überzeugen, daß die Kirchen zum Frieden verbunden und das Gelächter der Andersgläubigen zum Schweigen gebracht und überdies der Zwietrachtsstachel des Teufels abgestumpft werden müsse. Er fand uns jedoch so sehr bereit dazu, daß er sich auch nicht die geringste Mühe zu geben brauchte. Wir waren eingedenk des Wortes des Heilandes: „Meinen Frieden gebe ich euch, meinen Frieden hinterlasse ich euch;"5 auch sind wir gelehrt worden, in unsern Gebeten zu sprechen: „Herr, unser Gott, gib Frieden, denn [damit] hast du uns alles gegeben",6 so daß also jemand, der an dem Frieden teilhat, den Gott verleiht, keines weitern Gutes mehr bedarf.

Daß aber die Spaltung der Kirchen durchaus gegenstandslos geworden und nicht mehr am Platze ist, davon haben wir uns jetzt voll und ganz überzeugen können, da mein Herr, der gottesfürchtigste Bischof Paulus, uns ein Papier mit einem tadellosen Glaubensbekenntnisse überreichte und erklärte, dieses Bekenntnis sei von Deiner Frömmigkeit und den dortigen gottesfürchtigsten Bischöfen verfaßt worden. Es lautet wie folgt und sei wörtlich in diesen unsern Brief aufgenommen:

„Wie wir aber über die jungfräuliche Gottesgebärerin und über die Art und Weise der Menschwerdung des eingeborenen Sohnes Gottes denken und sprechen, wollen wir notgedrungen nicht in Weise eines Zusatzes, sondern in Form einer vollen Erklärung, so wie wir es von Anfang an aus den göttlichen Schriften und aus der Überlieferung der heiligen Väter überkommen haben, in Kürze darlegen, ohne dem Glaubensbekenntnisse der heiligen Väter zu Nizäa irgend etwas hinzuzufügen. Denn dieses genügt, wie wir sagten, um alle Gottesfurcht erkennen zu lassen und alle häretische Falschlehre auszuschließen. Indem wir aber unsern Glauben darlegen, wollen wir uns nicht an dem Unerreichbaren vergreifen, sondern unter Eingeständnis des eigenen Unvermögens und unter Absage an diejenigen, die sich überheben zu sollen glauben, auch von dem den Menschen Überragenden sprechen. Wir bekennen also, daß unser Herr Jesus Christus, der eingeborene Sohn Gottes, vollkommener Gott und vollkommener Mensch ist, aus einer vernünftigen Seele und einem Leibe bestehend, vor Ewigkeiten aus dem Vater gezeugt der Gottheit nach, am Ende der Tage aber um unsertwillen und um unseres Heiles willen auch geboren aus Maria der Jungfrau der Menschheit nach, wesensgleich mit dem Vater der Gottheit nach und wesensgleich mit uns der Menschheit nach. Es hat nämlich eine Einigung der zwei Naturen stattgefunden, und deshalb bekennen wir einen Christus, einen Sohn, einen Herrn. Dieser unvermischten Einigung zufolge bekennen wir, daß die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist, weil Gott das Wort Fleisch und Mensch geworden ist und schon von der Empfängnis an den aus ihr genommenen Tempel sich selbst geeint hat. Die evangelischen und apostolischen Worte über den Herrn werden, wissen wir, von den Gottesgelehrten insofern alle zusammengefaßt, als sie auf eine Person bezogen werden, insofern aber unterschieden, als sie von zwei Naturen verstanden werden, die gotteswürdigen von der Gottheit Christi, die niedrig lautenden von der Menschheit."

Beim Lesen dieser Eurer heiligen Worte konnten wir feststellen, daß wir ebenso wie Ihr denken — denn „es ist ein Herr, ein Glaube, eine Taufe"7 —, und wir haben Gott den Heiland aller gepriesen und uns gegenseitig beglückwünscht, daß die Kirchen bei uns sowohl wie die Kirchen bei Euch den mit den gotteingegebenen Schriften und der Überlieferung der heiligen Väter übereinstimmenden Glauben haben.

Weil ich jedoch erfahren habe, daß einige von den Leuten, die ihre Freude am Tadeln haben, nach Art wilder Wespen herumsummen und böse Reden gegen mich im Munde führen, wie wenn ich behauptete, der heilige Leib Christi sei vom Himmel herabgebracht und nicht aus der heiligen Jungfrau geboren worden, so habe ich geglaubt, darüber einige wenige Worte zu ihnen sprechen zu sollen. O ihr Unverständigen und nur des Verleumdens Kundigen, wie seid ihr nur zu dieser Meinung gekommen und auf eine solche Torheit verfallen? Ihr mußtet ja doch, ja ihr mußtet wohl wissen, daß sozusagen unser ganzer Kampf für den Glauben hinausgelaufen ist auf Verfechtung des Satzes: Die heilige Jungfrau ist Gottesgebärerin. Wollen wir aber behaupten, der heilige Leib Christi, des Heilandes unser aller, sei vom Himmel und nicht aus ihr geboren, wie könnte sie dann noch Gottesgebärerin sein? Wen hat sie denn überhaupt geboren, wenn es nicht wahr sein soll, daß sie den Emmanuel dem Fleische nach geboren hat? Diejenigen, die solche Märchen über mich verbreitet haben, sollen also dem Gelächter preisgegeben werden. Denn der selige Prophet Isaias lügt nicht, wenn er sagt: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen im Schoße und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen Emmanuel nennen, was in Übersetzung heißt: Mit uns ist Gott.“8 Und auch der heilige Gabriel spricht die Wahrheit, wenn er zu der seligen Jungfrau sagt: „Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott, und siehe, du wirst empfangen im Schoße und einen Sohn gebären und seinen Namen Jesus nennen, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden.“9

Wenn wir aber sagen, unser Herr Jesus Christus sei vom Himmel und von oben her, so wollen wir damit nicht behaupten, daß sein heiliges Fleisch von oben und vom Himmel her herabgebracht worden sei; vielmehr folgen wir dem göttlichen Paulus, der ausdrücklich erklärt hat: „Der erste Mensch ist von der Erde aus Staub gebildet, der zweite Mensch, der Herr, ist vom Himmel."10 Auch erinnern wir uns, daß der Heiland selbst sagt: „Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen, der Menschensohn."11 Gleichwohl ist er dem Fleische nach, wie ich soeben sagte, aus der heiligen Jungfrau geboren worden. Der von oben und vom Himmel her niedergestiegene Gott das Wort hat eben sich selbst entäußert, indem er Knechtsgestalt annahm, und hat Menschensohn geheißen, wobei er jedoch blieb, was er war, das heißt Gott — denn er ist der Natur nach unwandelbar und unveränderlich—; und da er nunmehr mitsamt seinem Fleische als Einer gedacht wird, so heißt es, er selbst sei vom Himmel herabgekommen, und so ist er auch der Mensch vom Himmel genannt worden, vollkommen in der Gottheit und zugleich vollkommen in der Menschheit, und in einer Person gedacht. Denn Einer ist der Herr Jesus Christus, ohne daß der Unterschied der Naturen verkannt werden soll, welche in unaussprechlicher Einigung miteinander verbunden sind.

Denen aber, die behaupten, es habe eine Vermischung oder Vermengung oder Verschmelzung Gottes des Wortes mit dem Fleische stattgefunden, wolle Deine Frömmigkeit den Mund stopfen. Es liegt nämlich nahe, anzunehmen, daß einige auch dies über mich ausstreuen, als ob ich so gedacht oder gesprochen hätte. Ich aber bin so weit entfernt, an so etwas gedacht zu haben, daß ich es für eine Tollheit halte, überhaupt zu glauben, es könne auf die göttliche Natur des Wortes auch nur „der Schatten eines Wechsels"12 fallen. Denn sie bleibt immer, was sie ist, und verändert sich nicht und wird sich auch niemals verändern und ist keiner Verwandlung fähig. Überdies bekennen wir alle, daß das Wort Gottes leidenslos ist, obwohl wir sehen, daß der allweise Veranstalter des Geheimnisses die Leiden, die seinem Fleische widerfahren sind, sich selbst zuschreibt. Deshalb sagt auch der allweise Petrus: „Da Christus für uns gelitten hat im Fleische“,13 und nicht in der Natur der unaussprechlichen Gottheit. Um sich aber als den Heiland aller zu erweisen, legt er, wie gesagt, der Menschwerdung zufolge die Leiden seines Fleisches sich selbst bei. So in dem Worte, welches als sein Wort durch die Stimme des Propheten vorausverkündet worden ist: „Ich habe meinen Rücken zu Geißelhieben hergegeben und meine Wangen zu Backenstreichen und habe mein Antlitz nicht abgewandt von der Schmach der Anspeiungen."14

Daß wir aber allenthalben den Lehren der heiligen Väter folgen, insbesondere unseres seligen und berühmten Vaters Athanasius, ohne auch nur im geringsten von ihnen abzuweichen, darf Deine Frömmigkeit glauben und darf kein anderer bezweifeln. Ich würde viele Zeugnisse der heiligen Väter beigefügt haben, um durch dieselben meine Worte zu beglaubigen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, daß die Länge des Briefes vielleicht Überdruß erregen könnte. Wir dulden auch nicht, daß in irgendeiner Weise von einigen der festgesetzte Glaube erschüttert werde oder das Glaubensbekenntnis, welches unsere heiligen Väter aufgestellt haben, die seinerzeit zu Nizäa zusammengetreten sind; weder uns selbst noch andern gestatten wir, ein Wort daran zu ändern oder eine Silbe davon auszulassen, eingedenk dessen, der sagt: „Verrücke nicht die ewigen Grenzen, die deine Väter gesetzt haben!"15 Denn nicht sie waren es, die da sprachen, sondern der Geist Gottes und des Vaters, welcher von ihm ausgeht, aber auch dem Sohne nicht fremd ist, gemäß der Einheit des Wesens. Das beglaubigen uns die Worte der heiligen Lehrmeister. In der Apostelgeschichte steht geschrieben: „Da sie aber nach Mysien gekommen waren, versuchten sie nach Bithynien zu gehen, aber der Geist Jesu ließ sie nicht.“16 Und der göttliche Paulus schreibt: „Diejenigen aber, welche im Fleische sind, können Gott nicht Wohlgefallen. Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern im Geiste, wenn anders der Geist Gottes in euch wohnt; wenn aber jemand den Geist Christi nicht hat, der ist nicht sein.“17

Wenn aber einige von denen, die gewohnt sind, das Rechte zu verkehren, meine Worte nach ihrem Gutdünken abändern, so möge Deine Frömmigkeit sich darüber nicht wundern, da sie weiß, daß alle Häretiker aus der gotteingegebenen Schrift Vorwände für ihren Irrtum zusammensuchen, indem sie das durch den Heiligen Geist recht Gesagte nach ihren falschen Meinungen verdrehen und die unauslöschliche Flamme auf ihr Haupt laden.

Da wir aber gehört haben, daß gewisse Leute auch den Brief unseres berühmten Vaters Athanasius an den seligen Epiktet,18 der rechtgläubig gehalten ist, gefälscht und in entstellter Form herausgegeben haben, wodurch dann viele geschädigt wurden, so glaubten wir deshalb ein für die Brüder nützliches und notwendiges Werk zu tun, wenn wir von alten Exemplaren, die bei uns aufbewahrt werden und frei von Fehlern sind, eine Abschrift nahmen und Deiner Frömmigkeit zusandten.

1: Ps. 95, 11.
2: Eph. 2, 14.
3: 1 Kön. 2, 30.
4: Der greise Bischof Paulus von Emesa.
5: Joh. 14, 27.
6: Is. 26, 12.
7: Eph. 4, 5.
8: Is, 7, 14; Matth. 1, 23.
9: Luk. 1, 30 f.; Matth. 1, 21.
10: 1 Kor. 15, 47.
11: Joh. 3, 13.
12: Jak. 1, 17.
13: 1 Petr. 4, 1.
14: Is. 50, 6.
15: Sprichw. 22, 28.
16: Apg. 16, 7.
17: Röm. 8, 8 f.
18: Es ist der von jeher vielgenannte Brief des hl. Athanasius an Bischof Epiktet von Korinth über das Dogma von der Menschwerdung [Migne, PP. Gr. 26, 1049—1070].

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Allgemeine Einleitung
Bilder Vorlage

Navigation
. . I. Der zweite Brief ...
. . II. Der dritte Brief ...
. . III. Der Friedensbrief ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger