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Gregor v. Nyssa (†394) - Acht Homilien über die acht Seligkeiten

Siebente Rede: "Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden."

I

[S. 220] In dem heiligen Zelte des Zeugnisses, welches der Gesetzgeber nach dem Muster, das Gott ihm auf dem Berge gezeigt, für die Israeliten errichtete, war innerhalb der Umzäunung alles und jedes heilig und geweiht; das Innerste desselben war aber abgeschlossen und unzugänglich. Es wurde das Heilige des Heiligen (das Allerheiligste) genannt, um, wie ich glaube, schon durch den umständlichen Namen anzuzeigen, daß es nicht bloß den gleichen Grad von Heiligkeit wie alles andere besitze, sondern daß es die übrigen geweihten und heiligen Bestandteile in einem solchen Maße überrage, in welchem das Heilige und Geweihte über dem Gewöhnlichen und Ungeweihten steht. Ohne Zweifel ist ähnlich hinsichtlich der Seligpreisungen, die auf diesem Berge uns gezeigt wurden, alles und jedes, was wir vorher schon durch das Wort Gottes hörten, heilig und geweiht, das aber, was uns jetzt zur Betrachtung vorliegt, ist in Wahrheit das Innerste und das Allerheiligste. Denn wenn es auch kein höheres Gut gibt, als Gott zu sehen, so übertrifft es doch wahrhaft jedes Glück, ein Gotteskind zu werden. Welche Worte können ersonnen, welche Namen erdacht werden, um das Gnadengeschenk einer solch erhabenen Verheißung würdig darzustellen? Was sie uns offenbart, geht über das Höchste hinaus, zu dem sich einer im Geiste zu erheben vermag. Wenn du auch den Inhalt der Verheißung als herrlich, als ehrenvoll oder als großartig bezeichnest, so ist in derselben mehr enthalten, als solche Worte besagen. Es wird ein Glück versprochen, das unsere Wünsche, ein Geschenk, das unsere Hoffnung, eine Gnade, die unsere Natur weit übersteigt. Denn was ist der Mensch im Vergleich zum göttlichen Wesen? Von welchem der Heiligen soll ich Aussprüche anführen, um die Niedrigkeit des Menschen zu beleuchten? Nach Abraham ist er Staub und Asche (Gen. 18, 27), nach Isaias [S. 221] Heu (Is. 40, 6), nach David nicht einmal Gras, sondern nur etwas dem Gras Ähnliches (Ps. 36, 2 [= Septuag. u. Vulgata] [hebr. Ps. 37, 2]) ― denn ersterer sagt wenigstens: „Alles Fleisch ist Heu“, letzterer aber: „Der Mensch ist wie Gras“ ― nach dem Ekklesiastes Eitelkeit (1, 2), nach Paulus Elend (1 Kor. 15, 19). ― Denn die Bezeichnung, die Paulus auf sich anwendet, gilt für jeden Menschen.

Das ist der Mensch. Was ist aber Gott? Wie soll ich das Wesen schildern, das unser Auge nicht sehen, unser Ohr nicht vernehmen, unser Herz nicht begreifen kann? Mit welchen Worten soll ich seine Natur beschreiben? Oder wo finde ich ein uns zugängliches Gut, mit dem ich Gott irgendwie vergleichen könnte? Oder finde ich neue Worte, um den darzustellen, der unaussprechlich und unbeschreiblich ist? Wohl lese ich in der von Gott eingegebenen Schrift großartige Schilderungen Gottes; aber was sind diese im Vergleiche zu seiner wirklichen Wesensbeschaffenheit? Nur soviel als ich zu fassen vermag, sagt mir das Wort Gottes, ohne mir die volle Erkenntnis des erhabenen Gegenstandes zu vermitteln. Wie jeder nur nach dem Grade seiner Aufnahmsfähigkeit Luft einatmet, der eine mehr, der andere weniger und keiner, auch nicht jener, der sehr viel davon zurückbehalten kann, imstande ist, die ganze Luft in sich aufzunehmen, sondern nur soviel als er vermag, so daß das Element als Ganzes in seinem Bestand unberührt bleibt, so ist auch die Gotteserkenntnis, welche uns in der Heiligen Schrift unter Eingebung des Heiligen Geistes geboten wird, an unserer Einsicht gemessen, unvergleichlich groß und erhaben, aber trotzdem wird die wahre Größe Gottes nicht erreicht. So lesen wir dort: „Wer hat die Himmel mit der Spanne gemessen und mit der Hand das Wasser und die ganze Erde mit der Fläche der Hand“ (Is. 40, 12). Fühlst du nicht die Kühnheit, mit welcher hier die unaussprechliche Macht beschrieben wird? Aber was ist diese großartige Schilderung gegenüber der Wirklichkeit? Denn nur einen Bruchteil des göttlichen Wirkens hat das Prophetenwort in seinen wuchtigen Sätzen uns vorgeführt; die Macht selbst, von der dieses Wirken ausgeht, geschweige die Natur, von der die Macht stammt, hat er uns [S. 222] nicht vorgestellt und auch nicht vorstellen wollen. Vielmehr tadelt er diejenigen, welche es wagen, nach ihren Mutmaßungen ein Bild von Gott zu entwerfen; im Namen Gottes redet er sie nämlich also an: „Mit wem vergleicht ihr mich, spricht der Herr“ (Is. 40, 18). Die nämliche Mahnung gibt auch der Prediger, wenn er schreibt: „Bringe nicht vorschnell ein Wort über Gottes Antlitz vor1; denn Gott wohnt im Himmel oben, du aber bist auf Erden hier unten“ (5, 1). Schon durch die Gegenüberstellung von Himmel und Erde will er darauf hinweisen, wie sehr Gott unsere Gedanken überragt, die da an der Erde haften.

Und diesem Wesen von solcher Vollkommenheit und Größe, das weder Auge noch Ohr noch Verstand erfassen kann, soll der Mensch, der unter den Geschöpfen für nichts erachtet wird, der nur Asche, Gras und Eitelkeit ist, in die engste Beziehung treten, indem er von Gott, dem Herrn der ganzen Welt, an Kindes Statt angenommen wird. Was gäbe es, um Gott für solche Huld würdig zu danken? Welches Wort, welcher Gedanke, welche Begeisterung wäre hinreichend, um das Übermaß der Gnade zu preisen und zu verherrlichen? Weit schreitet der Mensch über seine Natur hinaus, da er aus einem Sterblichen ein Unsterblicher, aus einem Vergänglichen ein Unvergänglicher, kurz, aus einem Menschen Gott wird. Denn wer so hoch erhoben wurde, ein Kind Gottes zu werden, muß auch die Würde des Vaters erhalten und die väterlichen Güter erben. O Freigebigkeit des reichen Herrn! O offene Hand! O mächtiger Arm! Wie unermeßlich sind die Gnaden, die er aus seiner verborgenen Schatzkammer hervorholt, um sie uns zu spenden! Aus reiner Liebe zu uns Menschen erhebt er unsere Natur, welche durch die Sünde ihre Ehre und Hoheit verlor, fast zu seiner eigenen Würde. Denn wenn er den Menschen in die Verwandtschaft mit dem, was er selbst seiner Natur nach ist, in freier Liebe aufnehmen will, was bedeutet dies anders, als daß er ihn auf Grund der genannten Verwandtschaft zur nämlichen Würde erhebt?

1: Nach der L.L. ῥῆμα προσώπου [rhēma prosōpou (statt πρὸ προσώπου [pro prosōpou]).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger