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Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§15. Der Eintritt der Seelen in das Dasein.

1.

[S. 310] „Nun wird man auch weiter fragen, wann ist die Seele geworden und wie? Allein die Frage, wie jedes einzelne geworden, bleibt von der Erörterung ganz ausgeschlossen; denn selbst in bezug auf die Dinge, die unserer Erkenntnis naheliegen und durch die Sinne wahrgenommen werden, dürfte es der forschenden Vernunft unmöglich sein, selbst bei dem, was sichtbar ist, das Wie der Entstehung zu erkennen, weshalb wir auch sogar den gotterleuchteten und heiligen Männern eine derartige Erkenntnis nicht zuschreiben dürfen. Denn mittels des Glaubens, sagt der Apostel (Hebr. 11, 3), wissen wir, daß die Welten durch das Wort Gottes geschaffen worden seien, so daß das Sichtbare aus dem Unsichtbaren hervorgegangen ist. So würde der Apostel, nach meiner Ansicht, sich niemals ausdrücken, wenn er der Meinung gewesen wäre, die Frage könnte durch Vernunftschlüsse gelöst werden; vielmehr gesteht der Apostel, zum Glauben an die Tatsache gekommen zu sein, daß die ganze Welt und alles, was aus ihr stammt, durch den Willen Gottes geschaffen sei; ― wie man den Ausdruck Welt auch immer verstehen mag, auf jeden Fall ist damit die sichtbare und unsichtbare Schöpfung gemeint ― die Frage nach dem Wie dagegen läßt er unerörtert. Ich glaube auch nicht, daß darauf aller Forscherfleiß eine genügende Antwort geben kann; denn der Lösung dieses Problems stellen sich zuviel Schwierigkeiten entgegen. Wie entsteht aus der feststehenden Natur das Bewegte? wie aus der einfachen und ausdehnungslosen das Zusammengesetzte und Ausgedehnte? Etwa aus der allerhöchsten Wesenheit selbst? Doch das können wir nicht zugeben, weil alle anderen Dinge sich von jenem zu sehr unterscheiden. Aber woher denn? Doch unser Geist erblickt außer der göttlichen Natur nichts (als ewig oder ursprünglich). Außerdem müßte unsere Spekulation verschiedene Prinzipien aufstellen, falls wir außerhalb der schöpferischen Ursache noch etwas annehmen würden, woher die allgestaltende Weisheit die Mittel zur Schöpfung genommen hätte. Da es nun bloß einen einzigen [S. 311] Urgrund für alles Seiende geben, und mit dieser über alles erhabenen Natur kein durch sie geschaffenes Wesen gleichartig sein kann, so ergibt sich1, daß folgende zwei Annahmen unmöglich sind: die Meinung, die Schöpfung sei aus der göttlichen Natur gebildet, sowie die Ansicht, alle Dinge hätten eine andere Natur zur Grundlage; denn im ersten Fall würde man Gott zu den Qualitäten der Schöpfung herabziehen, weil ja das Gewordene mit Gott gleichartig wäre. Im zweiten Fall würde statt dessen neben die göttliche (aus Ber.: lies: „die göttliche“ statt „der göttlichen“) Substanz eine materielle Natur gestellt, welche, weil nicht geworden, in bezug auf ewige Existenz Gott gleich käme, wie denn sowohl die Manichäer solchem Wahne huldigten, und einige andere, durch die griechische Philosophie zu den gleichen Anschauungen verführt, diese Phantasterei als Lehrsatz verkündeten.“

1: Nach der Lese-Art δή [dē] (statt δέ [de]).

 

 

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Einleitung zum Gespräch mit Makrina „Über die Seele und die Auferstehung".
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger