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Gregor v. Nyssa (†394) - Acht Homilien über die acht Seligkeiten
Erste Rede: "Selig die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich!"

I

Machen wir den Anfang der Betrachtung mit dem Anfang der Bergpredigt1! Derselbe lautet: „Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich!“ Wenn ein Mensch, voll Gier nach Geld, auf Schriften stößt, die ihm einen Schatz an einem bestimmten Ort verraten, der Platz aber, der den Schatz enthält, dem Geldgierigen viel Schweiß und Mühe schon im voraus ankündigt, wird dieser nun den Anstrengungen gegenüber erschlaffen, auf den Gewinn leichthin verzichten und trotz seines Gelddurstes es für süßer halten, keine Mühe aufzuwenden als reich zu werden? Nein, abermals nein! Im Gegenteil, rasch wird er seine Freunde rufen, von allen Seiten Hilfe herbeiholen und mit einem ganzen Aufgebot von Arbeitskräften darangehen, den verborgenen Schatz zu seinem Eigentum zu machen. Damit ist, meine Brüder, jener Schatz gemeint, auf den die Heilige Schrift aufmerksam macht und der auch unter einem gewissen [S. 155] Dunkel verborgen liegt. Verlangend nach lauterem Golde, wollen wir uns daher eifriger Gebete wie vieler Hände bedienen, damit wir den Reichtum heben und dann gleichmäßig den Schatz teilen, so daß jeder ihn ganz erwerbe. Denn, handelt es sich um eine Verteilung der Tugend, so kann sie allen, die nach ihr streben, gegeben werden, und jedem fällt sie ganz zu, ohne daß die Mitbesitzer irgendwie benachteiligt werden. Bei der Verteilung von irdischem Reichtum allerdings schädigt einer, der mehr an sich reißt, die anderen, mit denen er teilen soll; denn wer einen größeren Anteil nimmt, vermindert notwendig den Anteil seiner Genossen. Der geistige Reichtum aber macht es wie die Sonne, indem er allen Anteil an sich gewährt, die ihr Augenmerk auf ihn richten, und ganz in das Eigentum eines jeden übergeht. Da demnach alle den gleichen Gewinn aus ihrer Anstrengung erhoffen dürfen, so mögen uns alle in gleicher Weise durch ihre Gebete bei unserer Betrachtung unterstützen.

An erster Stelle müssen wir nun, wie ich glaube, erwägen, was denn Seligkeit an und für sich bedeutet. Seligkeit ist nach meinem Dafürhalten der Inbegriff alles Guten, worin auch die Erfüllung eines jeglichen berechtigten Verlangens eingeschlossen ist. Auch aus der Vergegenwärtigung des Gegenteils von dem, was Seligkeit bedeutet, können wir zu größerer Klarheit gelangen. Das Gegenteil von „glückselig“ ist „mühselig“. Mühseligkeit hinwiederum ist die Plage, welche unangenehme, schmerzliche Gefühle erzeugt. Je nachdem der Mensch glückselig oder mühselig ist, ist seine Gemütsverfassung ganz verschieden: wer glückseliggepriesen wird, kann sich freuen und froh genießen, was die Gegenwart ihm bietet; wer aber unselig oder unglücklich genannt wird, kann sich über seine Lage nur betrüben und Leid empfinden. Was nun aber in Wahrheit glückselig ist, das ist das göttliche Wesen. Denn was wir uns immer auch darunter vorstellen mögen, auf jeden Fall ist voll Seligkeit jenes reine Leben, das unendliche, unbegreifliche Gut, die unaussprechliche Schönheit, die lautere Anmut, Weisheit und Kraft, das wahrhaftige Licht, die Quelle alles Guten, die das Universum beherrschende Macht, das [S. 156] einzig Liebenswerte, das stets Unveränderliche, das immerfort in Wonne Strahlende, die ewige Freude, jenes Wesen, das wir nie nach Gebühr schildern können, auch wenn wir alles Herrliche von ihm aussagen, was wir nur immer ersinnen können. Denn teils erreicht unser Denken die Wirklichkeit nicht, teils können wir unsere Gedanken, falls sie sich hoch emporschwingen, nicht in die entsprechenden Worte kleiden.

Da aber Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, so wird an zweiter Stelle derjenige seligzupreisen sein, dem wir auf Grund seiner Teilnahme an der wirklichen, unendlichen Glückseligkeit diesen Namen geben. Denn wie hinsichtlich der leiblichen Wohlgestalt das schöne Original in der lebendigen Person vorliegt und den zweiten Rang die in einer Nachbildung dargestellte Schönheit einnimmt, so trägt die menschliche Natur als Abbild der höheren göttlichen Glückseligkeit die Züge edler Schönheit an sich, so lange sie auch die übrigen dem unendlich Glückseligen zukommenden guten Eigenschaften2, ebenfalls abbildungsweise, an sich aufweist. Als aber der Schmutz der Sünde die Schönheit des Abbildes verwischt hatte, erschien der, welcher mit seinem lebendigen und ins ewige Leben fortströmenden Wasser uns abwäscht, so daß wir die Häßlichkeit der Sünde ablegen und in seliger Schönheit wieder erneuert werden. Und wie der Kunstverständige hinsichtlich der Gemälde zu den Unkundigen sagen kann, jene Person sei schön gemalt, die so und so beschaffene Körperteile hat, z.B. solche Haare, solche Augen, so gezeichnete Brauen, so eine Gestaltung der Wangen und alle anderen Erfordernisse, die zu einer vollkommenen Schönheit gehören, so beschreibt auch der, welcher die Seele wie in einem Gemälde dem allein wahrhaft Seligen nachbilden möchte, in seiner Zeichnung alle Einzelheiten, die in uns vereinigt sein müssen, um mit Recht seliggepriesen werden zu können. Zuerst nun verkündet er: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich!“

1: Nach der L.L. ἀρχὴ τῆς θεωρίας ἡ τῆς διδασκαλίας ἀρχή [archē tēs theōrias hē tēs didaskalias archē] (statt ἀρχὴ τῆς θεωρίας ἡ τῶν εἰρημένων τῆς διδασκαλίας ἀρχή [archē tēs theōrias hē tōn eirēmenōn tēs didaskalias archē]).
2: nach L.L. τὰς τῶν μακαρίων χατακτήρων ἐμφάσεις [tas tōn makariōn chataktērōn emphaseis] (statt τὰς τῶν μακαρίων ἀκτίνων ἐμφάσεις [tas tōn makariōn aktinōn emphaseis]).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger