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Gregor v. Nyssa (†394) - Acht Homilien über die acht Seligkeiten
Erste Rede: "Selig die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich!"

III

[S. 158] Doch kehren wir zu unserem Gegenstande zurück, um nach Schätzen zu graben, und lassen wir nicht ab, wie ein Bergmann zu forschen, um das Verborgene an das Tageslicht zu befördern. Es heißt: „Selig sind die Armen im Geiste!“ Schon früher wurde es in gewisser Hinsicht hervorgehoben und soll jetzt wiederholt werden, daß das Ziel und Ende des Tugendstrebens in unserer Verähnlichung mit Gott besteht. Nun entzieht sich aber Gott, weil er vollständig ohne Leidenschaft und ohne Makel ist, einer durchaus vollkommenen Nachahmung von seiten der Menschen; denn es ist unmöglich, daß sich das in Leidenschaften befangene Menschenleben allseitig jener Natur angleiche, die keiner Leidenschaft fähig ist. Wenn nun Gott nach dem Apostel „allein selig“ ist (1 Tim. 1, 11), die Menschen aber einerseits nur durch ihre Angleichung an Gott an der Seligkeit teilnehmen, andererseits die allseitige Nachahmung Gottes durch uns ausgeschlossen ist, so ist folglich eine vollkommene Seligkeit für das menschliche Leben unerreichbar. Teilweise jedoch bietet sich Gott den Menschen, die wollen, zur Nachahmung dar. Inwiefern? Mit „der Armut im Geiste“ scheint mir das Wort die freiwillige Verdemütigung zu bezeichnen. Als Beispiel hiefür stellt uns der Apostel jene „Armut“ Gottes vor, die er im Auge hat, wenn er von Gott sagt, daß er „unsertwegen arm wurde, damit wir durch seine Armut reich würden“ (2 Kor. 8, 9). Da nun alle anderen Eigenschaften, die wir an Gott erkennen, das Maß der menschlichen Natur übersteigen, die Demut und die Erniedrigung aber uns gewissermaßen angeboren ist und innig mit uns verwachsen ist, die wir da auf Erden wandeln, aus der Erde unser Dasein fristen und zur Erde wieder zurückkehren, so hast du, wenn du Gott in dem nachahmst, was deiner Natur entspricht, auch die selige Schönheit angezogen.

Niemand aber glaube, daß die Tugend der Demut mühelos und leicht erworben werde! Im Gegenteil ist sie schwerer zu erlangen als jede andere Tugend, wie sie [S. 159] auch heiße. Warum? Deshalb, weil, während der Mensch nach Aufnahme des guten Samens sich dem Schlaf überließ, gerade der gefährlichste Bestandteil des entgegengesetzten Samens, nämlich das Unkraut des Hochmutes vom Feinde unseres Lebens ausgestreut ward und Wurzel faßte. Denn durch dieselbe Sünde, durch die unser Widersacher sich auf die (aus Ber. lies: „die“ statt „der“) Erde herabstürzte, riß er das unglückliche Menschengeschlecht in gemeinsamem Falle mit sich; und kein anderes Übel ist für uns so schlimm, wie das des Hochmutes1. Da nun die Leidenschaft des Hochmutes fast mit jedem, der an der menschlichen Natur teilnimmt, sozusagen verwachsen ist, so stellt der Herr, um denselben gewissermaßen als das Grundübel aus unseren Seelen zu entfernen, die Mahnung an die Spitze der Seligpreisungen, den freiwillig arm Gewordenen nachzuahmen, der wahrhaft glückselig ist, damit wir in dem Punkte, in welchem wir es vermögen, das heißt durch freiwillige Armut nach Kräften ähnlich werden und dadurch auch Anteil an der Seligpreisung erhalten.

Denn so heißt es: „Ihr sollt so gesinnt sein, wie Jesus Christus, der, obschon er göttlichen Wesens war, es nicht für Raub ansah, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm“ (Phil. 2, 5). Was ist armseliger für Gott als die Knechtsgestalt? was ist niedriger für den König der Welt als die Niedrigkeit unserer Natur zu teilen? Der König der Könige und der Herr der Herren nimmt freiwillig Knechtsgestalt an; der Richter über die ganze Menschheit wird einem irdischen Fürsten zinspflichtig! Der Herr der Schöpfung kehrt in einer Höhle ein; er, der das Weltall umfangen hält, findet keinen Platz in der Herberge, sondern muß sich ausgestoßen in die Krippe unvernünftiger Tiere legen lassen! Der ganz Reine und Unbefleckte läßt sich zur Annahme der schmutzigen menschlichen Natur herab; und nachdem er den Weg durch unsere ganze Armseligkeit zurückgelegt hatte, geht er so weit, daß er auch dem Tod sich unterzieht! Sehet da das Vollmaß der Demut: das Leben verkostet den Tod, der Richter wird vor den [S. 160] Richterstuhl geschleppt, der Herr, durch den alle leben, unterwirft sich dem Todesurteil des Richters; der Gebieter über alle himmlischen Mächte und Gewalten stößt nicht die Hände der Schergen von sich! Nach diesem Beispiele, mahnt der Apostel, richte sich das Maß deiner Demut!

1: nach der L.L. ohne ἐγγινόμενον νόσημα [enginomenon nosēma].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger