Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§14. Die Ansicht von der Seelenwanderung.

1.

Ich warf die Frage auf: „Wie sollen wir jene belehren, welche sich bei Unglück kleinmütig zeigen?“ Die Lehrerin gab zur Antwort: „Sagen wir ihnen doch: ganz grundlos ist euere Ungeduld und euer Mißmut über den Verlauf, welchen die Dinge mit scheinbarer Notwendigkeit nehmen! Ihr wisset ja nicht, auf welchen Zweck das einzelne im Zusammenhang mit dem großen Ganzen hingelenkt wird; denn alles soll zur Vereinigung mit Gott geführt werden, und zwar in der Ordnung und Reihenfolge, welche der Weltenlenker mit vollendeter Weisheit festsetzte. Zu diesem Zweck trat die vernünftige Natur ins Dasein, damit die Fülle der göttlichen Güter nicht müßig daliege; die Weisheit, welche das All erschuf, bereitete sich vielmehr in unseren Seelen gleichsam Gefäße und Behälter, mit Freiheit ausgestattet und geeignet, jene Güter aufzunehmen und in sich immer mehr zur Entfaltung zu bringen, je mehr dieselben zufließen. Denn ein Vorzug der göttlichen Güter ist es, daß sie alle, zu denen sie gelangen, größer und aufnahmsfähiger machen, indem ihre Aufnahme eine Vermehrung der Kraft und Größe bewirkt, so daß die Empfänger immer zunehmen und in der Zunahme nicht stille stehen. Da nämlich die Quelle des Guten unaufhörlich fließt, so wird die aus ihr schöpfende Natur, weil infolge der Verwertung des ganzen Zuflusses zum Besten des Empfängers und zur Vermehrung seiner [S. 301] Größe keine der empfangenen Gaben sich als überflüssig oder als unnütz erweist, sowohl kräftiger zur Anziehung des Guten als auch geeigneter zur Aufnahme desselben, so daß beides zugleich zunimmt: einerseits steigt die genährte Kraft infolge der Fülle von Gütern, die zufließen, anderseits mehrt sich der nährende Zufluß, weil auch die Aufnahmsfähigkeit wächst. Zu solcher Größe werden wir demnach emporgehoben, so daß unser Wachstum keine Grenzen kennt. Und eine derartige Erhöhung und Erhebung vor Augen wollt ihr betrübt sein, daß unsere Natur dem Ziele entgegeneilt, das ihr gesteckt ist? Denn wir können den Lauf zu jenen Gütern auf keine andere Weise zurücklegen als dadurch, daß wir, was uns niederdrückt, d. h. diese schwerfällige irdische Masse von der Seele abschütteln, und nur wenn wir die Abhängigkeit von ihr, die wir hienieden tragen müssen, durch Streben nach Höherem abgestreift haben, können wir mit dem Reinen vereinigt werden, weil wir uns ihm gleichartig gemacht haben. Hast du aber auch noch einen gewissen Hang zu diesem Körper und fällt dir in deiner Liebe zu ihm, die Trennung von ihm schwer, so brauchst du auch in dieser Beziehung nicht hoffnungslos sein. Denn du wirst sehen, wie diese körperliche Hülle, wenn der Tod sie auch auflöst, einst aus demselben Stoffe wieder gewebt wird, nicht in dieser groben und schweren Ausstattung, sondern aus einem feineren, ätherischen Gewebe, so daß du deinen Freund wieder gewinnen wirst und sogar in einer besseren und herrlicheren Schönheit.“

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zum Gespräch mit Makrina „Über die Seele und die Auferstehung".
Allgemeine Einleitung
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. §6 Die Verwandtschaft ...
. §7 Die Verbindung ...
. §8 Die Grundkräfte ...
. §9 Von der Unterwelt.
. §10. Eine Art Verbindung ...
. §11. Die evangelische ...
. §12. Die Affekte der ...
. §13. Die Läuterung ...
. §14. Die Ansicht von ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. §15. Der Eintritt ...
. §16. Schriftbeweise ...
. §17. Einwände gegen ...
. §18. Widerlegung

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger