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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Über Den Rechten Glauben an den Kaiser (De recta fide ad imperatorem)

10.

Wenn aber andere aus maßloser Unwissenheit sich zu der Meinung bekennen, das gottentstammte Wort habe die Geburt durch die heilige Jungfrau abgelehnt und unsere Natur verschmäht, sei vielmehr in das erdgeborene Fleisch verwandelt worden, so ist dies eine Mißbilligung der Menschwerdung und eine Herabsetzung der Ratschlüsse Gottes. Denn das allschöpferische und erbarmungsreiche Wort Gottes hat sich selbst entäußert,1indem es um unsertwillen Mensch ward, geboren aus dem Weibe,2damit es, „da die Kinder", das heißt wir, „an Blut und Fleisch teilhaben, auch selbst daran teilnähme, um durch den Tod den Machthaber des Todes, das heißt den Teufel, zunichte zu machen und diejenigen, die durch die Furcht vor dem Tode ihr ganzes Leben lang in Knechtschaft gehalten waren, zu befreien",3So sagt die Heilige Schrift. Sie aber warfen dem so schönen und herrlichen Entschlüsse [Gottes] Unschicklichkeit vor; und wie wenn sie imstande wären, Besseres zu ersinnen, weisen sie sogar die Ratschläge der Weisheit von sich. Denn wir dürften, sagen sie, die Wehen und die Geburt aus dem Weibe dem Eingeborenen nicht zuschreiben, müßten vielmehr glauben, daß die Natur des Wortes in diesen hinfälligen und erdgeborenen Leib umgestaltet worden sei, und erdichten damit eine Verwandlung dessen, der keine Verwandlung kennt. Denn die Natur Gottes ist fest verankert im Besitze ihrer Güter und beharrt in ihrem Zustande unerschütterlich. Die gewordene und in der Zeit zum Dasein gebrachte Natur kann eine Veränderung erleiden, und darin darf nichts Ungeziemendes und Unwahrscheinliches gefunden werden; denn was überhaupt erst angefangen hat, zu sein, trägt gleichsam den Keim der Veränderlichkeit schon von Haus aus in sich. Der allen Begriff übersteigende Gott aber, dessen Sein vom Entstehen und Vergehen ausgenommen und darüber erhaben ist, muß auch einer Verwandlung unzugänglich sein; wie er auf Grund seiner Natur alles das, was ins Dasein gerufen worden ist, übertrifft und überragt, und zwar in unvergleichlichem Abstände, so muß er auch wieder über alles, was den durch ihn gewordenen Dingen zustoßen kann, erhaben sein und nichts Schadenbringendes erfahren können. Die Gottheit also ist in ihren Gütern unantastbar, die Geschöpfe aber sind veränderlich und wandelbar und der Verderbnis ausgesetzt. In richtiger Erkenntnis und treffender Erwägung des Sachverhaltes rief der Prophet Jeremias zu Gott: „Du thronst immerfort, und wir vergehen immerfort“.4Es thront nämlich die Gottheit gleichsam auf ihrem Sitze immerdar, alles leitend und beherrschend und keinerlei Leiden unterworfen; wir aber, die wir eine so leicht wandelbare und stets zu Veränderung und Wechsel hinneigende Natur besitzen, wir vergehen immerfort, das heißt, wir sind zu jeder Zeit und in jedem Augenblick vergänglich und veränderlich. Es kann also die Gottheit nicht verwandelt und durch Leiden ihrer Beharrlichkeit beraubt werden; und die vergängliche und veränderliche, das heißt, die gewordene Natur kann nicht wesenhafte Unveränderlichkeit erlangen, das Geschöpf kann sich nicht die Güter der göttlichen Natur aneignen. Es würde mit Recht hören: „Was hast du denn, was du nicht empfangen hättest?"5Daß aber die Natur des Wortes schlechthin unwandelbar und unveränderlich, die gewordene Natur hingegen durchaus veränderlich ist, läßt sich sehr leicht ersehen, da David im Geiste singt: „Die Himmel werden vergehen, du aber bleibst; und alle werden altern wie ein Gewand, und wie ein Kleid wirst du sie drehen, und sie werden sich wechseln, du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht abnehmen."6Wie aber soll das aus Gott stammende Wort noch dasselbe geblieben sein, wenn es wahr wäre, daß es seine Beharrlichkeit und Unerschütterlichkeit abgelegt hätte und in das, was ihm fremd war, hinabgestiegen und in die Natur des Fleisches und ein vergängliches Geschöpf umgewandelt worden wäre? Ist das nicht leeres Geschwätz und Wahnwitz dazu?

1: Vgl. Phil. 2, 7.
2: Vgl. Gal. 4, 4.
3: Hebr. 2, 14 f.
4: Baruch 3, 3.
5: 1 Kor. 4, 7.
6: Ps. 101, 27 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger