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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Fünftes Buch
I. Kapitel

11.

1. Wir behaupten also, daß der Glaube nicht untätig und für sich allein, sondern zusammen mit der Forschung fortschreiten müsse. Denn nicht dies sage ich, daß man überhaupt nicht forschen soll. Denn "Suche, und du wirst finden",1 sagt der Herr.

2. "Erreichen kann man, was man sucht;
Worum man aber sich nicht kümmert, das entschlüpft",2
wie Sophokles sagt.

3. Das gleiche sagt aber auch der Lustspieldichter Menandros:
"Wer etwas suchen will, der muß
Mit Sorgfalt suchen; dieses ist der Weisen Rat."3

4. Man muß aber das Sehvermögen der Seele auf das Finden hinlenken und alles, was das Sehen hindert, wegräumen, und die Zanksucht und den Neid und den Streit, der aufs schimpflichste aus der Welt verschwinden sollte, muß man völlig von sich werfen.

5. Ganz schön sagt nämlich Timon von Phlius:
"Und da kommt die verderbliche Streitsucht mit nichtigem Lärmen,
Schwester der männermordenden Zwietracht und ihre Gehilfin;
Blindlings wälzt sie zuerst auf alles sich hin; doch am Ende
Setzt sie im Kopf eines Menschen sich fest und betört ihn mit Hoffnung."4

6. Dann fährt er ein wenig später fort:
"Denn wer reizte sie an, in verderblichem Streite zu kämpfen?
Beifallspendender Pöbel; denn der war ergrimmt, wenn sie schwiegen,
Und er erregte die Krankheit der Schwatzsucht, und viele verdarben"5
[S. 127] über den Schlüssen von dem Lügner und von den Hörnern und von dem Versteckten und von dem Krokodil und von dem Haufen und von dem Verhüllten und über den Sätzen mit Doppelsinn und über den Trugschlüssen überhaupt.6

1: Vgl. Mt 7,7: Lk 11,9.
2: Sophokles, König Ödipus 110 f.
3: Menandros Fr. 189 CAF III p. 55.
4: Timon, Sillen Fr. 21 Diels. Timon schilderte in dem Gedicht, aus dem die beiden Bruchstücke stammen, unter Verwendung homerischer Wörter und Versteile (vgl. Hom Il. 5,518; Od. 12,85; Il. 4,440-443; 1,8-10) einen Redekampf der Sophisten; der Mensch, in dessen Kopf sich die Eris festsetzt, ist Protagoras. Die (xxx) der Ilias ist zur (xxx) geworden.
5: Ebd. Fr. 22 Diels.
6: Clemens zählt hier die zuerst bei den Eleaten, dann bei den Sophisten, den Megarikern und den Stoikern beliebten sophistischen Trugschlüsse auf. Es sind folgende: 1. Der Lügner, bei Clemens (xxx), sonst gewöhnlich (xxx) genannt, mit der Frage: Lügt der, der sagt, daß er lügen werde, und dann wirklich eine Lüge sagt? Schwört der einen Meineid, der schwört, daß er einen Meineid schwören werde? – 2. Der Hörnerschluß ((xxx)): Was du nicht verloren hast, hast du noch; Hörner hast du nicht verloren, also hast du Hörner. – 3. Der Schluß vom Versteckten (bei Clemens (xxx), wahrscheinlich der sonst (xxx) genannte): Man kennt den nicht, der sich versteckt hat; kennt also unter Umständen einen Bekannten nicht. Die Stoiker nannten (xxx) auch einen Weisen, der sich seiner Fortschritte nicht bewußt ist, und fragten: Ist jener ein Weiser, der es nicht merkt, daß er ein Weiser ist? Vgl. Plut. Moral. p. 1042 F. – 4. Der Krokodilschluß (bei Clemens (xxx), sonst meist (xxx) oder (xxx)): Ein Krokodil hat ein Kind geraubt und verspricht die Rückgabe, wenn die Mutter rät, was es tun wird. Sagt die Mutter: „Du wirst es nicht zurückgeben“, so ist das Krokodil ratlos ((xxx)), was es tun soll; denn wenn es das Kind zurückgibt, so hat die Mutter falsch geraten, und die Bedingung ist nicht erfüllt; gibt es aber das Kind nicht zurück und frißt es das Kind auf, so hätte die Mutter richtig geraten, also die Bedingung erfüllt und hätte danach Anspruch auf die Rückgabe. Rät dagegen die Mutter auf Rückgabe, so kann ihr das Krokodil wegen falschen Ratens, die Rückgabe verweigern. Also ist auch sie in Verlegenheit ((xxx)) um ihre Antwort. – 5. Der Haufenschluß ((xxx)): Zwei sind nur wenige, drei, das nur um eines mehr ist, ebenso, und ähnlich ist es bei den folgenden Zahlen. Bei welcher Zahl beginnt das Vielsein, so daß man von einem Haufen sprechen kann? Oder: wie viele Körner kann man von einem Haufen wegnehmen, ohne daß er aufhört ein Haufen zu sein? – 6. Der Schluß von dem Verhüllten ((xxx)): Kennst du diesen verhüllten Menschen? Nein. Er ist aber dein Vater; also kennst du deinen Vater nicht. – Zuletzt nennt Clemens die Sätze mit Doppelsinn. Die Stoiker unterschieden acht Arten der Amphibolia (z.B. Wörter mit verschiedenen Bedeutungen, gleichlautende Verbalformen) und benützten sie zu ihren Trugschlüssen, den zum Abschluß von Clemens genannten Sophismata. Sie definierten ein Sophisma als einen listig ersonnenen Satz, der zur Annahme eines falschen oder sonst unannehmbaren Schlusse zwingt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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