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Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§3 Der Gottesbeweis ist zugleich ein Beweis für die Unsterblichkeit der Seele.

1.

Sodann müssen sie aber auch bezüglich der göttlichen Natur zu denselben Behauptungen sich versteigen. Denn wie können sie annehmen, daß die geistige, immaterielle und gestaltlose Natur das Nasse und Weiche und Warme und Feste durchdringe und so alles Seiende in seinem Bestande erhalte, wenn sie weder mit den Dingen, in denen sie ist, Verwandtschaft hat noch wegen ihrer Ungleichartigkeit in ihnen sein kann? Darum sollen sie aus ihrer Lehre auch die Gottheit streichen, durch welche alles erhalten wird.

Ich erwiderte: „Darauf kommt es eben an! Wie könnte unseren Gegnern als zweifellose Wahrheit bewiesen werden, das Universum stamme von Gott und werde von ihm erhalten oder es existiere etwas Göttliches, das über die Natur der Dinge erhaben sei?“

Sie antwortete aber: „Am besten wäre es, zu solchen Dingen zu schweigen und so törichte und gottlose Fragen keiner Antwort zu würdigen, zumal ein göttlicher [S. 250] Ausspruch verbietet, dem Toren auf seine Torheit hin zu antworten (Sprichw. 26, 4); ein Tor aber ist jedenfalls der, der da sagt, es gäbe keinen Gott (Ps. 52, 2 [hebr. Ps. 53, 2]). Da ich mich aber auch dazu äußern muß, so will ich dir eine Rede kundtun, aber nicht von mir, auch nicht die von einem anderen Menschen ― ein solcher ist stets klein und unbedeutend, selbst wenn er groß zu sein scheint ― sondern die Rede, welche die Schöpfung durch ihre Wunder hält, welche das Auge vernimmt und die auf Grund des Gesehenen als eine Rede voll Weisheit und Macht in unseren Herzen widertönt. Klar verkündet ja die Schöpfung den Schöpfer, weil die Himmel selbst, wie der Prophet sich ausdrückt, die Herrlichkeit Gottes mit Worten erzählen, die nicht gesprochen werden (Ps. 18, 2 [hebr. Ps. 19, 2]). Denn wer die Wunder am Himmel und auf Erden betrachtet, und wie die von Natur aus einander widerstrebenden Elemente kraft einer geheimnisvollen Zusammengehörigkeit doch alle zu dem nämlichen Zwecke sich verbinden und ein jegliches mit der gerade ihm eigentümlichen Kraft zur Erhaltung des Ganzen beiträgt, und wie weder das Unvermischbare und das zu einer Verbindung Unfähige gemäß der besonderen Eigenschaften sich voneinander fernhält noch bei vorkommender Verbindung der entgegengesetzten Beschaffenheiten gegenseitig sich zerstört, wie vielmehr einerseits das von Natur aufwärts Strebende in die Tiefe steigt, z. B. die Sonnenwärme, welche in den Strahlen herabströmt, andererseits schwere Körper leicht werden, indem sie sich zu Dünsten verfeinern, so daß sowohl das Wasser gegen seine Natur in die Höhe steigt und auf Winden durch die Luft schwebt, als auch das ätherische Feuer zur Erde sich senkt, damit auch die Tiefe der Wärme nicht entbehre; wer ferner beobachtet, wie das in Regengüssen auf die Erde strömende Naß, obgleich es seiner Natur nach nur eines ist, zahllose verschiedene Pflanzenarten erzeugt, indem es sich mit ihren Wurzeln1 auf die entsprechende Weise verbindet, wer dann den reißendschnellen Umschwung des Himmels [S. 251] und die umgekehrte Bewegung der inneren Kreisbahnen, sowie den Lauf und die Begegnung der Gestirne samt deren harmonischen Abstand voneinander betrachtet ― wer dies alles mit dem geistigen Auge der Seele anschaut, wird er nicht durch seine Beobachtungen zur klaren Erkenntnis geführt, daß eine wahrhaft göttliche Kraft, mit unendlicher Weisheit und Kunst überall waltend, sowohl die Teile dem Ganzen anpaßt als auch das Ganze durch die Teile vollendet, und daß das Universum durch eine einzige Kraft regiert wird, durch die es in sich selbst beharrt und um sich selbst bewegt wird, und daß es diese Bewegung auch nicht aufgibt noch seinen ihm angewiesenen Platz jemals verläßt?“

1: Nach Hayd sind τὰ ὑποκείμενα [ta hypokeimena] = Samen und Keime.

 

 

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Einleitung zum Gespräch mit Makrina „Über die Seele und die Auferstehung".
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger