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Gregor v. Nyssa (†394) - Das Gebet des Herrn

Fünfte Rede "Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!"

a) Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!

I

In seinen Unterweisungen fortschreitend, ist das Wort Gottes mit der vorliegenden Bitte auf den höchsten Gipfel der Gottseligkeit angelangt; denn in ihr gibt es an, wie der Mensch beschaffen sein soll, der sich Gott nahen will: fast nicht mehr in den Grenzen seiner Natur soll sich darnach der Mensch befinden, sondern sich Gott selbst durch Tugend ähnlich machen, so daß er ein anderer zu sein scheint, indem er tut, was Gott allein zukommt. Denn Sündenvergebung ist Gott ausschließlich eigen und ihm vorbehalten; heißt es ja doch: „Niemand kann Sünden vergeben als Gott allein“ (Luk. 5, 21).Wenn also jemand die besonderen Kennzeichen Gottes nachahmt, so wird er in gewissem Sinn selbst Gott, weil er hiedurch den Beweis dafür liefert, daß er sich ihm getreu verähnlicht. Was lehrt uns also das Wort Gottes? Dies: im Vertrauen auf unsere Lebensführung müssen wir uns zuerst das Zeugnis geben können, uns zur Ähnlichkeit mit Gott erhoben zu haben; dann erst dürfen wir es wagen, ihn Vater zu nennen, und ihn wegen unserer bisher begangenen Sünden um Verzeihung zu bitten. Denn auf unser bloßes Beten allein hin können wir nicht Erhörung erwarten, sondern wir müssen uns durch unsere Werke die Berechtigung verdient haben, vertrauensvoll zu [S. 138] bitten. Denn in den angeführten Worten spricht der Herr zu uns geradezu folgendes: Wer dem Barmherzigen sich naht, soll selbst barmherzig sein, wer dem Guten, gut, wer dem Gerechten, gerecht; nur der Geduldige nahe sich dem Geduldigen, nur der Menschenfreundliche dem Menschenfreundlichen. Und in gleicher Weise sollen wir den Gütigen, den Milden, den Spender der Gnaden, den Allerbarmer und überhaupt jede gute Eigenschaft, die wir an Gott wahrnehmen, getreulich in unserem Tun und Lassen nachahmen und uns dadurch die Möglichkeit erwerben, vertrauensvoll zu beten. Wie daher ein Schlechter unmöglich mit dem Guten vertraut werden oder einer, der sich in unreinen Gedanken wälzt, mit dem Reinen und Unbefleckten in Freundschaftsverhältnis stehen kann, so führt die Hartherzigkeit des Beters eine Trennung zwischen ihm und unserem menschenfreundlichen Gott herbei. Wer demnach seinen Schuldiger in bezug auf seine Schulden hart behandelt, der scheidet sich durch sein Benehmen von Gott, der die Menschenfreundlichkeit selbst ist. Denn welche Gemeinschaft besteht zwischen Menschenfreundlichkeit und Hartherzigkeit, zwischen einem liebevollen und einem gefühllosen Herzen? Und so scheiden alle guten Eigenschaften, die sich nur immer durch ihre Gegensätzlichkeit zum Bösen, als dessen Gegenteil erkennen lassen, unerbittlich von den ihnen gegensätzlichen schlimmen Eigenschaften; wer demnach diese oder jene Eigenschaft hat, ist von der gegenteiligen völlig geschieden. Wie etwa ein Verstorbener nicht mehr am Leben Anteil hat und ein Lebender vom Tode geschieden ist, so müssen alle, die sich der Menschenfreundlichkeit Gottes nahen, notwendig jede Hartherzigkeit ablegen. Wer aber alles, was wir als bös bezeichnen, ganz abgelegt hat, wird durch eine solche Seelenverfassung gewissermaßen göttlich, weil er in sich jene Vollkommenheit hergestellt hat, die unsere Vernunft dem göttlichen Wesen zuerkennt.

Siehst du, zu welcher Höhe der Herr durch die Gebetsworte alle, die auf ihn hören, erhebt, indem er die menschliche Größe in eine mehr göttliche umwandelt und die Menschen, die sich Gott nahen, auffordert, selbst göttlich zu werden. Er ruft dir gleichsam zu: warum trittst [S. 139] du vor Gott wie ein Sklave, von Furcht niedergebückt und von Gewissensbissen gepeinigt? Warum raubst du dir selbst den Mut zu vertrauensvollem Gebete, der nur in einer freien Seele wohnt und der ursprünglich zu unserem Wesen gehörte? Warum gebrauchst du Schmeichelreden dem gegenüber, der sich nicht durch Schmeichelei gewinnen läßt? Warum wendest du dich in wohldienerischen, gleißnerischen Worten an den, der auf die Werke sieht? Alles Gute, das Gott uns geben kann, kannst du auf Grund eigener Entscheidung erlangen, wenn du nämlich zu guter, edelmütiger Gesinnung dich entschließest. Werde dein eigener Richter und fälle selbst ein freisprechendes Urteil über dich. Du begehrst von Gott Nachlaß deiner Schulden; laß du sie nach, und Gott hat gerichtet; denn dein Urteil über deinen Nächsten ― es steht in deiner Gewalt ― verschafft dir den gleichen Urteilsspruch von Gott, ob es so oder anders lautet. Worauf du bei dir selbst erkennst, das wird dir vom Gerichte Gottes bestätigt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger