Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Cyrillus von Alexandrien († 444) - Drei ökumenische Briefe

II. Der dritte Brief an Nestorius

Gleichzeitig mit dem vorstehenden zweiten ist auch der dritte Brief an Nestorius oder das Alexandrinische Synodalschreiben, etwa aus dem November 430, zu Ephesus 431, zu Chalzedon 451 und wiederum zu Konstantinopel 553 von den Konzilsvätern als getreuer Ausdruck ihrer eigenen Glaubensüberzeugung begrüßt und gutgeheißen worden. In der Gesamtausgabe als Ep. 17 bezeichnet [Migne 77, 105—122], ward dieser Brief von neuem herausgegeben durch Pusey a. a. O. 12—39 [hier ist dem griechischen Texte die lateinische Übersetzung des Marius Mercator beigefügt], sowie durch Schwartz a. a. O. I 1, pars 1, 33—42.

*

Ihrem frömmsten und gottgeliebtesten Amtsbruder Nestorius sagen Cyrillus und die aus der ägyptischen Provinz zu Alexandrien zusammengetretene Synode Gruß im Herrn.

Wenn unser Heiland mit Nachdruck erklärt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert",1 wie soll es uns ergehen, falls wir, wie Deine Frömmigkeit verlangt, Dich mehr lieben als Christus, den Heiland unser aller? Wer wird uns am Tage des Gerichtes helfen können? Oder wie werden wir es rechtfertigen wollen, daß wir zu den Lästerungen, die Du gegen ihn ausgestoßen hast, uns so lange schweigend verhalten haben? Würdest Du durch solches Denken und Lehren nur Dir allein schaden, so würde unser Kummer noch geringer sein; da Du aber der ganzen Kirche Ärgernis gegeben und den Völkern den Sauerteig einer neuen und fremdartigen Häresie eingeflößt hast, nicht nur den dortigen Christen, sondern den Christen aller Orte — denn Deine Schriften über diese Dinge sind überall verbreitet worden —, wie sollte unser Schweigen noch zu entschuldigen sein? Oder wie sollten wir nicht gezwungen sein, des Wortes Christi zu gedenken: „Glaubet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert; denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter."2 Denn wo der Glaube Schaden leidet, soll die Ehrfurcht vor den Eltern als unangebracht und gefährlich weichen, auch das Gesetz der Liebe zu Kindern und Geschwistern zurücktreten und schließlich für die Frommen der Tod den Vorzug verdienen vor dem Leben, „damit sie einer besseren Auferstehung teilhaftig werden", wie geschrieben steht.3

Siehe nun, im Verein mit der heiligen Synode, welche in dem großen Rom versammelt war, unter dem Vorsitz unseres frömmsten und gottesfürchtigsten Bruders und Kollegen, des Bischofs Cälestinus, beschwören wir Dich mit diesem Schreiben zum dritten Male und raten Dir, von den so schlechten und verkehrten Ansichten, die Du hegst und vorträgst, Dich loszusagen und an ihrer Statt den rechten Glauben anzunehmen, der von Anfang an den Kirchen überliefert worden ist durch die heiligen Apostel und Evangelisten, „die auch Augenzeugen und Diener des Wortes geworden sind".4 Sollte aber Deine Frömmigkeit dies nicht tun, innerhalb der in dem Schreiben des genannten frömmsten und gottesfürchtigsten Bischofs und Amtsbruders zu Rom, Cälestinus, festgesetzten Frist, so wisse, daß Du keinen Teil mit uns hast und unter den Priestern Gottes und Bischöfen weder Sitz noch Stimme hast. Denn wir können unmöglich zulassen, daß die Kirchen so in Verwirrung gebracht und den Völkern Ärgernis gegeben und der rechte Glaube abgeschafft und jene Herden von Dir zerstreut werden, die Du hättest retten sollen, wenn Du wie wir ein Liebhaber des rechten Glaubens gewesen wärest, Dich anschließend an die Gottesfurcht der heiligen Väter. Und mit allen, die um des Glaubens willen von Deiner Frömmigkeit ausgeschlossen oder abgesetzt worden sind, Laien wie Klerikern, halten wir Gemeinschaft. Denn es wäre nicht recht, wenn sie, die an dem wahren Glauben festgehalten haben, unter Deinem Urteil zu leiden hätten, weil sie Dir mit vollem Rechte entgegengetreten sind. Du hast ja selbst davon gesprochen in Deinem Briefe an den heiligsten Bischof des großen Rom, unsern Amtsbruder Cälestinus.

Es kann jedoch nicht genügen, daß Deine Frömmigkeit nur dem Glaubensbekenntnisse zustimmt, welches seinerzeit im Heiligen Geiste von dem heiligen und großen Konzil aufgestellt wurde, das zu Nizäa versammelt gewesen ist. Denn dieses Bekenntnis hast Du nicht richtig, sondern falsch verstanden und ausgelegt, wenn Du auch äußerlich den Wortlaut anerkanntest. Du mußt deshalb vielmehr schriftlich und eidlich bekennen, daß Du Deine verruchten und gottlosen Lehren anathematisierst und so denken und lehren willst wie wir alle, die wir im Abend- und im Morgenlande Bischöfe und Lehrer und Führer des Volkes sind. Denn die heilige Synode zu Rom sowohl wie wir alle sind darin übereingekommen, daß die von der alexandrinischen Kirche an Deine Frömmigkeit gerichteten Briefe untadelig den rechten Glauben wiedergeben. Wir haben aber diesem unserm Schreiben beigefügt, wie Du denken und lehren sollst und wovon Du Dich lossagen mußt.

Das nämlich ist der Glaube der katholischen und apostolischen Kirche, in den wir orthodoxen Bischöfe des Abend- und des Morgenlandes insgesamt einstimmen:5 „Wir glauben an einen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, und an einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, als Eingeborener gezeugt aus dem Vater, das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht gemacht, wesenseins mit dem Vater, durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist, der um uns Menschen und um unseres Heiles willen herabgestiegen und Fleisch und Mensch geworden ist, gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist, aufgefahren zu den Himmeln und kommend zu richten die Lebenden und die Toten, und an den Heiligen Geist. Diejenigen aber, die da sagen, es habe eine Zeit gegeben, da der Sohn Gottes nicht war, und er sei nicht gewesen, bevor er gezeugt wurde, und er sei aus Nichts geworden oder aus einer andern Substanz oder Wesenheit, oder er sei wandelbar oder veränderlich, diese anathematisiert die katholische und apostolische Kirche."

Allenthalben nun den auf Eingebung des Heiligen Geistes zurückgehenden Bekenntnissen der heiligen Vater folgend und ihren Gedankengängen uns anschließend und so gleichsam auf königlichem Pfade wandelnd, behaupten wir, daß eben das eingeborene Wort Gottes, der aus dem Wesen des Vaters selbst gezeugte Sohn, wahrer Gott vom wahren Gott, Licht vom Lichte, der, durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist, um unseres Heiles wegen herabgestiegen ist, sich selbst entäußert hat, Fleisch und Mensch geworden ist, das heißt aus der heiligen Jungfrau Fleisch angenommen und aus dem Mutterschoße sich zu eigen gemacht hat, und so wie wir geboren worden und als Mensch aus dem Weibe hervorgegangen ist. Er hat aber nicht aufgehört zu sein, was er war, sondern ist auch bei der Annahme von Fleisch und Blut geblieben, was er war, nämlich von Natur aus und in Wahrheit Gott. Auch ist, behaupten wir, nicht das Fleisch in die Natur der Gottheit verwandelt noch auch die unaussprechliche Natur Gottes des Wortes in die Natur des Fleisches umgeändert worden; denn er ist unwandelbar und unveränderlich und bleibt immer durchaus derselbe nach den Schriften. Aussehend wie ein kleines Kind und in Windeln gewickelt und noch am Busen der jungfräulichen Gebärerin ruhend, erfüllte er zu gleicher Zeit als Gott die ganze Schöpfung und war der Throngenosse seines Erzeugers; denn die göttliche Natur kennt keine Ausdehnung und kein Größenmaß und läßt keinerlei Umgrenzung zu.

Indem wir nun aber bekennen, daß das Wort der Person nach dem Fleische geeint ist, beten wir einen Sohn und Herrn Jesus Christus an, indem wir nicht einen Menschen und Gott nebeneinander stellen und voneinander scheiden, wie wenn sie nur durch Einheit der Würde und Hoheit miteinander verbunden wären — denn das ist leeres Gerede und nichts weiter —, auch nicht das Gott entstammte Wort für sich als Christus und in gleicher Weise den aus dem Weibe Geborenen für sich als einen andern Christus bezeichnen. Wir wissen vielmehr, daß es nur einen einzigen Christus gibt, das aus Gott und dem Vater entstammte Wort mitsamt seinem Fleische. Damals ist er ja auch nach Menschenart im Verein mit uns gesalbt worden, obwohl er selbst den Geist denen gibt, die würdig sind, ihn zu empfangen, und zwar „nicht nach Maß", wie der selige Evangelist Johannes sagt. 6 Wir behaupten auch nicht, daß das Gott enstammte Wort in dem aus der heiligen Jungfrau Geborenen wie in einem gewöhnlichen Menschen gewohnt habe, weil wir Christus nicht als einen gottgetragenen Menschen darstellen wollen. Denn wenngleich das Wort „unter uns gewohnt hat“, 7 so wird doch auch gesagt, daß in Christus „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt".8 Wenn er also Wohnung nahm, da er Fleisch wurde, so verstehen wir das Wohnen nicht in dem Sinne, in welchem es heißt, daß Gott in den Heiligen wohnt, sondern, der Natur nach mit dem Fleische geeint, aber nicht in Fleisch verwandelt, wohnte er in dem Fleische so, wie man sagen kann, daß auch die Seele des Menschen in ihrem eigenen Leibe wohnt.

Es ist also ein Christus und Sohn und Herr, nicht als ob ein Mensch nur zur Einheit der Würde oder Hoheit mit Gott verbunden wäre. Denn die Gleichheit der Ehren eint noch nicht die Naturen. Sind doch auch Petrus und Johannes einander gleich an Ehren, insofern beide Apostel und heilige Jünger sind, aber sie sind zwei und nicht einer. Auch nicht im Sinne einer Nebeneinanderstellung können wir die Verbindung gelten lassen, denn das genügt gleichfalls nicht zur Einigung der Naturen, und auch nicht im Sinne eines engen Anschlusses, wie auch wir dem Herrn anhangen und dadurch nach dem Schriftworte „ein Geist“ mit ihm sind. 9 Wir lehnen vielmehr das Wort „Verbindung" [συνάφεια] ab, weil es die Einigung [τὴν ἕνωσιν] nicht genugsam zum Ausdruck bringt.

Wir nennen auch das Gott dem Vater entstammte Wort nicht Gott oder Herrscher Christi, um nicht wiederum offenkundig den einen Christus und Sohn und Herrn in Zwei zu zerteilen und der Anklage der Lästerung zu verfallen, indem wir ihn zum Gott und Herrscher seiner selbst machen. Denn das, wie wir vorhin schon sagten, der Person nach dem Fleische geeinte Wort ist Gott des Weltalls und herrscht über einen jeden; es ist aber weder Knecht seiner selbst noch Herrscher seiner selbst. Es wäre ja einfältig und überdies auch gottlos, so zu denken oder zu sprechen. Zwar hat er den Vater seinen Gott genannt,10 obwohl er selbst von Natur aus Gott und aus dem Wesen des Vaters entsprungen ist. Allein wir wissen, daß er, wenngleich Gott, doch auch ein der Hoheit Gottes unterstehender Mensch geworden ist, gemäß dem der Natur der Menschheit entsprechenden Gesetze. Wie aber könnte er sein eigener Gott oder Herrscher sein? Er hat also als Mensch gesprochen; und wie es dem Stande der Entäußerung angemessen war, hat er sich im Verein mit uns unter Gott gestellt. So ist er auch „unter dem Gesetze geworden",11 wiewohl er als Gott das Gesetz erlassen hat und selbst Gesetzgeber ist.

Wir verurteilen es aber, von Christus zu sagen: „Um des Trägers willen verehre ich den Getragenen, um des Unsichtbaren willen bete ich den Sichtbaren an"; gleichwie es auch verabscheuungswürdig ist, zu sagen: „Der Angenommene heißt zusammen mit dem Annehmenden Gott".12 Denn wer so spricht, nimmt wieder eine Scheidung in zwei Christus vor, indem er den Menschen für sich allein und ebenso Gott für sich allein hinstellt. Er leugnet ja offenbar die Einigung, gemäß welcher nicht ein anderer mit einem andern zusammen angebetet oder zusammen Gott geheißen wird; Christus Jesus ist vielmehr Einer, der eingeborene Sohn, und mitsamt seinem Fleische wird er durch eine Anbetung geehrt.

Wir bekennen aber, daß eben der aus Gott dem Vater gezeugte eingeborene Sohn und Gott, wiewohl der eigenen Natur nach leidensunfähig, im Fleische für uns gelitten hat nach den Schriften. Leidenslos hat er in dem gekreuzigten Leibe die Leiden seines Fleisches sich zu eigen gemacht und „durch die Gnade Gottes für einen jeden den Tod gekostet",13 indem er ihm seinen Leib dahingab, obwohl er der Natur nach Leben und selbst die Auferstehung ist. Weil er nämlich in unaussprechlicher Macht den Tod mit Füßen trat, um zuerst im eigenen Fleische „der Erstgeborene aus den Toten"14 und „der Erstling der Entschlafenen"15 zu werden und sodann der Natur des Menschen den Aufstieg zur Unvergänglichkeit zu bahnen, hat er, wie wir soeben sagten, „durch die Gnade Gottes für einen jeden den Tod gekostet". Am dritten Tage aber ist er wieder aufgelebt, nachdem er die Unterwelt geplündert hatte. Wenn es also heißt, daß „die Auferstehung der Toten durch einen Menschen erfolgt ist, 16 so verstehen wir unter dem Menschen das aus Gott entsprungene Wort und glauben, daß dieses die Gewalt des Todes gebrochen hat. Er wird aber seiner Zeit kommen als der eine Sohn und Herr in der Herrlichkeit des Vaters, „um den Erdkreis zu richten mit Gerechtigkeit", wie geschrieben steht. 17

Wir können jedoch nicht umhin, auch folgendes beizufügen. Wenn wir den Tod des eingeborenen Sohnes Gottes, das heißt Jesu Christi, dem Fleische nach verkünden und das Wiederaufleben von den Toten und die Aufnahme in die Himmel bekennen, so bringen wir in den Kirchen das unblutige Opfer dar, und dann treten wir zu den geheimnisvollen Opfergaben hinzu und werden geheiligt, indem wir teilhaft werden des heiligen Fleisches und des kostbaren Blutes Christi, des Heilandes unser aller. Dieses Fleisch nun nehmen wir nicht als gewöhnliches Fleisch entgegen — das sei fern —, auch nicht als das Fleisch eines geheiligten und mit dem Worte durch Einheit der Würde verbundenen oder auch der Einwohnung Gottes gewürdigten Mannes, sondern als das wahrhaft lebenspendende und eigene Fleisch des Wortes. Denn weil das Wort als Gott seiner Natur nach Leben ist, so hat es, da es sich seinem Fleische einte auch diesem Fleische lebenspendende Kraft verliehen. Wenngleich er daher auch zu uns spricht: „Wahrlich wahrlich, wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes eßt und sein Blut trinkt",18 so betrachten wir dieses Fleisch doch nicht als das Fleisch eines Menschen, wie wir es sind — denn wie sollte das Fleisch eines Menschen seiner eigenen Natur nach lebenspendend sein? —, sondern als das wahrhaft dem zu eigen gewordene Fleisch, der um unsertwillen Menschensohn geworden ist und geheißen hat.

Die Worte unseres Heilandes aber, welche in den Evangelien mitgeteilt werden, verteilen wir nicht an zwei Hypostasen oder Personen; denn der eine und einzige Christus ist nicht zwiespältig, wiewohl er aus zwei, und zwar verschiedenen Wesenheiten besteht, die aber zu einer unteilbaren Einheit verbunden sind, wie etwa auch der Mensch aus Seele und Leib besteht, aber doch nicht zwiespältig, sondern Einer aus den beiden Teilen ist. Vielmehr lassen wir, dem rechten Glauben gemäß, die menschlichen sowohl als auch die göttlichen Worte von Einem gesprochen sein. Denn wenn er als Gott von sich selbst sagt: „Wer mich gesehen, hat den Vater gesehen",19 und „Ich und der Vater sind Eins“, 20 so verstehen wir dies von der göttlichen und unaussprechlichen Natur, in welcher er wegen der Identität des Wesens mit seinem Vater Eins ist und „Gleichnis und Ebenbild und Abglanz seiner Herrlichkeit“. 21 Und wenn er, den Stand der Menschheit nicht verschmähend, zu den Juden spricht: „Nun aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe",22 so nehmen wir desungeachtet wiederum an, daß ebenderselbe, dem Vater ähnliche und gleiche Gott das Wort hier vom Stande seiner Menschheit aus spricht. Müssen wir notwendig glauben, daß er, da er von Natur aus Gott war, Fleisch geworden ist oder mit vernünftiger Seele beseelter Mensch, weshalb glaubt jemand über seine Worte erröten zu müssen, wenn sie menschlich klingen? Soll er alle einem Menschen angemessenen Reden meiden, wer hat ihn denn genötigt, Mensch wie wir zu werden? Hat er aber um unsertwillen sich zu freiwilliger Entäußerung herabgelassen, warum soll er die der Entäußerung entsprechenden Reden meiden? Es sind also sämtliche in den Evangelien mitgeteilten Worte einer Person zuzuschreiben, der einen fleischgewordenen Hypostase des Wortes. Denn es ist ein Herr Jesus Christus nach den Schriften.

Wenn er aber auch „Apostel und Hoherpriester unseres Bekenntnisses" genannt wird,23 insofern er Gott und dem Vater das Glaubensbekenntnis darbringt, welches wir ihm und durch ihn Gott und dem Vater und auch dem Heiligen Geiste weihen, so ist wiederum, behaupten wir, von dem der Natur nach Gott entstammten eingeborenen Sohne die Rede. Ihm und nicht etwa einem andern, von ihm verschiedenen Menschen weisen wir den Namen des Priesters zu, den Namen und auch die Sache. Denn er ist „der Mittler zwischen Gott und den Menschen"24 geworden und der Friedensstifter, indem er sich selbst Gott und dem Vater zum Wohlgeruche darbrachte. Deshalb sagte er auch: „Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet. Da sprach ich: Siehe, ich komme, in der Buchrolle ist über mich geschrieben, zu vollziehen, o Gott, deinen Willen."25 Für uns hat er seinen Leib zum Wohlgeruche dargebracht und nicht für sich selbst. Oder welches Speise- oder Schlachtopfers hätte er für sich selbst bedürfen sollen, da er als Gott über jede Sünde erhaben ist? Wenn aber wir „alle gesündigt haben und der Gottesherrlichkeit ermangeln",26 weil wir der Neigung zum Bösen verfallen sind und die Natur des Menschen an Sündhaftigkeit krankt, er jedoch nicht so, und wir deshalb seiner Herrlichkeit entbehren, wie kann es da noch zweifelhaft sein, daß er als das wahre Opferlamm um unsertwillen und für uns geschlachtet worden ist? Wollten wir sagen, er habe für sich und für uns sich selbst dargebracht, so würden wir der Anklage der Gottlosigkeit nimmermehr entrinnen können. Denn weil er sich in keiner Weise verfehlt und keine Sünde getan hat, wie sollte er einer Opfergabe bedurft haben, da keine Sünde vorlag, derentwegen ein Opfer am Platze sein konnte?

Wenn er aber von dem Geiste sagt: „Er wird mich verherrlichen",27 so behaupten wir vom Standpunkte des rechten Glaubens aus, daß der eine Christus und Sohn nicht so von dem Heiligen Geiste verherrlicht worden ist, wie wenn er der Verherrlichung von Seiten eines andern bedürftig gewesen wäre, da sein Geist nicht erhabener ist und nicht höher steht als er selbst. Weil er jedoch behufs Erweises seiner Gottheit des eigenen Geistes sich bediente zum Wunderwirken, so erklärt er, von diesem Geiste verherrlicht worden zu sein, wie einer aus uns von der ihm gerade innewohnenden Kraft oder Wissenschaft zu irgendwelcher Leistung sagen könnte: sie werden mich verherrlichen. Wenngleich nämlich der Geist eine eigene Person ist und demnach auch für sich betrachtet wird, weil er Geist ist und nicht Sohn, so ist er deshalb doch dem Sohne nicht fremd. Er ist ja „der Geist der Wahrheit" genannt worden,28 und Christus ist „die Wahrheit",29 und er geht aus von Christus, wie er auch von Gott und dem Vater ausgeht. Daher hat der Geist auch durch die Hand der heiligen Apostel die Wunder gewirkt, nachdem unser.Herr Jesus Christus in den Himmel aufgefahren war, und hat ihn verherrlicht Er ward nämlich dadurch beglaubigt als derjenige, der der Natur nach Gott ist und sich jetzt wieder wirksam zeigte durch seinen Geist. Deshalb sagte er auch: „Von dem Meinigen wird er nehmen und es euch verkünden."30 Wir behaupten damit keineswegs, daß der Geist nur durch Teilnahme weise und mächtig sei. Er ist vielmehr schlechthin vollkommen und bedarf keines Gutes mehr; und da er der Geist der Macht und Weisheit des Vaters, das heißt der Geist des Sohnes ist, so ist er ganz und gar Weisheit und Macht.

Da aber die heilige Jungfrau den der Person nach mit dem Fleische geeinten Gott fleischlich geboren hat, so behaupten wir, daß sie deshalb auch Gottesgebärerin ist. Nicht wie wenn die Natur des Wortes vom Fleische her ihren Ursprung genommen hätte; denn „das Wort war im Anfang, und Gott war das Wort, und das Wort war bei Gott",31 und er ist der Schöpfer der Welten, gleichewig mit dem Vater, und der Bildner des Alls. Aber, wie wir schon sagten, da er die menschliche Natur der Person nach sich selbst einte, so hat er sich auch der fleischlichen Geburt aus dem Mutterschoße unterzogen. Nicht als ob er notwendig oder der eigenen Natur wegen auch der Geburt in der Zeit und in den letzten Weltzeiten bedurft hätte, sondern um auch den Anfang unseres Seins zu segnen. Dadurch nämlich, daß das Weib den mit dem Fleische geeinten Gott gebar, sollte der gegen das ganze Geschlecht gerichtete Fluch, welcher unsere irdischen Leiber dem Tode überantwortete, ein Ende nehmen, sollte das Urteil: „In Schmerzen wirst du Kinder gebären"32 durch ihn aufgehoben und das Wort des Propheten wahrgemacht werden: „Verschlungen hat der Tod [alles], da er zur Macht gelangt, aber Gott wischt wieder ab alle Träne von jedem Antlitz."33 Aus diesem Grunde, behaupten wir, hat er in Verfolg der Heilsveranstaltung auch die Ehe gesegnet und zusammen mit den heiligen Aposteln der Einladung nach Kana in Galiläa Folge gegeben.

So zu denken sind wir gelehrt worden von den heiligen Aposteln und Evangelisten und der ganzen gott-eingegebenen Schrift sowie auch durch das wahre Bekenntnis der seligen Väter. Dies alles muß auch Deine Gottesfurcht gutheißen und ohne jeden Trug annehmen. Was aber Deine Gottesfurcht zu anathematisieren hat, haben wir diesem unserm Briefe angeschlossen.

1. Wenn jemand nicht bekennt, daß der Emmanuel in Wahrheit Gott ist und die heilige Jungfrau deshalb Got-tesgebärerin ist, weil sie das fleischgewordene aus Gott entstammte Wort fleischlich geboren hat, so sei er im Banne.

2. Wenn jemand nicht bekennt, daß das aus Gott dem Vater entstammte Wort der Person nach dem Fleische geeint worden und daß Christus mitsamt seinem Fleische Einer ist, nämlich Gott und Mensch in derselben Person, so sei er im Banne.

3. Wenn jemand bei dem einen Christus nach erfolgter Einigung die Personen zerreißt, indem er sie nur durch Einheit der Würde oder Hoheit oder Macht verbunden sein läßt, und nicht vielmehr durch den Zusammenschluß der Naturen vermöge der Einigung, so sei er im Banne.

4. Wenn jemand die Worte, die in den evangelischen und apostolischen Schriften entweder von den Heiligen über Christus oder von ihm selbst über sich ausgesagt werden, auf zwei Personen oder Hypostasen verteilt, indem er die einen einem neben dem Gott entstammten Worte für sich bestehenden Menschen, die andern als gotteswürdig dem aus Gott dem Vater entstammten Worte allein zuschreibt, so sei er im Banne.

5. Wenn jemand zu behaupten wagt, Christus sei ein gottgetragener Mensch und nicht vielmehr in Wahrheit Gott als einziger und natürlicher Sohn, da das Wort Fleisch geworden ist und in gleicher Weise wie wir an Blut und Fleisch teilgenommen hat, so sei er im Banne.

6. Wenn jemand behauptet, das aus Gott dem Vater entstammte Wort sei Gott oder Herrscher Christi, und nicht vielmehr bekennt, daß Christus in derselben Person Gott und Mensch zugleich ist, weil das Wort Fleisch geworden ist nach den Schriften, so sei er im Banne.

7. Wenn jemand sagt, Jesus sei als Mensch von Gott dem Worte zu seinem Wirken befähigt worden und die Glorie des Eingeborenen sei ihm als einem andern neben dem Eingeborenen Stehenden verliehen worden, so sei er im Banne.

8. Wenn jemand zu behaupten wagt, der angenommene Mensch müsse mit Gott dem Worte zusammen angebetet und zusammen verherrlicht und zusammen Gott geheißen werden, wie ein anderer mit einem andern — denn das stets hinzugefügte Wort „zusammen" zwingt so zu denken —, und nicht vielmehr mit einer Anbetung den Emmanuel ehrt und mit einer Lobpreisung ihn verherrlicht, da das Wort Fleisch geworden ist, so sei er im Banne.

9. Wenn jemand sagt, der eine Herr Jesus Christus sei von dem Geiste in der Weise verherrlicht worden, daß er sich seiner wie einer fremden Macht bedient hätte, und von dem Geiste sei er in den Stand gesetzt worden, gegen die unreinen Geister zu kämpfen und die Gotteszeichen unter den Menschen zu vollbringen, und nicht vielmehr bekennt, daß es sein eigener Geist war, kraft dessen er auch die Gotteszeichen gewirkt hat, so sei er im Banne.

10. Christus ist Hoherpriester und Apostel unseres Bekenntnisses geworden, sagt die göttliche Schrift, und er hat sich selbst für uns dargebracht zum Wohlgeruch für Gott und den Vater. Wenn also jemand sagt, nicht das aus Gott entstammte Wort sei unser Hoherpriester und Apostel geworden, da es Fleisch und Mensch wie wir ward, sondern ein anderer neben ihm für sich bestehender, aus dem Weibe geborener Mensch, oder wenn jemand behauptet, er habe sein Opfer auch für sich selbst dargebracht und nicht vielmehr allein für uns, da er doch keines Opfers bedurfte, weil er keine Sünde kannte, so sei er im Banne.

11. Wenn jemand nicht bekennt, daß das Fleisch des Herrn lebenspendend ist und das eigene Fleisch des aus Gott dem Vater entstammten Wortes, sondern sagt, es sei das Fleisch eines andern neben ihm, der der Würde nach mit ihm verbunden oder nur der Einwohnung Gottes gewürdigt gewesen sei, und nicht vielmehr, daß es lebenspendend ist, wie wir sagten, weil es das eigene Fleisch des Wortes geworden ist, welch letzteres alles lebendig zu machen vermag, so sei er im Banne.

12. Wenn jemand nicht bekennt, daß das Wort Gottes im Fleische gelitten hat und im Fleische gekreuzigt worden ist und im Fleische den Tod gekostet hat und der Erstgeborene aus den Toten geworden ist, da es als Gott Leben und lebenspendend ist, so sei er im Banne.

1: Matth. 10, 37.
2: Ebd. 10, 34 f.
3: Hebr. 11, 35.
4: Luk. l, 2.
5: Folgt das Nizänische Glaubensbekenntnis.
6: Joh. 3, 34.
7: Ebd. 1, 14.
8: Kol. 2, 9.
9: 1 Kor. 6, 17.
10: Joh. 20, 17.
11: Gal. 4, 4.
12: Diese beiden Zitate sind einer Predigt des Nestorius entnommen; siehe Fr. Loofs, Nestoriana, Halle a. S. 1905, 262.
13: Hebr. 2, 9.
14: Kol. 1, 18.
15: 1 Kor. 15, 20.
16: Ebd. 15, 21.
17: Apg, 17, 31.
18: Joh. 6, 53.
19: Ebd. 14, 9.
20: Ebd. 10, 30.
21: Hebr. 1, 3.
22: Joh. 8, 40.
23: Hebr. 3, 1.
24: 1 Tim. 2, 5.
25: Hebr. 10, 5—7.
26: Röm. 3, 23.
27: Joh. 16, 14.
28: Ebd. 14, 17; 16, 13.
29: Ebd. 14, 6.
30: Ebd. 16, 14.
31: Joh. 1, 1.
32: Gen. 3, 16.
33: Is. 25, 8 [LXX].

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Allgemeine Einleitung
Bilder Vorlage

Navigation
. . I. Der zweite Brief ...
. . II. Der dritte Brief ...
. . III. Der Friedensbrief ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger