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Gregor v. Nyssa (†394) - Lebensbeschreibung seiner Schwester Makrina (Vita Macrinae)
Unseres heiligen Vaters Gregor, Bischofs von Nyssa, Lebensbeschreibung der seligen Makrina, seiner Schwester, an den Mönch Olympius

17.

Wie sie mich nun zur Türe eintreten sah, richtete sie sich, auf den Ellenbogen gestützt, auf, konnte mir aber nicht entgegengehen, da das Fieber ihre Kraft schon gebrochen hatte. Sie stemmte sich aber mit ihren Händen gegen den Fußboden und streckte sich, so gut es ihr [S. 351] möglich war, von ihrem Lager auf bloßer Erde vorwärts, um mir dadurch die Ehre der Begrüßung zu ersetzen. Ich aber eilte herzu, ergriff1 ihr tiefgebeugtes Haupt mit meinen Händen von unten, richtete sie wieder auf und legte sie in die gewohnte Lage der Ruhe zurück. Sie aber streckte ihre Hände zu Gott empor und sprach: „Auch diese Gnade hast du, o Gott, mir erfüllt und hast mein Begehr nicht abgewiesen, daß du deinen Diener zum Besuche deiner Magd bewogen hast.“ Und um in meiner Seele kein schmerzliches Gefühl zu wecken, suchte sie das Stöhnen zu unterdrücken und zwang sich, ihren engen Atem möglichst zu verbergen. Und in allem suchte sie uns heiter zu stimmen, indem sie selber eine fröhliche Unterhaltung begann und auch durch ihre Fragen dazu veranlaßte. Als aber im Verlauf der Unterhaltung des großen Basilius gedacht wurde, ward mir die Seele niedergedrückt, mein Angesicht verfiel in Traurigkeit (und aus meinen Augen stürzten die Tränen)2; sie aber wurde so wenig durch unsern Schmerz zugleich niedergedrückt, daß sie vielmehr die Erwähnung des Heiligen zum Anlaß einer gar erhabenen Erörterung machte und sich darüber ausließ, indem sie über die menschliche Natur tiefsinnig redete und zugleich in ihrer Rede darlegte, wie die göttliche Vorsehung in den Trübsalen verborgen wirke, und indem sie die Dinge des kommenden Lebens, wie vom Heiligen Geist getragen, erläuterte, daß es mir beinahe schien, als ob meine Seele außerhalb der menschlichen Natur weilte, indem sie durch ihre Worte zugleich mithinaufgehoben und unter der Führung ihrer Rede in die heiligen Räume des Himmels versetzt wurde3. Und wie wir in der Geschichte Jobs lesen, daß er, obwohl sein ganzer Leib ob der eiternden Wunden unter den Geschwüren dahinsiechte, in seinem Sinnen nicht darauf achtete, sondern wohl am Leibe den Schmerz spürte, aber deshalb in seiner eigenen [S. 352] Betätigung nicht nachließ, noch seine in höheren Ideen sich bewegende Erörterung abbrach: etwas Derartiges bemerkte ich auch bei jener Hohen; obwohl das Fieber ihre ganze Kraft aufzehrte und sie dem Tode zutrieb, gebrauchte sie doch, wie wenn sie mit Tau ihren Körper erfrischt hätte, ihren Geist in der Betrachtung der erhabenen Dinge ganz ungehindert, ohne daß er irgend unter der schweren Krankheit litt. Und wenn unsere Erzählung nicht eine unermeßliche Ausdehnung annähme, würde ich alles der Reihe nach schildern, wie sie in ihrer Rede sich erhob, da sie sich mit uns über die Seele unterredete und die Ursache des Lebens im Fleische durchging und weshalb der Mensch da sei, inwiefern er sterblich sei, woher der Tod komme und worin die Rückkehr von ihm wieder zum Leben bestehe. Alles das ging sie, wie von der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt, vollständig genau und in klarer Gedankenfolge durch, wobei ihre Rede ganz leicht dahinfloß wie bei einer Quelle, wo das Wasser ohne Hindernis nach unten strömt.

1: Nach Öhler: ὑπολαβών [hypolabōn].
2: Das Eingeklammerte fehlt bei Morel.
3: Den Inhalt dieser und der weiteren Unterredung hat Gregor in seinem berühmten Dialoge „Über die Seele und Auferstehung“ niedergelegt, der deshalb auch den Beinamen „τὰ Μακρίνια“ [ber.: τα Μακρινα] [ta Makrina] führt.

 

 

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Einleitung zur Schrift: „Das Leben Makrinas."
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger