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Gregor v. Nyssa (†394) - Acht Homilien über die acht Seligkeiten
Dritte Rede: "Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden."

I

Was bedeutet nun der Ausspruch: „Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“ Allerdings könnte einer, der seinen Blick auf die Welt richtet, lächeln und über den Ausspruch sich spöttisch also auslassen: „Wenn man diejenigen im Leben seligpreist, die von lauter Mißgeschick verzehrt werden, dann sind folgerichtig jene unglücklich, die ihr Leben ohne Leid und Schmerz genießen!“ Und er wird noch mehr spotten, wenn er, sich anschickend die verschiedenen Arten von Mißgeschicken aufzuzählen, das Elend des Witwenstandes und dessen Jammer vorführt, Vermögensverluste, Schiffbrüche, Kriegsgefangenschaft, ungerechte Verurteilungen bei Gericht, Verbannungen, Gütereinziehung, Aberkennung der bürgerlichen Rechte, Heimsuchungen durch Krankheit wie Erblindung, Verletzung und überhaupt die mannigfachen Leiden des Körpers. Und wenn sonst dem Menschen in diesem Leben ein Übel an Leib oder Seele zustößt, so wird er auf sie alle hinweisen, um [S. 174] die Lächerlichkeit des Ausspruches darzutun, der die Trauernden seligpreist. Aber unbekümmert um solche, welche die göttlichen Worte mit kleiner, niedriger Seele betrachten, wollen wir nach Kräften den Reichtum, der, wenn auch verborgen, im Ausspruche liegt, zu erkennen suchen, damit auch dadurch der große Unterschied offenbar werde, welcher zwischen irdischer, fleischlicher Auffassung und hoher himmlischer Gesinnung besteht.

Nahe liegt es, vor allem jene Trauer glückselig zu preisen, die wir über Verfehlungen und Sünden empfinden, gemäß der Lehre des Paulus über die Traurigkeit; nach derselben gibt es nicht bloß eine Art Traurigkeit, sondern eine weltliche und auch eine nach dem Herzen Gottes: die weltliche bereite den Tod, die andere bringe den Trauernden das Heil durch die Reue (2 Kor. 7, 10). Und in der Tat eignet sich zur Seligpreisung eine Seelenverfassung, in welcher der Mensch das Böse merkt und sein in Sünden verbrachtes Leben bejammert. Es geht nämlich wie bei Erkrankungen des Leibes: ist ein Teil des Körpers durch einen Schaden schlaff geworden, so ist die Unempfindlichkeit ein sicheres Zeichen dafür, daß der schlaffe Teil bereits abgestorben ist; sobald aber durch ärztliche Kunst das Gefühl des Lebens dem Körperteil wiedergebracht worden, so beginnen, obgleich noch Schmerzen vorhanden, der Kranke und seine Pfleger sich zu freuen, indem sie gerade aus dem Umstand, daß das kranke Glied wieder den Schmerz empfindet, mit Recht schließen, der Anfang der Genesung sei bereits vorhanden. Ähnlich gibt es Menschen, welche sich der Sünde vollständig in die Arme geworfen haben, daß sie, wie der Apostel sagt, ganz abgestumpft wurden (Eph. 4, 19); sie sind gleichsam Leichname: sie haben keine Empfindung mehr für die Tugend, aber auch kein Gefühl für das Böse, das sie tun. Wenn aber eine heilkräftige Mahnung gleichsam wie eine brennende, heiße Arznei sie erfaßt, etwa eine ernste Androhung des künftigen Gerichtes, wenn diese ihr Herz durch die Furcht vor den kommenden Dingen tief erschüttert, wenn sie das unauslöschliche Feuer, den nie ersterbenden Wurm, das Zähneknirschen, das unaufhörliche Heulen, die äußerste Finsternis und alles [S. 175] Derartige wie scharfe, herbe Arznei einem durch die Leidenschaft der Wollust Erstarrten beibringt, ihm gleichsam einheizt und ihn so weit bringt, daß er den schlimmen Zustand fühlt, in welchem er sich befindet, so bereitet eine solche Mahnung gerade dadurch, daß sie der Seele die Empfindung des Schmerzes einflößt, seine Seligpreisung vor. Daher geißelte auch Paulus jenen, der in wütiger Lust gegen das Lager des Vaters gefrevelt, mit seinem Tadel nur so lange, als er sich gegen seine Sünde unempfindlich zeigte; als aber die Arznei der Züchtigung ihre Wirkung tat, begann Paulus den Mann als einen, der durch die Traurigkeit schon glückselig geworden, zu trösten, damit er nicht, wie er sagt, vom Übermaß des Schmerzes verzehrt werde. Auch dieser Gedanke soll nicht unnütz für das Tugendstreben sein, weil ja die Sünde im menschlichen Leben überfließend vorhanden ist: als ihr Heilmittel wurde die Trauer nachgewiesen, die durch die Reue hervorgerufen wird.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger