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Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§10. Eine Art Verbindung zwischen Seele und Körper bleibt auch nach dem Tode.

1.

Nach dieser Erörterung der Lehrerin sprach ich nach einer kleinen Pause zu ihr: „Ich bin mir über unsere Frage noch nicht ganz klar; vielmehr schwankt mein Denken noch etwas hinsichtlich der besprochenen Punkte: darum bitte ich, mir die gegebene Darlegung in der nämlichen Reihenfolge zu wiederholen; dabei können jene Punkte übergangen werden, über die wir bereits eine Übereinstimmung erzielten. Mit ziemlicher Sicherheit meine ich ja doch, daß unsere Gegner, soweit sie nicht allzu hartnäckig sind, durch die gepflogenen Erörterungen dahin gebracht werden, die Seele nach der Auflösung des Körpers nicht dem Untergang und der Vernichtung preiszugeben und von ihrer Behauptung abzugehen, sie sei nicht imstande, irgendwo im Universum sich aufzuhalten, weil sie sich von den Elementen wesentlich unterscheide. Denn wenn auch zwischen diesen und der geistigen, immateriellen Seele ein weiter Abstand besteht, so liegt darin kein Hindernis für sie, in denselben zu existieren. In dieser Annahme werden wir durch zwei Tatsachen bestärkt: einmal dadurch, daß die Seele, obgleich sie etwas vom Körper Verschiedenes ist, dennoch während des Erdenlebens in ihm weilt, dann auch dadurch, daß Gott, [S. 281] obwohl er sich von allen sinnlich wahrnehmbaren und materiellen Dingen ganz und gar unterscheidet, trotzdem, wie wir uns im Laufe der Rede überzeugten, jedwedes Existierende durchdringt und durch diese Durchdringung das gesamte Universum in seiner Existenz erhält; daher werden wir folgerichtig der Seele die Existenz nicht absprechen, wenn sie aus dem Leben der Sichtbarkeit in die Unsichtbarkeit übergeht. Aber ein Bedenken bleibt: die zum Leibe vereinigten Elemente nehmen in demselben infolge ihrer gegenseitigen Durchdringung eine andere Gestalt an, die von ihrer ursprünglichen verschieden ist, mit der aber die Seele ganz vertraut ist; wenn diese Gestalt nun beim Tode ganz verschwindet, wie vermag dann die Seele die Elemente zu erkennen, welche ihren Leib bildeten?“

Nach einigem Besinnen sprach sie: „Zur Beleuchtung des Fragepunktes sei es mir gestattet, als Beweis ein Beispiel zu erdichten, wenn auch das, was ich vorbringen will, außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegt. Es sei mir also die Annahme gestattet, daß die Malerkunst es fertigbringe, nicht allein, wie man es zu tun pflegt, die verschiedenen Farben zu mischen, um ein möglichst getreues Bild herzustellen, sondern auch die Mischungen wieder zu scheiden und jeder Farbe ihre natürliche Tinte zurückzugeben. Wenn nun Weiß und Schwarz oder Rot und Gelb oder sonst eine Farbentinte, um einen Gegenstand zu malen, gemischt wären, dann aber aus der allgemeinen Mischung wieder ausgeschieden und abgesondert würden, so vermag der Künstler nichtsdestoweniger die Mischungsfarben zu erkennen; auch vergißt er keineswegs auf Rot oder Schwarz, wenn sie aus der Gestalt, die sie infolge der Mischung bekommen haben, zu ihrer ursprünglichen Färbung zurückkehren. In Erinnerung an die Art und Weise der Farbenmischung weiß er, welche Farben miteinander gemischt werden müssen, um diese oder jene Farbe hervorzubringen und wie sie nach der Aufhebung der Mischung wieder zu ihrer eigenen Blume zurückkehren, und soll er durch Mischung die gleiche Farbe abermals gewinnen, so wird er dies leicht fertigbringen, weil er durch die frühere Zubereitung schon eine gewisse Übung sich aneignete.“

[S. 282] „Liegt nun“, fuhr sie fort, „in dem vorgeführten Beispiel etwas Wahres, so müssen wir die Anwendung auf den Gegenstand machen, der uns beschäftigt. An Stelle des Künstlers denken wir an die Seele und an Stelle der Farben an die Elemente, aus denen der Körper besteht; die Mischung der verschiedenen Farben zu einem bestimmten Kolorit und die als möglich angenommene Rückkehr desselben zu den ursprünglichen Farben soll uns sowohl die Verbindung der Leibeselemente als auch deren Auflösung anschaulich machen. Wie wir nun im Beispiele vom Maler wissen, daß ihm die Farbentinte, welche nach der Mischung wieder zu ihrer ursprünglichen Blume zurückkehrt, nicht unbekannt ist, sondern daß er das Rot und das Schwarz, oder was er sonst zur vorgenommenen Mischung verwendete, ganz gut erkenne, sowohl wie die Farben in der Mischung waren, als auch wie sie jetzt sind im ursprünglichen Zustand, und wie sie alsdann sein würden, falls wieder in ähnlicher Weise eine Mischung mit anderen Farben vorgenommen wird ― so ungefähr, meinen wir, wird die Seele jene Elemente, welche insgesamt ihren Leib gebildet hatten, auch nach dessen Auflösung in ihrem ursprünglichen Zustand erkennen. Und wenn gleich die Natur sie wegen ihrer inneren Verschiedenheit und auf Grund des Umstandes, daß sich Entgegengesetztes nicht miteinander verbinden kann, oft weit voneinander trennt, so wird die Seele dennoch bei jedem sein, indem sie durch ihre Erkenntniskraft an allem dem, was zu ihrem Körper gehörte, haftet und verharrt, bis die Wiedervereinigung der sämtlichen Bestandteile des Leibes behufs der Wiederherstellung des Aufgelösten erfolgt, was Auferstehung im eigentlichen Sinne ist und heißt.“

 

 

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Einleitung zum Gespräch mit Makrina „Über die Seele und die Auferstehung".
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger