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Gregor v. Nyssa (†394) - Acht Homilien über die acht Seligkeiten
Dritte Rede: "Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden."

III

Haben wir nun die Traurigkeit begrifflich erfaßt, so möge uns das Bekannte zum Unbekannten führen, damit wir auch einsehen, worin noch die seliggepriesene Traurigkeit besteht, auf welche Tröstung folgen soll. Wenn der Verlust von Gütern des gegenwärtigen Lebens die Traurigkeit hienieden bewirkt, niemand aber über die Einbuße eines unbekannten Gegenstandes klagen kann, so müssen wir zuerst untersuchen, welches das wahre Gut ist, und darauf das Verhältnis, in welchem die Menschen zu diesem wahren Gute stehen; so wird es uns gelingen, die seligmachende Traurigkeit zu finden. ― Einen Vergleich bieten die Blinden; wenn einer in Blindheit geboren ist, der andere aber, nachdem er an das Licht gewöhnt war, in einen finsteren Kerker geworfen wurde, so werden beide von ihrem Geschick nicht in gleicher Weise getroffen; denn der eine weiß, wessen er beraubt ist, und empfindet daher die Entziehung des Lichtes schwer; der andere, der eine solche Wohltat überhaupt nicht kennt, wird sein Leben ohne allzu große Traurigkeit verbringen, weil er, in Blindheit aufgewachsen, kein Gut verloren zu haben glaubt. Infolgedessen wird den einen die Sehnsucht nach dem Lichte antreiben, auf allerlei Mittel und Wege zu sinnen, um wieder all das sehen zu können, was ihm mit Gewalt entzogen wurde. Der andere aber wird bis in sein Greisenalter in seiner Blindheit gelassen dahinleben, weil er von dem höheren Gut (der Sehkraft) keine Ahnung hat und seine Lage für ganz annehmbar erachtet. Ähnlich ist es auch bei dem Gegenstand, der uns jetzt beschäftigt: wer es so weit gebracht hat, das wahre Gut zu erkennen, und dann die Armseligkeit der menschlichen Natur betrachtet, wird sich in seiner Seele sicher unglücklich fühlen, weil ihn darüber Trauer erfaßt, daß sein gegenwärtiges Leben nicht jenes höchste Gut besitzt. Nicht so [S. 178] fast die Traurigkeit an sich scheint vom Worte Gottes seliggepriesen zu sein, als vielmehr die Erkenntnis des höchsten Gutes, verbunden mit der Empfindung der Traurigkeit darüber, daß unserem Leben jenes heißersehnte Gut mangelt.

Den angezogenen Vergleich weiter verfolgend, müssen wir nunmehr erforschen, welches denn jenes Licht sei, von welchem diese dunkle Höhle der menschlichen Natur nicht mehr erleuchtet wird. Oder stellen wir uns hiemit eine Aufgabe, die leicht gelöst werden könnte? Denn welche Geisteskraft in uns wäre fähig, die Natur des gesuchten Gutes zu ergründen? welche Namen und Worte stünden uns zur Verfügung, uns eine würdige Vorstellung von dem Lichte über uns zu verschaffen? Wie soll ich das Ungesehene nennen? wie das Unstoffliche darstellen? wie das Unsichtbare zeigen? wie das erfassen, was ohne Größe, ohne Quantität, ohne Qualität, ohne Gestalt ist, was weder im Raume noch in der Zeit sich findet, was außerhalb jeder Begrenzung und jeder begrifflichen Vorstellung liegt, dessen Werk das Leben und der Inbegriff alles Guten ist, an dem man alles Hohe, das sich denken und sagen läßt, erschaut: Gottheit, Herrscherwürde, Macht, Ewigkeit, Unvergänglichkeit, Freude und Jubel und überhaupt alles Erhabene, was wir nur immer ersinnen und aussprechen können? Wie also und durch welche Gedanken kann man sich dieses unser höchstes Gut vor Augen stellen, das nur innerlich geschaut, nicht äußerlich gesehen wird, das allem, was ist, Dasein gibt, selbst aber seit Ewigkeit existiert und nicht erst entstehen mußte? Damit meine Rede nicht vergeblich sich abmühe, das Unerfaßliche zu erreichen, wollen wir aufhören, über die Natur des höchsten Gutes nachzugrübeln, da es unmöglich ist, so Erhabenes zu begreifen, und wollen es schon als einen Gewinn aus unserer Untersuchung betrachten, wenn wir gerade infolge der Unmöglichkeit, das Gesuchte zu ergründen, einigermaßen eine Ahnung von der unendlichen Größe des Gesuchten bekommen. Je mehr wir aber einsehen, daß jenes Gut über unser Erkenntnisvermögen erhaben ist, desto höher wollen wir auch die Trauer darüber in uns steigern, daß das Gut, von dem wir getrennt sind, von [S. 179] solcher Beschaffenheit und Hoheit ist, daß wir es nicht einmal mit unseren Gedanken erschließen können.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger