Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Gregor v. Nyssa (†394) - Acht Homilien über die acht Seligkeiten

Sechste Rede: "Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen."

Einleitung.

Was denen, die von hoher Felsspitze in ein weit gähnendes Meer hinabschauen, in der Regel begegnet, das stößt mir heute im Geiste zu, da ich von dem erhabenen Ausspruche des Herrn, gleichsam wie von einem [S. 209] ragenden Berggipfel aus in die unermeßliche Tiefe der in ihm enthaltenen Gedanken hinabsehe. Denn wie man an vielen Meeresufern eine ganz steile, der See zu vollständig senkrecht abfallende Bergwand sehen kann und hoch oben auf derselben einen Felsvorsprung, der über dem Abgrund hängt, und wie es nun dem gewöhnlich ergeht, der auf solch hoher Warte stehend in die Tiefe hinabschaut, so ergreift jetzt auch meine Seele eine Art Schwindel, da sie hoch emporgehoben wird durch dieses so große Wort des Herrn: „Selig, die eines reinen Herzens sind; denn sie werden Gott anschauen.“

Denen, welche ihr Herz gereinigt haben, wird also in Aussicht gestellt, daß sie Gott schauen dürfen, Gott, den doch niemand noch gesehen, wie der große Johannes sagt (Joh. 1, 18). Aber auch der erhabene Paulus stimmt dieser Meinung bei, indem er sagt: „Niemand hat Gott gesehen; niemand kann ihn sehen“ (1 Tim. 6, 16). Dies ist der steil und jäh abfallende Fels, der dem Denken keine Stelle bietet, um Fuß zu fassen, den auch Moses durch seine Lehren als so unzugänglich bezeichnet, daß ihn unser Geist von keiner Seite aus ersteigen könne, weil ihm jeder Stützpunkt durch die gegebene Darstellung abgeschnitten ist. Denn Moses erklärt geradezu: „Es gibt niemanden, der Gott sehen und am Leben bleiben könnte“ (Exod. 33, 20). Besteht aber nicht das ewige Leben in der Anschauung Gottes? Und scheint diese nicht von den Säulen des Glaubens: von Johannes, Paulus und Moses als unmöglich bezeichnet zu werden? Merkst du also den Schwindel der Seele, den die Tiefe der Gedanken erzeugt? Wenn Gott das ewige Leben ist, so kann der, welcher Gott nicht sieht, auch das ewige Leben nicht sehen. Aber gerade dies, daß man Gott nicht sehen könne, verkünden deutlich die gotterleuchteten Propheten und Apostel. In welche Not und Bedrängnis gerät da die Hoffnung der Menschen? Aber der Herr kommt dem sinkenden Mut zu Hilfe, wie einstens dem Petrus, als er in Gefahr war unterzugehen, indem er ihn auf das Wasser wie auf eine feste Fläche stellte, stark genug, um auf ihr dahinzuschreiten. Wenn nun das Gotteswort auch uns die rettende Hand entgegenstreckt und uns wegen unserer Unfähigkeit, bei der Tiefe der [S. 210] Gedanken aus eigener Kraft sicheren Schrittes einherzugehen, auf den festen Boden wahrer Erkenntnis stellt, so werden wir diese starke Hand des Gotteswortes ständig umklammern und jegliche Furcht ablegen.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zur Schrift: „Über die Seligpreisungen."
Allgemeine Einleitung
Bilder Vorlage

Navigation
. Erste Rede: "Selig ...
. Zweite Rede: "Selig ...
. Dritte Rede: "Selig ...
. Vierte Rede: "Selig ...
. Fünfte Rede: "Selig ...
. Sechste Rede: "Selig, ...
. . Einleitung.
. . I
. . II
. . III
. . IV
. . V
. . VI
. Siebente Rede: "Selig ...
. Achte Rede: "Selig ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger